Sonntag, 15. Februar 2015

Tsipras im Louvre

Dass Museen nicht nur Orte der Erinnerung sind, sondern auch Bezüge zu tagespolitischen Themen haben können, hat am vergangenen Sonntag ein Flashmob gegen die sogenannte europäische Rettungspolitik im Louvre in Paris gezeigt.

Vor der Nike von Samothrake, einem der Prachtstücke des Louvre, stießen verwunderte Touristen auf dem Weg zur Mona Lisa und anderen Kunstschätzen plötzlich auf griechische Flaggen, Plakate und rund 20 Exil-Italiener und Franzosen, die lautstark und unter dem Applaus der Menge ein Europa der Menschen und nicht der Märkte forderten.
Da will man nur zur Mona Lisa, und dann so was.

Der symbolträchtige Ort sollte nicht nur auf den erhofften Sieg über die Sparpolitik (Nike = Sieg auf griechisch) verweisen, sondern auch auf die "kulturellen Schulden" Europas gegenüber Griechenlands. In der Tat ist die Sammlung griechischer Skulpturen (etwa der Venus von Milo) einer der bedeutendsten Bestandteile des Louvre - und damit auch ein nicht vernachlässigbarer Faktor für den Weltruf der Kunststadt Paris.

Nach einem kurzen Marsch durch eben diese Sammlung konnten die Demonstranten schließlich mehr oder weniger ungestört Richtung Ausgang ziehen, begleitet von einigen Museumswärtern, deren Reaktion zwischen hektischer Überforderung und gelangweilter Resignation schwankte.


Römische Antike neben griechischer Gegenwart


Zeitgleich fand nur wenige hundert Meter weiter, wie auch in anderen europäischen Großstädten, eine große Solidaritätskundgebung mit der griechischen Regierung um Alexis Tsipras statt. Tsipras' Wahlsieg hat weit über Griechenland hinaus große Teile der europäischen Linken elektrisiert. Auch die Koalitionsbildung mit den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen und die klare Ablehnung seitens der übrigen europäischen Regierungen haben dieser Euphorie noch nichts anhaben können. Anlass zur Sorge kann man jenseits des Unterstützer-Lagers in der sehr konfrontativen Rhetorik sehen. Ungeachtet der Komplexität der Lage wird die Sparmpolitik regelmäßig auf die Handlung einiger weniger Akteure (Merkel, Juncker, Draghi) reduziert, denen vermeintliche 99 Prozent der Europäer entgegenstünden. Angesichts ungebrochen hoher Umfragewerte für Merkels Politik darf diese Darstellung der Dinge nicht nur ernsthaft bezweifelt werden, sie führt darüber hinaus zur Bildung von Feindbildern, die sich nur zu schnell verselbstständigen können. Wenn etwa Schäuble in Karikaturen als blutrünstiger Nazi dargestellt wird, wie kürzlich geschehen, hat das nur noch wenig spezifisch mit seiner Person zu tun. Zum Klischee vom Deutschen als "Ewigem Nazi" ist es da nur ein kleiner Schritt. Die Basis für ein neues, gemeinsames Europa kann das nicht sein.

Im Louvre, passend zur kulturell erhebenden Atmosphäre, war man zum Glück feinfühlig genug auf rhetorische Brechstangen dieser Art zu verzichten.
Ob man in der Pinakothek brachialer mit ihnen umgesprungen wäre?

Text: Eckhard Wallis - Paris

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