Dienstag, 12. Januar 2016

Darf es noch ein bisschen mehr sein?


Eine Tagessuppe für 3€ - klingt nach einem Schnäppchen. Selbstverständlich gibt es einen Haken: Der Teller, gerade so mit Suppe befeuchtet, ist mit zwei bis drei Löffeln bereits gründlich geleert. Kaum zufriedenstellend gesättigt, bleiben mir da grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder ich ärgere mich ein wenig, bleibe hungrig, bestell mir noch etwas anderes, beschwere mich oder aber ich frage freundlich nach einem Nachschlag, den mir die Bedienung lächelnd vergönnt, bin zufrieden, satt und glücklich. Klingt die letztere Strategie nicht prinzipiell und ganz grundlegend lohnenswerter? Den Gastwirt habe ich wohl kaum um seinen Gewinn gebracht (Der materielle Gegenwert der Suppe beträgt vermutlich 3€ auf 10 Liter), mein persönliches Wohlbefinden hingegen um ein Vielfaches gesteigert, was sicherlich auch im Sinne des Restaurantbesitzers ist, der mich nicht das letzte Mal bei sich bewirten durfte, sowie, in Anbetracht eines großzügigen Trinkgeldes, der Bedienung.

Aber sind wir mal ehrlich,  welche der beiden Varianten würde ich wählen? Ich bezahle und mache mich mürrisch auf und davon, beschwere mich bei meinen Freunden über das schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis jener Gastwirtschaft, beschwere unser aller Laune, anstatt eine einfache Frage gestellt zu haben. Meine Begründung dafür: „Das macht man doch nicht!“ Richtig heißen muss es aber: „ICH mach' es nicht!“ Es gibt kein Gesetz, das es mir verbietet, nach einem Nachschlag zu fragen. Dieses Anliegen zu äußern obliegt allein meiner persönlichen freien Entscheidung. Mit dem persönlichen Anspruch, selbstbestimmt zu handeln, komme ich also nicht um die Frage herum: „Warum?“

Warum frage ich in der langen Schlange an der Supermarktkasse nicht, ob eine weitere Kasse eröffnet werden könnte? Warum frage ich nicht nach einer zweiten Runde, einer zweiten Chance, einem zweiten Versuch? Warum frage ich nicht das nette Mädchen neben mir in der Vorlesung nach ihrer Nummer? Warum frage ich nicht den Fremden nach dem Grund für seine Verhaltensweisen, die ich nicht durchschaue?

Warum schrecke ich vor einer freundlichen Frage zurück, die es einem anderen Menschen ermöglichen würde, mir eine Sorge, eine Unklarheit zu nehmen, der sich dieser Gelegenheit womöglich gar nicht bewusst war? Warum, anstatt mir meine Feigheit einzugestehen, ärgere ich mich dann über eben diese Person, den vermeintlichen Übeltäter, tue ihr gehörig unrecht und belaste mich selbst mit negativen Gedanken? Fragen kostet nichts! Fragen ist eine Gelegenheit, erstaunlich effizient Zufriedenheit und Verständnis zu fördern.  


von Johannes Stark 

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