Freitag, 12. Februar 2016

Halt die Presse – neutrale Informationsbeschaffung heute



Stell dir vor, ein Bekannter erzählt dir, er habe letztens doch tatsächlich unter den frisch gekauften Äpfel einen Fauligen entdeckt – ganz unscheinbar, unschuldig, doch im Innern verdorben. Nach dieser beunruhigenden Erfahrung, daraus macht er keinen Hehl, sei sein Vertrauen in das Obstangebot des betreffenden Discounters gehörig erschüttert. Und auch du wirst skeptisch, ertappst dich dabei, wie du beim nächsten Einkauf die feilgebotenen Äpfel mit einem Argwohn beäugst, an dem sich Schneewittchen ein Beispiel nehmen könnte. Dein Blick huscht durch den Verkaufsraum. Was führt der Discounterangestellte dort im Schilde, der so verdächtig um die Obstpaletten schleicht? Dein Blick fällt schließlich auf die Supermarktreklame und – totale Verwirrung! In hohen Tönen wird dort die ausnahmslose Güte eben
jener Früchte gelobt, die dir erst kürzlich als faule Lüge vorgestellt wurden.

Wie kann das sein? Wem sollst du jetzt glauben? Wer spricht die Wahrheit? Wer lügt?
Wir tendieren dazu, uns eben diese Fragen auch unter dem Eindruck heutiger medialer Berichterstattung zu stellen. Zu widersprüchlich sind Meldungen im Fernsehen, im Internet, Kommentare und Meinungen. Man könnte schon fast den Glauben an neutrale Informationsbeschaffung verlieren. Dabei ist es im Grunde recht einfach. Die bedeutsame Frage dabei ist nicht „Was wird gesagt?“ sondern „Was will gesagt werden?“.

Das wird bereits am Apfel-Beispiel deutlich: Der Bekannte, Angst vor fauligen Äpfeln schürend, hat mit seiner Warnung vermutlich weniger die Gesundheit der Allgemeinheit im Sinn, sondern viel eher einen Hauch von Mitleid, einen Windstoß der Wichtigkeit und eine angenehme Brise Aufmerksamkeit. Der Discounter wiederum will vermutlich primär seine ach so guten Äpfel in den Einkaufswägen der Kunden sehen.

Auch für den Konsum medialer Berichterstattung gilt: Wir sollten uns fragen, wer hinter den Nachrichten steckt? Wer ist die Quelle? Und was will sie erreichen? Welche Meinung soll gebildet werden? Welche Reaktion soll dem Beitrag folgen? Das betrifft populistische Internetauftritte ebenso wie das öffentlich rechtliche Fernsehen. Wenn wir auf die Quellen achten, bekommen wir zwar noch keine Wahrheit serviert, können jedoch besser einschätzen, wie kontrovers unser derzeitiger Informationsstand ist. Ebenso sind wir in der Lage, nach geeigneteren Quellen zu suchen. Ein brisantes Beispiel dafür ist der Syrieneinsatz. Es verlangt nach objektiver Information – was geht wirklich vor im Krisengebiet? Wie geht es den Menschen dort wirklich? Doch was setzt das an die Quelle voraus? Ein möglichst neutraler Bericht könnte von einem Informanten stammen, dem primär das Wohl der unschuldigen syrischen Bevölkerung am Herzen liegt, der zu dem noch selbst ein Teil dieser unschuldigen syrischen Bevölkerung ist. Aber gibt es den wirklich?

Nach einiger Suche im Internet werde ich fündig: Raqqa is being slaughtered silently – eine Seite, deren Betreiber, im Geheimen agierende syrische Amateurreporter, als letzte berichterstattende Instanz über die Vorgänge in der vom IS besetzten Stadt Raqqa informieren – mit jeder veröffentlichten Zeile ihr Leben riskierend. Ihr tollkühnes Ziel ist es, Meldung zu machen, sowohl von der Unterdrückung der Bevölkerung durch den IS, als auch von den kollateralen Auswirkungen der russischen und französischen Bombardements.Natürlich muss man auch bei dieser Quelle von dem Einfluss subjektiver Aussageabsichten ausgehen. Zweifellos bietet diese Informationsseite jedoch die Möglichkeit, unser Informationsbild zu vervollständigen, Inhalte anderer Berichte in kritischer Relation zu betrachten und uns eine Meinung bilden zu können, die den wahren Umständen etwas näher kommt.   


von Johannes Stark       

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