Mittwoch, 10. Juni 2015

Leiche im Backstage

Bericht über die Sondervorlesung des Dr. Eckhart von Hirschhausen


© Det Kempke


6. Mai 2015. Mittwoch, 15:30 Uhr. Hochmotiviert betrete ich die Anatomische Anstalt eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn – und muss doch feststellen, dass sich vor dem Hörsaal bereits eine riesige Menschenschlange gebildet hat. So ehrgeizig die Münchener Medizinstudenten auch sind, dass sie für die Teilnahme an einer Vorlesung denselben Ehrgeiz zeigen wie andere für die Teilnahme am Winterschlussverkauf eines angesagten Modegeschäfts, ist dennoch selten. Heute jedoch können viele die kommende Veranstaltung kaum noch erwarten – es handelt sich schließlich um eine Sondervorlesung des Kabarettisten und Autors Dr. Eckhart von Hirschhausen.

Endlich beginnt der Einlass. Der Hörsaal füllt sich schnell und kaum haben die letzten neugierigen Studenten ihre Sitzplätze eingenommen, betritt auch schon Dr. von Hirschhausen den Saal. Das Geplapper verstummt. Die Blicke richten sich gespannt auf den Mann, um den es heute geht. Hirschhausen rückt sein Mikro zurecht, klopft prüfend dagegen und legt los: „Ich habe ja schon viele kuriose Dinge erlebt, aber noch nie war im Backstage eine Leiche“. Gelächter im Hörsaal. Hirschhausens Blick wandert zur Seite, wo normalerweise die medizinischen Präparate zur Veranschaulichung in den Anatomievorlesungen gezeigt werden.

Im Laufe seines Vortrags erzählt er uns von seinen Erlebnissen aus dem Medizinstudium, von seiner Stiftung „Humor hilft heilen“ und seiner Mission. Er sei der Medizin bis heute treu geblieben, jedoch möchte er nicht mehr Krankheiten heilen, sondern diese durch Prävention im Sinne von Aufklärung gar nicht erst entstehen lassen. Aus diesem Grund reist er durch die Bundesrepublik und übt eine ärztliche Tätigkeit aus – nicht indem er Pillen verschreibt, sondern indem er mit den Menschen redet. Überhaupt, betont der ehemalige Arzt, nehme die Kraft der Worte einen hohen Stellenwert in der Medizin ein. Hirschhausen stellt heraus, wie wichtig es ist, auf die richtige Wortwahl zu achten und stimmt uns durch seine ganz persönliche Ansicht zum Fach "Terminologie" nachdenklich. „Ihr hattet ja schon alle Terminologie, was? Dann habt ihr auch alle die lateinischen und griechischen medizinischen Begriffe gelernt. Das heißt also, wir lernen zunächst zwei tote Sprachen, um uns damit die Wunder des Lebens zu erklären. Der Arzt ist oft mit seinem Latein am Ende, dann kann er auf Altgriechisch weitererzählen.“

Und überhaupt würden sich viele Menschen zu wenig mit Worten und deren Konnotation beschäftigen. So erzählt er von einer ihm nahestehenden Person, die eine Chemotherapie bekommen hat. „Aber was verbinden Sie mit dem Begriff ‚Chemotherapie‘? Genau, Haarausfall, Übelkeit, Erbrechen. Nicht gerade schöne Dinge. Also haben wir uns darauf geeinigt, das C-Wort nicht mehr zu benutzen und stattdessen nur noch von der ‚Heilsoße‘ zu sprechen. Ein kleiner Unterschied, aber eine große Wirkung. Denn wenn Sie wissen, dass in der Infusion die Heilsoße steckt, die Sie eben heilen wird, dann werden Sie diese viel lieber durch Ihre Adern laufen lassen als eine Infusion voll mit Chemotherapie. Zum Glück geht es dieser Person jetzt auch schon viel besser, die Heilsoße hat also gewirkt.“

Am Ende seines zweistündigen Vortrags gibt uns Hirschhausen noch einen Tipp mit auf den Weg. „Man solle das Leben nicht so ernst nehmen“, sagt er. „Und den Tod auch nicht.“ Zum Abschluss zeigt er uns sein Lieblingscartoon. Auf dem Bild sind drei Gräber zu sehen; auf dem Mittleren erkennt man folgende Inschrift „Hier ruht Salvatore, der Hütchenspieler“. Die anderen beiden Gräber enthalten folgenden Schriftzug: „Oder hier“.

Humor hat er, der Dr. von Hirschhausen.


von Jing Wu


Dr. von Hirschhausen hat in Berlin, Heidelberg und London Medizin studiert und irgendwann beschlossen, den weißen Kittel an den Nagel zu hängen und stattdessen als Kabarettist und Moderator das Publikum mit seinem Humor zu begeistern. Die von ihm gegründete Stiftung „Humor hilft heilen“ spricht sich für mehr Lachen im Krankenhaus aus, indem sie unter anderem die Schulungen der Klinikclowns fördert. In seiner Fernsehshow „Hirschhausens Quiz des Menschen“ versuchen sich regelmäßig prominente Kandidaten in ihrem Wissen rund um medizinische Themen zu übertrumpfen. Derzeit reist Hirschhausen mit seiner Kabarettshow „Wunderheiler“ quer durch Deutschland.

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