Freitag, 3. Juli 2015

Ein Plädoyer für die Selbstreflexion



Spieglein, Spieglein an der Wand...



Es ist nicht einfach in einer Gesellschaft zu leben, das war es vermutlich noch nie. Doch wäre es wirklich so anstrengend, wenn sich jeder Einzelne nur ein kleines Stück in die Richtung seines Gegenübers bewegen würde? Eher nicht.

Eigentlich ist es ganz einfach: Was zählt schon Materielles? Man erinnert sich ja nicht an die guten Zeiten mit dem Bankkonto der Eltern oder an den netten 50- Zoll Flachbildfernseher von gegenüber. Es sind Worte, Bilder, ein Lächeln, das wir nie vergessen werden und letztendlich sind es auch nur die guten Momente, die zählen. Aber dabei gibt es ein kleines Problem: Menschen machen es sich gerne selbst schwer und damit auch anderen. Manchmal interpretiert man Dinge in Gesten oder Worte, die dort überhaupt nicht sind. Man fängt einen Streit an und verschwendet kostbare Zeit. Alles, was einen traurig und wütend macht, ist letztendlich Zeitverschwendung, aber leider hat man nicht immer eine Wahl. Vielleicht gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das festlegt, dass Menschen sich bekriegen müssen, frei nach dem Motto: wer noch nie Leid erfahren hat, kann nicht glücklich sein. Ohne das eine versteht man das andere nicht.

Aber warum muss es in einer Welt, in der es Krankheit, Hunger und Elend gibt, auch noch Konflikte zwischen Menschen geben? Man hört öfter, dass Menschen in Entwicklungsländern glücklicher sind. Letztendlich kann man nie so genau sagen, warum das so ist, aber wenn man es auf das Wesentliche reduziert, kann eigentlich jeder glücklich sein, der gesund ist, genug zum Leben hat und im besten Fall auch noch Familie und Freunde um sich hat, die ihn lieben. Davon ausgehend müssten die meisten Menschen in Industrieländern schreiend vor Glück durch die Straßen rennen. Aber mit dem Wohlstand kommt auch der Druck: Leistungsdruck, Zeitdruck. Wir fühlen uns förmlich erdrückt von dem Unwesentlichen, das uns umgibt: Teure Klamotten, Autos, Möbel. Schnick Schnack ohne Ende. Je mehr wir besitzen, desto mehr Angst haben wir es zu verlieren. Inmitten dieser Reizüberflutung kann es leicht passieren, dass man vergisst ein Auge für das wirklich Wichtige zu haben. Natürlich definiert das jeder für sich selbst, aber wenn man sich wegen all dem Stress in der Firma nicht mehr freuen kann, dass ein Mensch Zuhause wartet, der einen liebt, dann sollte man sich wirklich Gedanken machen.

Manchmal muss Zeit dafür sein, dankbar zu sein, dass man gesund ist und ein Dach über dem Kopf hat, so spartanisch das vielleicht klingen mag. Es gibt nichts Besseres als echte Gefühle, echte Freunde, echte Liebe in einer künstlichen Welt. Dankbarkeit ist der richtige Schritt, um in dem Sumpf von negativen Erfahrungen oder Erinnerungen wieder Fuß zu fassen. Und genau das sollte man abwägen, wenn man andere Menschen beurteilt. Was weiß man schon, welche inneren Kämpfe der gemeine alte Grummel-Opa ausfechtet, oder die nervige, oberflächliche Tussi in der Vorlesung? Jeder Mensch trägt ein Päckchen mit sich. Es ist egal wie schwer das Päckchen eines anderen erscheinen mag, es ist immer so schwer, wie der Träger es empfindet. Nichts ist so verletzend wie jemand, der einen nicht versteht und die Probleme, mit denen man sich herumquält, herunterspielt.

Am Wichtigsten ist, dass man sein Gegenüber behandelt, wie man selbst behandelt werden will. Das ist einfach, aber wirksam und wenn sich jeder diesen „ausgelutschten“ Spruch zu Herzen nehmen würde, gäbe es weniger Missverständnisse und Tränen auf dieser Welt. Deshalb ist Selbstreflexion der goldene Gral unter den Charaktereigenschaften. Je ehrlicher man sich selbst beurteilt und je genauer man seine eigenen Reaktionen und Gefühle kennt, desto besser kann man sich in andere hineinversetzen. Selbstreflexion ist die Voraussetzung für Empathie und das ist doch etwas sehr Menschliches, im positiven Sinne. Wenn wir endlich damit anfangen würden, andere verstehen zu wollen, müsste niemand mehr seine Kämpfe allein ausfechten.


 von Carina Eckl

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