Donnerstag, 25. Februar 2016

BBC One's „War and Peace“ - Schatten der Vergangenheit


! Der Artikel bespricht wichtige Teile der Handlung, die einem aber nicht die zentralen Inhalte der Geschichte verraten.

Andrew Davies und Tom Harper haben es sich zur Aufgabe gemacht „Krieg und Frieden“ auch einem modernen Publikum zugänglich zu machen. Doch eigentlich ist Leo Tolstois Werk zeitlos. Die Geschichte handelt von drei Familien, deren Schicksale miteinander verwoben sind. Pierre Besúchow, der uneheliche Sohn eines Grafen, führt ein lasterhaftes Leben, das sich jäh verändert als sein Vater stirbt und ihm seine ganzen Besitztümer überlässt. Sein guter Freund Andréj gibt ihm den Ratschlag, seine Lebensweise zu ändern: Eine innere Verwandlung findet statt, die hervorragend von Paul Dano („12 Years A Slave“, „Love & Mercy“) in Szene gesetzt wird. Andréj zieht währenddessen in den Krieg gegen Napoleon und muss mit einem schweren Schicksalsschlag kämpfen: seine Frau stirbt bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes. Er hadert mit sich selbst, da er nie wirklich Liebe zu ihr empfinden konnte. 
 Es ist keine historische Anekdote, die „War and Peace“ uns präsentiert, sondern das Leben, wie es nun einmal ist – jetzt und damals. Man muss die Menschen schätzen, die einem nahe sind, auch wenn sie vielleicht nicht so sind, wie man es gern hätte – das will uns Andréj förmlich durch den Bildschirm zuflüstern. Natasha Rostów, gespielt von Lily James („Downton Abbey“, „Cinderella“) die in der ikonischen Ballszene mit Andréj tanzt, gibt ihm seinen Lebensmut zurück. In manchen Augenblicken mag sie einem weltfremd erscheinen, doch eigentlich ist sie mit einer Gabe bedacht worden: Optimismus, Fröhlichkeit. Pierre hingegen findet sich in einer Verbindung mit einer lieblosen Ehefrau wieder, die von seinem intriganten Schwiegervater eingefädelt wurde und wird Opfer eines Verrats seines engen Freundes Dólochow, der seine Frau verführt. James Norton („Happy Valley“), der Schauspieler, der Andréj verkörpert, sagte kürzlich in einem Interview, dass „Krieg und Frieden“ einer alten Seifenoper gleicht. Damit hat er nicht Unrecht, denn es sind vor allem die Menschen, ihre Moral, Verluste und Beziehungen, die der Geschichte einen Kern geben. Später treffen sich Dólochow und Pierre wieder, als er sich in französischer Gefangenschaft befindet. Auf einmal sind die Intrigen und Fehler der Vergangenheit vergessen und die Freunde fallen sich in die Arme.

Das ist eine Botschaft, die aktueller ist, als man vielleicht denkt. Freundschaft überwindet den Krieg und seine Gräuel, weil sie wichtiger, essentieller ist und dem Leben wieder den Sinn gibt, den die grausamen Bilder und Erlebnisse zerstört haben. Freundschaft und Liebe sind menschlich und müssen höher stehen als das Streben nach Macht und Vergeltung. Auch Andréj wird das bewusst, als er nach einer Explosion im Lazarett neben seinem stark verwunderten Widersacher aufwacht. Er reicht ihm die Hand und steht ihm in seinem Todeskampf bei. Eine Szene sticht allerdings besonders hervor, in der Paul Dano wieder einmal beweist, dass Hollywood kein Auge für sein großes Talent hat. Emotional gebeutelt und physisch lädiert sitzt er allein an seinem prunkvollen Esstisch in seinem überdimensionierten Haus und betrachtet sein Essen voller Dankbarkeit. Man kann nur ahnen, welche Euphorie sich in diesem Moment in Pierre abspielt, doch Paul Dano macht es möglich mit ihm zu fühlen und seine Erkenntnis auch selbst zu erkennen. Doch nicht nur die Hauptcharaktere verleihen der BBC- Verfilmung eine tiefgehende Wirkung. Márja ist Andréj eine liebevolle Schwester. Auch ihrem Vater gegenüber ist sie die Gutmütigkeit in Person, der sie im Gegenzug mit Aggressivität und Undankbarkeit straft. Jim Broadbent (Slughorn aus Harry Potter) verleiht Fürst Bolkónski sympathische Züge, die in Tolstois Original wohl eher nicht vorhergesehen waren, allerdings sind die Wutausbrüche des Fürsten allzu glaubhaft und elektrisiert. 

„War and Peace“ zeichnet sich im Allgemeinen mit erstklassigen Schauspielern aus und auch die visuelle Verwirklichung eines großen Romans ist beeindruckend gelungen. Zum Ende sei nur so viel verraten: es ist nicht das was man erwartet, wenn man das Buch gelesen hat, aber ein Ende, das den Charakteren gerecht wird und nachdenklich stimmt: „As long as there is life, there is happiness“. Die Relevanz der Verfilmung ist jedoch auch historischer Natur, da Napoleons grausame Kriegstreiberei dargestellt wird. In einer Szene steht er vor einem Feld von Toten und betrachtet sein "Werk". Man fragt sich, was in einem Mann vorgehen muss, der so viele Menschenleben auf dem Gewissen hat und wie man mit ihm abrechnen kann: mit Hass, Wut, aber nicht mit Gleichgültigkeit. Gleichgültig sollte man solchen furchtbaren Ereignissen nie gegenüber stehen, denn sie zeugen von Unmenschlichkeit und Gefühlsarmut. Die Schatten der Vergangenheit kann man immer noch spüren: Machtdurst, Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit. Wir sollten lernen sie zu deuten. 

von Carina Eckl
Illustration: Ivette Schmidt 

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