Samstag, 23. Januar 2016

Sein München




(c) Felix Glocker

 Herr Reitanger, mit Vornamen Josef, war jetzt knapp 70 Jahre alt. Er lebte seit fast 40 Jahren in Krugham mit seiner Frau Agnes. Ruhig und gesellig war das Leben in dem Chiemgauer Dorf, in das er gezogen war, als er nach der Hochzeit mit Agnes den Hof ihrer Eltern übernommen hatte. Doch nun wollte er seinen Lebensabend in Ruhe, ohne Arbeit, mit seiner Frau genießen. Da die beiden Söhne Anton und Michi beide den Hof nicht übernehmen wollten, entschied sich Vater Josef eines Tages den Hof in Krugham zu verpachten und samt Gemahlin in seine Geburtsstadt zu ziehen: nach München. Gern dachte er an seine Kinder- und Jugendjahre zurück, vor allem an seine alten Spezeln den Schorsch, den Hans, den Jakob und den Ludwig, mit denen er erst in der Kiesgrube Räuber und Gendarm gespielt hatte und dann in späteren Jahren spät nachts grölend um die Häuser gezogen war, wenn sie mal wieder zu lang im Schelling Salon „Billard gspuit ham“. Ebenso erinnerte er sich noch an das vertraute Gefühl, wenn er durch Schwabing, sein altes Viertel ging: Jeder kannte jeden, von überall hörte man Grüße herüberhallen; zu Terminen kam man eh immer zu spät weil der Herr Mayer, visavis wohnend, einen immer aufhielt und nahezu jeder Hinterhof war ein Spielplatz für Kinder. Vorne an der Straße parkten etliche Käfer und Motorräder.

Agnes konnte er recht schnell überzeugen und Sohnemann Anton half bei der Wohnungssuche. Schließlich fand man das neue Eigenheim für den letzten Lebensabschnitt. Geräumig war die neue Wohnung in der Innenstadt, die sich in einem Hinterhof befand. Dann im neuen Jahr war es endlich soweit; die Reitangers zogen um. Herr Reitanger kam nach unglaublichen 40 Jahren das erste Mal wieder nach München.

Und schon beim Umzug fiel ihm etwas auf, das ihn ein wenig stutzig machte; im Hof spielten keine Kinder. Und auch die nächsten Tage und Wochen spielten keine Kinder im Hinterhof. Stattdessen hörte er einmal den beiden Nachbarjungen Max und Sebastian zu, wie sie sich auf dem Flur unterhielten: „ Hey Max, geht heut noch ne Runde Fifa?“, die Antwort kam prompt: „Klar, bin in 10 Minuten on!“……Was Fifa und on wohl bedeutete? Das erfuhr der Herr Reitanger erst als sein Sohn Michi zum Kaffeetrinken vorbeikam und es seinen Eltern erklärte. Soso, dachte er sich, darum also die Leere im Hinterhof. Jedoch waren ihm noch manch andere Dinge aufgefallen, die anders waren als damals in den 50gern und 60gern. Auf den Straßen waren nun mehr Menschen und doch kam man immer pünktlich zum Doktor oder zu Verabredungen (falls der Nahverkehr es zuließ). Die Käfer wurden ausgetauscht durch größere und teurere Autos, man sagt nicht mehr „Habe die Ehre“ ,sondern „Hallo“, nur wenige kleine Geschäfte und Lokalitäten kamen dem Josef Reitanger bekannt vor; viele Restaurantketten gibt es nun und man aß meist „fast“.

Umso mehr freute er sich über die Dinge, die erhalten geblieben waren, wie z.B. die Freundschaft mit dem Schorsch, dem Hans, dem Jakob und dem Ludwig. Auch der Schelling Salon stand noch; ein Treffen wurde ausgemacht. Sie waren ja ständig im Kontakt geblieben; über die alten Zeiten hatte man gesprochen.

Als sie sich nun am Sonntag um dreiviertelzehn vormittags im Salon zum Frühschoppen trafen, stellte Herr Reitanger, mit halb ernsten und halb verwunderten Gesichtsausdruck die Frage, die ihn schon so lange auf der Zunge brannte: „Sagt´s amoi wos isn mit Minga bassiert?“ Da fingen seine vier Kumpanen an zu lachen, darüber wie eben der Herr Reitanger seine Frage gestellt hatte. Als sie sich dann aber wieder beruhigt hatten, beugte sich der Schorsch zum sehr verwunderten Reitanger hinüber und entgegnete ihm bloß: „ Mei Sepp, ausm Dörfal is hoid a Stodt woan“


von Max Karg 

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