Donnerstag, 26. Juli 2012

Der doppelte Jahrgang – ein großes Problem?


von Michael Sapper

Es steht das ultimative Chaos bevor: Der doppelte Jahrgang aus Bayern wird an die Universitäten strömen, sodass ein geregelter Ablauf an der Uni nicht mehr ermöglicht werden kann. So oder so ähnlich war die Erwartung zum Wintersemester 2011/12. Was kann man nach einem halben Jahr nun darüber sagen? Der Versuch einer Bilanz.

Seit dem Wintersemester 2011/12 studieren fast 50.000 Menschen an der LMU. Allein 10.000 haben ihr Studium in diesem Jahrgang begonnen. Das ist ein Zuwachs von ca. 18 % im Vergleich zum vorherigen Jahr. Der doppelte Jahrgang und auch das Aussetzen der Bundeswehr machte vielen Universitäten zu schaffen. Die Masse an Studienwilligen überflutete die Hochschulen. Doch welche Auswirkungen hatte das auf den studentischen Alltag? Konnte die LMU das vorausgesagte Chaos vermeiden?

> Studienplätze. Überfüllte Hörsäle, auf dem Boden sitzende Studenten – das gab es auch schon vor dem doppelten Jahrgang – in den beliebten Studiengängen. Normalerweise dürften bei solch einem Ansturm noch weniger Studenten Sitzmöglichkeiten haben. Doch das große Chaos blieb aus. Unter anderem, weil die LMU neue Räume in Freimann mietete, sodass nun auch dort Seminare stattfinden können. Doch auch diese Lösung hat Nachteile für die Studenten: Die Zeit zwischen zwei Veranstaltungen reicht oft nicht aus, um pünktlich von Freimann zum Hauptgebäude zu gelangen. Neue Methoden, um überfüllte Hörsäle zu vermeiden – wie beispielweise Vorlesungen als Podcast ins Internet zu stellen – werden noch zu selten genutzt. Eine andere Möglichkeit: Die Vorlesung wird per Video in andere Säle übertragen, sodass keine Platzprobleme entstehen. Allerdings benötigt man dazu eine einsatzfähige Technik.


MVG kommt an die Belastungsgrenze

> MVG. Rush Hour in U- und S-Bahn: Gerade im Wintersemester, wenn man selten aufs Fahrrad zurückgreifen kann, musste man teilweise „zwei bis drei U-Bahnen passieren lassen“, wie eine Lehramtsstudentin verzweifelt sagt. Besonders, wenn mal wieder ein Fahrzeugschaden vorliegt. Doch abgesehen von den unverschämten Preisen, kann man der MVG nicht viel vorwerfen, da sie zu den Stoßzeiten auf der Linie U3/6 versucht, fast im Minutentakt die Umsteigebahnhöfe Odeonsplatz, Marienplatz oder Sendlinger Tor anzufahren.

> Bibliothek. Jeder, der eine Hausarbeit schreiben muss, kennt diese Situation. Es gibt zwar das Buch der Bücher für das eigene Thema. Doch es steht nie da, wo es sein soll.
Auch dieses Problem gab es schon vor dem doppelten Jahrgang. Doch wurde es durch die höhere Studentenzahl noch verschärft – ähnlich wie bei den Plätzen im Hörsaal und der MVG. Um dem entgegenzuwirken, werden immer mehr Bücher online angeboten. Der Nachteil: Es gibt Probleme mit den Verlagen sowie dem Leistungsschutzrecht. Darüber hinaus werden Studenten noch zu wenig über die neuen Möglichkeiten informiert.


