Mittwoch, 3. Juni 2015

Tausend Träume starben einen unerfüllten Tod - Ein Porträt der alten Zeit


Verrostete Gartentore, verstaubte goldene Uhren, graue Fotographien mit ausdruckslosen Gesichtern, ausgebrannte Kerzenlüster, verwinkelte Gänge, ein untergehendes Schiff und dann der zweite Krieg. Es ist eine Faszination, die auf Dachböden lauert, hinter matten Fensterscheiben und vergilbten Seiten. Eine alte Welt, die sich nicht mehr retten konnte vor der energischen Moderne. Die große Veränderung forderte jedoch schon ein Tribut bevor der zweite Weltkrieg Millionen dahinraffte. Die Luft hatte sich elektrisiert und war erfüllt von neuen Ideen. In den Köpfen der Menschen schrie etwas nach Veränderung und diese sollten sie bekommen, aber nicht ohne Preis.

Vielleicht fing es mit der allzu menschlichen Idee an, der Natur trotzen zu können. Die RMS Titanic wurde als Symbol der Kraft und des Fortschritts erbaut und galt zu seiner Zeit als „unsinkbar“. Am 10. April 1912 sollte sie in See stechen, um über 2200 Passagiere sicher über den Atlantik zu bringen, doch ironischerweise scheiterte die Titanic an einem Eisberg. Zu wenig Rettungsboote an Bord, mangelhafte Organisation. Nicht nur die Natur, sondern auch menschliches Scheitern besiegelten den Tod von über 1500 Personen. Der fulminante erste Auftritt der Titanic war gleichzeitig ihr Ende. Ein schlechtes Omen für den Fortschritt? Vielleicht. 

Leseraum der RMS Titanic


1918 in Jekaterinenburg. Auch hier wütete der Fortschritt. Die letzte Zarenfamilie Russlands wurde in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli durch aufständische Bolschewiki ermordet. Zuvor eingesperrt im Alexanderpalast, den Mauern der eigenen Macht, konnte der Zar Nikolaus II. (russisch: Nikolaj Alexandrowitsch Romanow) noch nicht erahnen welches Schicksal auf ihn und seine junge Familie wartete. Der Weg zum Schauprozess in Moskau führte über Jekaterinenburg, doch dieser Prozess sollte nie stattfinden. In der Nacht der Ermordung wurde die Zarenfamilie unter falschen Vorwänden zum Schauplatz ihres Todes geführt: ein eigens für die Ermordung präparierter Keller. Dort wurden sie dazu aufgefordert, sich in einer Reihe aufzustellen, da man ein Foto von ihnen machen wolle, um Gerüchte einer Flucht zu unterbinden. Die Ereignisse, die darauf folgten, hinterlassen selbst hundert Jahre nach dem Vorfall einen bitteren Nachgeschmack. Jurowski, der Verantwortliche für die Bewachung der Zarenfamilie, erschoss Nikolaus. Das restliche Erschießungskommando zielte auf die Familie des Zaren. Doch der kränkliche Sohn, Alexei und drei seiner Schwestern überlebten. Daraufhin griffen die Bolschewiki zu ihren Bajonetten und stachen auf ihre Opfer ein bis sie tot waren. Nach der grausamen Tat wurden die Leichen in einem Bergwerkschacht beseitigt. Ihre Gesichter wurden mit Schwefelsäure verätzt, um sie unkenntlich zu machen. Die Öffentlichkeit erfuhr nur von der Ermordung des Zaren, während seine Familie in Sicherheit gewähnt wurde. Ein Gerücht hielt sich später, nachdem die Wahrheit ans Licht gekommen war, am Leben: eine Tochter des Zaren, Anastasia, solle überlebt haben. Doch dies war vermutlich nur eine schwach flimmernde Hoffnung, die der Nachwelt dazu verhelfen sollte, die grausamen Ereignisse zu vergessen.


Zarin Alexandra Fjodorowna mit Tochter Anastasia


Doch der Fortschritt war auch ein Sprachrohr für mutige Stimmen, die sich nach Gleichheit sehnten. Die Aufklärung weckte in den Menschen die Vorstellung einer neuen Gerechtigkeit. Doch wo die französische Revolution scheiterte, wurden im 19. Jahrhundert neue Maßstäbe gesetzt. Die amerikanische Anti-Sklaverei-Bewegung weckte in der weiblichen Bevölkerung den Wunsch auf Gleichheit. Ihr Ziel war es Bildung, Erwerbsfähigkeit und das Wahlrecht für Frauen in das politische System zu integrieren. Die Engländerin Emmeline Pankhurst gründete die „Women’s Social and Political Union“. Anfangs setzten Pankhurst und ihre Mitstreiterinnen auf einen „gewaltlosen Widerstand“, der aber bald den Wandel zu Brand- und Bombenanschlägen vollzog. Die inhaftierten Suffragetten traten in Hungerstreiks und demonstrierten öffentlich für ihre Rechte, doch erst der erste Weltkrieg konnte den Zeitgeist gnädig stimmen. Im Ausnahmezustand des Kriegs übernahmen viele Frauen Aufgaben, die zuvor nur Männern oblagen und so integrierten sie sich in das öffentliche Leben. Dies ebnete den Weg zum Frauenwahlrecht, das ab 1919 unter anderem in den USA, England und Deutschland Einzug hielt. Die vielen Mühen dieser außergewöhnlichen Frauen sollten uns daran erinnern, dass das Wahlrecht für jeden einzelnen eine wichtige Verpflichtung ist.


Emmline Pankhurst (rechts)


Was wir heute sehen, ist ein anderes Bild dieser Zeit: Ein romantisches England mit alten Herrenhäusern, dessen Idylle vom zweiten Weltkrieg zerstört wird. Doch auch schon vorher sind tausend Träume einen unerfüllten Tod gestorben und Menschen haben ihr Leben im Namen des Fortschritts gelassen. Es ist wichtig, das ganze Bild zu betrachten, weil sich die Geschichte der Menschheit laufend wiederholt. Revolutionen werden seit tausenden von Jahren aus den selben Gründen geführt, Fortschritt ist ein Ideal oder ein Feindbild und letztendlich sehnt man sich immer solange nach etwas, bis man es besitzt und dann steht wieder alles auf Anfang.

von Carina Eckl


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