Donnerstag, 28. Januar 2016

Review: "12" - an English Drama Group Production



(c) Ahmed Oman

Noch bis zum 29.01. könnt ihr "12", die neueste Produktion der English Drama Group, besuchen. Neu adaptiert, beschäftigt sich das Stück mit dem Recht auf Leben und der aktuellen Rassissmus-Debatte der USA.


Das erste, was den Besuchern von "12" wohl beim Betreten des Theatersaals ins Auge sticht, ist die "Stars and Stripes", die Nationalflagge der USA, die an der Wand hinter der Bühne angebracht ist und keinen Zweifel daran lässt, wo wir uns befinden: in einem Gerichtssaal im "land of the free" und "home of the brave". Auf das Bühnengeschehen sowie die Zuschauer hinab blicken die (ehemaligen)
Präsidenten einer zunehmend gespaltenen Nation: Clinton – G.W. Bush – Obama. Die Bühne selbst ist spartanisch ausgestattet: ein Tisch, zwölf Stühle für die zwölf Geschworenen, ein Wasserspender und ein Ventilator – nicht wegzudenken aus den dauerklimatisierten Vereinigten Staaten. Während die Zuschauer langsam Platz nehmen, liest Wache Tony auf der Bühne gemütlich seine Zeitung.


Noch bevor das Publikum vollkommen zur Ruhe gekommen ist, betritt Richter Davis die Bühne – seinen Gerichtssaal – und adressiert die Zuschauer: ein junger afroamerikanischer Mann wird beschuldigt seinen Vater erstochen zu haben. Im Falle einer Schuldigsprechung wartet der elektrische Stuhl auf den Jungen – sein Schicksal liegt nun in den Händen der zwölf Geschworenen. Doch als Richter Davis ebendiese zwölf Geschworenen aufruft, entsteht Chaos, denn die Schauspieler haben mitten im Publikum platzgenommen und müssen sich nun erst einmal ihren Weg durch die verdutzten Zuschauer hindurch auf die Bühne erkämpfen. Das Stück schafft es so auf geschickte Weise dem Publikum gleich zu Anfang zwei zentrale Punkte zu vermitteln: die Zuschauer sind ebenfalls Geschworene, die für sich selbst entscheiden müssen, ob sie den jungen Mann für schuldig oder unschuldig halten. Und: die ausgewählten Geschworenen, die nun über Leben und Tod entscheiden, stammen wortwörtlich aus ihrer eigenen Mitte. Doch kann das gut gehen?



(c) Ahmed Oman


Auf der Bühne angekommen kristallisiert sich nach einigen Minuten Smalltalk eine Meinung innerhalb der Gruppe von Geschworenen klar heraus: die meisten von ihnen wollen ihre Jurypflicht möglichst schnell hinter sich bringen und nach Hause gehen. Die Beweislast, die für die Schuld des jungen Afroamerikaners spricht, scheint ihnen die Entscheidung leicht zu machen. Eine erste Abstimmung über das Schicksal des angeklagten Mannes offebart jedoch nur ein überraschendes "11 zu 1" für die Schuldsprechung. Geschworene Nr.8, porträtiert von Theresa Eirich/Alexandra Krienke, stimmt als einzige für "unschuldig" und zwingt die übrigen Jury-Mitglieder somit zum Nach- und Umdenken. Die Entscheidung über das Schicksal des Mannes muss nämlich einstimmig gefällt
werden.

Die junge, selbstbewusste Frau besteht darauf, dem Fall mehr Zeit zu widmen, auch wenn die Beweislast auf den ersten Eindruck erdrückend erscheinen mag, denn immerhin entscheiden sie über das Schicksal eines Menschenlebens. Je mehr die ausgewählten Zwölf sich dem Fall widmen, desto mehr Fragen kommen auf: Ist die Beweislast wirklich so unumstößlich wie zunächst angenommen? Wer entscheidet rational, wer emotional? Wie viel ist ein Menschenleben wert – und ist jedes Menschenleben für jeden der Geschworenen wirklich gleich viel wert? Was bedeutet es für die Schuldigsprechung, dass der Angeklagte ein Afroamerikaner ist? ("That's just how 'they' are!")


Ihr direkter Gegenspier ist Geschworener Nr.3, gespielt von Nathan Bechhofer/Lois Schofield, ein voreingenommener, cholerischer und sexistischer Sadist, dem nichts besser gefallen würde als den Angeklagten auf dem elektrischen Stuhl zu sehen. Für ihn ist der Fall von Anfang an geklärt, der
Versuch der übrigen Geschworenen festzustellen, ob es einen begründeten Zweifel an der Schuld des Jungen gibt, hält er für Zeitverschwendung. So wie die Verwirrung über die Schuld des Angeklagten stetig wächst, so wächst auch mehr und mehr die Spannung zwischen diesen beiden Charakteren – bis es zum großen Showdown kommt. Siegt am Ende die Rationalität oder haben die Emotionen die
Oberhand?



(c) Ahmed Oman

Dem gesamten Schauspieler-Ensemble gebührt Lob, denn die zwölf Geschworenen befinden sich die gesamte Dauer des Theaterstückes auf der Bühne, und dürfen so nicht einmal fü eine Sekunde aus ihrer Rolle fallen. Besonders erwähnenswert ist die Darstellung von Publikumsliebling Geschworene Nr.12, dargestellt von Nala Klementa/Lisa Zollner, die durch ihre sarkastischen Kommentare und Selbstdarstellungssucht bei den Zuschauern immer wieder für Gelächter sorgt. Regie (Regisseurin Azeret Koua, Regieassistenz Maximilian Stark) und Schauspieler schaffen es, die Rassissmus-
Debatte in den USA auf unterhaltsame und ergreifende Weise darzustellen, ohne dabei belehrend zu wirken. Viel mehr werden Misstände in der amerikanischen Gesellschaft mit viel Humor kommentiert. So wird z.B. die derzeitige politische Situation gekonnt durch Anspielungen auf – man kann es immer noch kaum fassen – Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf's Korn genommen.


Wie das Stück ausgeht soll and dieser Stelle noch nicht verraten werden – nur eins sei gesagt: das Ende kam für mich vollkommen überraschend und hat für ausreichend Gesprächsstoff für den Heimweg gesorgt!


Letzte Vorstellungen: 28.1./ 29.1.
Wann/Wo: 19:30 Uhr im HS003, Schellingtr. 3
Tickets: Warteliste an der Abendkasse ab 18:45 Uhr



von Caroline Giles

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