Vorkurse gleichen keine Defizite aus

> Studiumsvorbereitung. Reichen acht Jahre auf dem Gymnasium, um ausreichend auf ein Studium vorbereitet zu werden? Abgesehen von der fehlenden Lebenserfahrung, die in dem Alter nicht vernachlässigt werden darf, wurden auch die Lehrpläne an Schulen umgestellt. Das hatte zur Folge, dass der G8-Jahrgang den Schülern nicht die gleichen Voraussetzungen bieten kann wie Schülern aus dem G9. Eine Lehramtsstudentin für Mathe und Deutsch (G8) sollte in ihrem Mathe-Seminar Beweise durchführen. Doch wie soll man etwas ausrechnen, das man in der Schule nicht gelernt hat, das an der Universität allerdings vorausgesetzt wird? Dennoch: Selbst von Schule zu Schule gibt es teilweise erhebliche Wissensunterschiede.
Die TU München hatte vor dem Semester extra einen Kurs bereitgestellt, um alle G8-Schüler auf den gleichen Vorkenntnisstand zu bringen. Natürlich ist auch das wieder mit einem höheren Zeitaufwand für die Neu-Studenten verbunden. Außerdem beklagt eine Maschinenbaustudentin: „In diesem Vorkurs wurde die Mathematik der ersten vier Semester behandelt, anstatt die Defizite vom G8 zum G9 zu begleichen. Große Teile davon waren sehr unverständlich für Studienanfänger. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass der Vorkurs absichtlich so gestaltet wurde, um bereits im Vorfeld auszusieben, damit gar nicht erst so viele G8ler ein Studium anfangen und das erste Semester nicht so überfüllt ist.“ Geholfen hat das wenig: 1.400 Studierende sind derzeit für Maschinenbau eingetragen.

> Alter. Die Wahrscheinlichkeit, dass G8-Studenten unter 18 Jahre alt sind, ist so hoch wie nie. Minderjährige Studenten sind zwar nichts Neues, waren aber doch seltene Ausnahmen. Jetzt reicht es aus, wenn ein Schüler eine Klasse überspringt, um an der Uni noch keine 18 zu sein. In solchen Fällen muss alles Rechtliche noch von den Eltern unterschrieben werden, wie zum Beispiel die Immatrikulation oder Prüfungsanmeldungen. Ein weiterer Nachteil: Man hat eventuell auch Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen – unter anderem, weil man nicht an Partys teilnehmen darf. Jeder Erstsemester-Student ist in der Regel zunächst überfordert mit der neuen Situation. In punkto Lebens- und Wissenserfahrung ist es nicht unbedingt ein Vorteil, schnell durchgeschoben zu werden und als Durchschnitts-G8ler – bei einer Regelstudienzeit von sechs Semestern – mit 21 ein Studium abgeschlossen zu haben.


Chaos ja – aber in erträglichem Umfang

> BAföG. Viele Studenten mussten aufgrund der Mehrfachbelastung des BAföG-Amtes über ein halbes Jahr auf ihre finanzielle Unterstützung warten. Die Folge: Manche Studenten lebten am Existenzminimum, mussten ihren Dispo überziehen und konnten sich fast nicht mal mehr eine warme Mahlzeit am Tag leisten.

Was lässt sich also sagen nach einem halben Jahr, welchem das totale Chaos vorausgesagt wurde? Die Tatsache, dass die Uni noch steht und auch, dass im Sommersemester immer noch viele Studierende zu sehen sind, ist ein Beweis dafür, dass es doch irgendwie ganz gut funktioniert. Die LMU und TU waren – im Gegensatz zum Studentenwerk – größtenteils gut vorbereitet und haben gezeigt, dass sie mit dem Ansturm umgehen können. Natürlich lief nicht alles reibungslos, aber wo gibt es das schon? (ms)



Weiterführende Links/Info-Box

Online-Bücher/Zeitschriftenartikel:
Zahlen & Fakten zur LMU:
Studierende Insgesamt: 49.180
Studienanfänger im 1. Hochschulsemester (SoSe 2011 + WiSe 2011/2012): 10.234
Bewertung des Studentenwerkes: https://ssl.netques.de/svy/stwm/7Vg8sEuO/

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen