Montag, 25. Mai 2015

Mit leeren Taschen um die Welt

  Die passende Balance zwischen Freizeit und finanzieller Unabhängigkeit ist nicht unbedingt leicht zu finden. Die Suche danach stürzt Studenten immer wieder in ein schmerzhaftes Dilemma. Relativ viel Zeit, ziemlich wenig Geld. So sieht studentische Realität aus. Zumal, wenn wir hier schon ganz ehrlich sind, unsere Ansprüche auch nicht gerade sinken. Unsere Elterngeneration hat sich vielleicht noch mit dem Campingurlaub am benachbarten Baggersee zufrieden gegeben, doch heute will man mehr. Man will die Nächte durchmachen in New York City, die Füße tief im balinesischen Sand vergraben und sich den Adrenalinkick beim Surfen in Südafrika holen. Die eigene Stube ist lange nicht mehr genug. Es muss bitteschön die ganze Welt sein. Huch, da ist es ja wieder! Das Dilemma mit dem Geld und der Zeit. Doch Abhilfe naht. Es gibt sie noch: die kostenlosen Reisespots mit der Garantie auf unbezahlbare Erfahrungen.


                             

Street Art in Shoreditch, London

//London//

 

London ist so ein Spot. Paradoxerweise, möchte man sagen, denn die Themsestadt ist eigentlich genau das, was gern als ‚teures Pflaster‘ bezeichnet wird. Zum Leben? Ja. Zum Urlaub machen? Nur bedingt. In einer Ära von Billigfliegern, Airbnb und Co. sind Anreise und Unterkunft in London eine auch für Studenten zu meisternde Herausforderung. Kniffliger wird’s da schon mit dem täglichen Touri-Programm. Sightseeing-Touren, Essen, Feiern und nicht zuletzt die öffentlichen Verkehrsmittel schlagen tiefe Furchen in die Urlaubskasse. Ein mögliches Gegenmittel sind meine persönlichen London Hotspots. Nicht zu touristisch, aber trotzdem typisch London und vor allem eins: verdammt günstig bis vollkommen kostenlos!



1 Besucht die Brick Lane!

 

Diese Straße befindet sich im Herzen des Londoner East Ends und führt von Whitechapel im Süden bis hinein ins absolute Hip-Viertel Shoreditch. Wenn man will, kann man hier ohne einen einzigen Pfund auszugeben, eine Ahnung von der Vielfältigkeit und dem aufregenden Kulturmix Londons bekommen. Der Süden der Brick Lane ist heutzutage das Zuhause einer riesigen Bangladeshi Gemeinde, die ihren ganz eigenen Fußabdruck in der Straße hinterlassen hat. Straßenschilder auf Englisch und Bengali, riesige Stoff- und Sarigeschäfte und jede Menge Restaurants, die die Straße in eine betörende Curry-Duftwolke tauchen. Nicht umsonst wird die Gegend von den Londonern auch häufig als ‚Banglatown‘ bezeichnet und die Brick Lane liebevoll in ‚Curry Lane‘ umgetauft. Je weiter man Richtung Norden schlendert, umso mehr übernimmt die junge, künstlerische, hippe Bevölkerung Londons das Ruder. Die Street-Art-Dichte ist hier so groß, wie fast nirgendwo anders in der Stadt und nach und nach poppt ein Jungdesigner-Store nach dem anderen auf. Bezahlbar sind die meist nicht unbedingt, aber interessant umso mehr! Besonders am Sonntag sollte man dieser Meile einen Besuch abstatten, denn dann öffnet der Brick Lane Market. Es gibt einen Haufen fantastisches Street Food, Vintage Läden hinter versteckten Kellertüren und mitten drin eine Markthalle für alles, was das weltoffene und moderne Herz begehrt. Wer doch ein paar wenige Pfund locker machen kann, sollte den Besuch der Brick Lane in ihrem Norden mit einem „Salty Beef Bagel“ ausklingen lassen. Diese Bagel-Bäckerei ist 24/7 geöffnet, hat das unfreundlichste Personal, das mir je begegnet ist, aber die besten Bagels der ganzen Stadt. Eine echte Londoner Institution eben.

2 Beautiful Portobello Road

 

Zugegeben, ein Insider Tipp ist die Portobello Road und der immer samstags stattfindende Markt nicht mehr. Spätestens seit Julia Roberts in „Notting Hill“ Hugh Grant mit nassen Augen und zitternder Stimme erklärt, dass sie nur ein Mädchen ist, das vor einem Jungen steht und ihn bittet….und so weiter und so fort, weiß die halbe Welt von der traumhaften Portobello Road. Wie der Filmtitel schon verrät, befindet sie sich in einem der nach wie vor schönsten Viertel Londons: in Notting Hill. Elegante, zuweilen bunte, viktorianische Wohnhäuser gepaart mit dem individuellen Flair zahlreicher kleiner Boutiquen, Restaurants und Pubs machen die Anziehungskraft dieser Gegend aus. Wenn die Straße samstags zur Fußgängerzone wird und von Flohmarktständen über Gemüse- und Blumenverkäufer alles vertreten ist, sollte man sich unbedingt in die Menge mischen. Natürlich wird man nicht der einzige Tourist sein, der hier unterwegs ist. Schön ist aber, dass sich auch immer noch viele Londoner rumtreiben, die ihre Einkäufe für die nächsten Tage erledigen. Die Portobello Road ist zum Glück kein reines Bühnenbild für Touristen. Sie ist auch immer noch sozialer Treffpunkt des Viertels. Wer an der Station Ladbroke Grove ankommt, sollte zunächst dem Weg unterhalb der Bahntrasse folgen, bis er an die Kreuzung Portobello Road kommt. Besonders empfehlenswert ist hier wieder das Street Food. Bei Regen kann man es sich in einer Art Lounge unterhalb der Trasse gemütlich machen. Diese wirkt wie eine überdimensionale Garage, in der mit Hilfe von Europaletten, Gartenstühlen und unzähligen Decken ein kräftiger Schuss improvisierter Gemütlichkeit Einzug gefunden hat. Das Beste: Lokale Musiker aus allen Bereichen sorgen für richtig gute Livemusik und das alles für Lau!

3 Was tun bei Regen?

 

Es ist leider nicht nur ein Klischee, dass man in London immer mit dem einen oder anderen Schauer rechnen muss (übrigens: tatsächlich immer rechnen muss, denn egal wie strahlend freundlich der Tag beginnt, 10 Minuten später kann es ganz anders aussehen!). Wer nicht aus Zucker ist, stürzt sich trotzdem draußen in die Regenschirmarmada und entwickelt vielleicht sogar Spaß daran, Kopfslalom zu spielen, um nicht Bekanntschaft mit einer spitzen Regenschirmecke zu machen. Wem das zu abenteuerlich und irgendwie ungemütlich ist, für den gibt es natürlich Alternativen.
Shopping in London ist immer eine gute Idee. Aber auch eine teure. Dafür sind die Wege von Shop zu Shop auf der Oxford Street oder in Covent Garden nicht weit und bei Regen bestens geeignet. Wem auch das zu nass wird: Die Westfield Mall in Shepherds Bush bietet alles, was das Fashion-Victim begehrt und im Traditionshaus Harrods macht es auch ohne Kohle Spaß, sich zu verlaufen!
Oder darf’s ein bisschen Kultur sein? Es ist sicherlich fast allen bekannt, muss aber nochmal erwähnt werden: Museen in London sind kostenlos! Und wer bei der Auswahl nicht das passende Haus für sich findet, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Meine Favoriten: Das Tate Modern, das im alten Bankside Kraftwerk zu Hause ist und das berühmte Victoria and Albert Museum, das vom antiken Kunsthandwerk bis hin zur Alexander McQueen Ausstellung einfach alles zu bieten hat.
Wer sich mehr für das bewegte Bild interessiert und ein Fan von Originalton ist, könnte auch einem Kino einen Besuch abstatten. Wer die großen Filmpaläste am Leicester Square meidet, kann zudem viel Geld sparen. Viele der kleineren Kinos bieten Student Discount an. Für etwa 4 Pfund sind Tickets zu haben, beispielsweise im fabelhaften Genesis Cinema in Whitechapel. Hier ist es nicht nur günstig; das Kino wartet auch mit angesagtem Loft- und Industriecharakter im Foyer auf.

4 Keine Angst vor britischer Küche! 

 

Zugegeben, ich kann nicht beurteilen, wie es um die britische Küche im Allgemeinen steht. Aber was London betrifft, sollten sich viele deutsche Großstädte etwas abschauen. Neben jeder nur erdenklichen internationalen Küche sind aber auch die traditionellen Pubs hervorzuheben. Wer zeitgleich auf seinen Kontostand achten will, sollte zu Wetherspoon gehen. Das Internet kann helfen, diese Pubs ausfindig zu machen, denn das Besondere ist, dass sie eigentlich überall sind, aber nicht nach Gastronomiekette aussehen. Jeder Laden heißt anders und sieht anders aus; gleich ist nur die Speisekarte. Burger und einen Pint Bier gibt es hier übrigens zusammen schon ab etwa 8 Pfund. Das ist in London wirklich selten. Wem auch das zu fancy ist oder wer Lust auf ein gepflegtes Picknick im Hyde Park hat, der kann auf die berühmten ‚Meal Deals‘ der Supermärkte Tesco und Sainsburys zurückgreifen. Für 3 Pfund kann man sich Getränk, Snack und Sandwich selbst zusammenstellen. Meal Deals sind, ohne Übertreibung, meine wichtigste Nahrungsmittelgrundlage gewesen! Also keine Scheu vor dem ‚London Student Way of Life‘ und rein ins Meal Deal Paradies.

5 Hammersmith Promenade 

 

Ganz ehrlich, ich liebe den Londoner Trubel und die Hektik! Hin und wieder aber verspürt man den Drang, dem Geschubse, Gehupe und Gebummel von Oxford Street und Co. zu entkommen. Neben den wunderschönen Parks gibt es für mich den ultimativen Runter-Fahr-Ort: Die Promenade am Thames Path in Hammersmith. Egal, was genau für die tiefenentspannte Atmosphäre hier sorgt, entscheidend ist, es funktioniert! Die Gegend im Londoner Westen ist allgemein eher eine Wohngegend und daher nicht furchtbar touristisch.  Hinzu kommt der meditative Einfluss, den Wasser nun einmal häufig ausübt. Wenn man bei schönem Wetter an der Promenade entlang flaniert, wird zunächst Bekanntschaft mit einer der schönsten Themsebrücken Londons geschlossen: der grün-lackierten, ornamentalen Hammersmith Bridge. Ostwärts nimmt die Pubdichte langsam zu und es zieht die Londoner gemütlich mit dem Feierabendbierchen nach draußen vor die Pubtüren und auf die Promenade. Britisches Savoir-Vivre in Bestform! Mein persönliches Highlight: sich auf die superbreite Kaimauer fläzen, Beine baumeln lassen, Musik auf die Ohren, Buch vor die Nase oder einfach den Augen freien Lauf lassen. Von dem langsamen Gefließe der Themse bis zum wunderschönen alten Harrods Furniture Depository am gegenüberliegenden Ufer, das einen ins London des vergangenen Jahrhunderts beamt - die pure Entspannung!

London ist eine der aufregendsten und abwechslungsreichsten Städte unseres Kosmos, weshalb meine kleine Auswahl natürlich auch nur ein Fragment dessen ist, was sich hier begutachten und erleben lässt. Der letzte Tipp, den ich deshalb mit auf den Weg nach London geben will, ist folgender: Startet zum Beispiel an den vorgeschlagenen Spots und dann schnürt die schicken Cityboots und lauft einfach mal zu Fuß drauf los! Wer geht, dem ent-geht nur wenig. Die besten Orte sind fast immer Zufallsprodukte, also lasst den Reiseführer ruhig hin und wieder zu Hause und schaut, in welche Ecken euch Londons Rhythmus treibt!




Von Anna-Lena Niemann

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