Montag, 22. Februar 2016

Sein München - Teil 2




 

Herr Reitanger und die Langeweile




Es war Samstag. Der Wecker klingelte und ein neuer Tag begann für den Herrn Reitanger. Kurz vor seiner Agnes wachte er auf und fing den Morgen, wie jeden anderen Tag auch, mit seinen Gymnastikübungen an; er ruderte mit den Armen und den Füßen in der Luft, hockte sich auf und drehte seinen Oberkörper ein paar Mal nach links dann nach rechts. Anschließend stand er auf und machte noch 10 Kniebeugen. Morgensport, so Josef Reitanger, sei in seinem Alter besonders wichtig und er verstand es auch überhaupt nicht, dass Agnes seinem Beispiel nicht folgte und stattdessen jeden Donnerstagabend zur Frauengymnastik ging. Erstens ist am Abend die Motivation am geringsten und zweitens kann man da nicht selbst bestimmen, wann man aufhört.


Das tat er dann auch und ging wie jeden Samstag, nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, zum Bäcker um Frühstückssemmeln zu kaufen. Nachdem er zurück nach München gezogen war hatte er sich in den ersten Wochen intensiv damit beschäftigt einen Stammmetzger, einen Stammgetränkedantler, ein Stammcafe und eben eine Stammbäckerei zu suchen - Sepp Reitanger war nun mal ein Gewohnheitstier. Genau zu dieser Bäckerei war er jetzt unterwegs und dort kannte man ihn auch schon gut. Herr Reitanger war nämlich der ältere etwas grimmig aussehende Herr gewesen der bei seinen ersten Besuchen immer ein bisserl böse zu Leuten herüber schaute, die Brötchen bestellt hatten und „diese nun abholen möchten.“ Doch daran hatte sich Sepp Reitanger langsam gewöhnt, an das erwachsene München. Nachdem Bäcker ging er noch zum Metzger um Wurscht fürs Frühstück zu kaufen.



Zuhause angekommen übernahm Frau Agnes das Ruder; während Herr Reitanger fern sah, deckte sie den Tisch und richtete das Frühstück her. Als alles fertig war, es dauerte immer so um die 20 min - was Josef Reitanger nicht davon abhielt für die kurze Zeit zu fernsehen, anstatt seiner Frau zu helfen- wurde reichlich und ausgiebig gefrühstückt. Der Ablauf am Samstagmorgen war somit eigentlich gleich geblieben wie vor dem Umzug. Am Samstag hatte sich hingegen schon ein bisserl was geändert. Früher in Krugham ging er um 9 Uhr in die Kirche. Im Gottesdienst dachte er meist- auch wenn das Gebet ja Gedanke Nummer eins hätte sein sollen-an seine Weißwirscht die beim Hubertuswirt auf ihn warteten und als die heilige Messe vorbei war, hielt er sich auch nicht mehr lange auf dem Friedhof auf und eilte bedacht mit anderen „Leidensgenossen“ zum Wirt, wo man dann auch mal ein paar Stunden auf ein paar Weißwirscht  und ein paar Weißbier (was übrigens Herr Reitanger sehr gern zu sich nahm) und ein paar Wattrundenhocken blieb und oft erst nachhause ging, als das Mittagessen schon etwas länger kalt war.



In München sparte sich Josef Reitanger, er tat es seinen Spezeln gleich, den Gottesdienst und man traf sich gleich um 10 Uhr im Schelling Salon und spielte Wattn und Billard (er war der Meinung dass der Herrgott ihm das schon nachsehen würde). Beim Watten war der Herr Reitanger meist nicht sehr erfolgreich, da er in der alten Heimat fast nur Schafkopf gespielt hatte und Watten mit diesem ständig verwechselte. Umso gefürchteter war er beim Billard spielen. Gespielt wurde meist parallel zur Brotzeit sodass sich die fünf Spezeln beim Essen und spielen abwechselten. Somit war Herrn Reitangers Wochenende ereignisreich und lustig. Das Problem waren jedoch die Wochen zwischen den Wochenenden. Früher war er morgens um fünf aufgestanden, um die Kühe zu füttern, sie zu melken (eine Melkanlage war ihm zu teuer gewesen) und sie auszumisten. Danach frühstückte er und setzte seine Tätigkeiten auf dem Hof fort. Es gab immer etwas zu tun, den ganzen Tag, die ganze Woche war er mit seinem Hof und allem was dazugehört beschäftigt; er hatte seinen Rhythmus. Und jetzt war er nahezu herausgerissen worden aus eben diesem Rhythmus. Er hätte sich wohl besser Gedanken machen sollen, was er mit der vielen Zeit in München nun anfangen wollte.



Nun stand er meist erst zwischen sieben oder neun auf, frühstückte zusammen mit Agnes, las die Zeitung und schaute fern; gelegentlich den ganzen restlichen Vormittag. Nachdem Mittagessen ging er bei Wind und Wetter spazieren, wenn er keinen Termin woanders hatte. Der englische Garten war fast immer sein Ziel. Dort setze er sich auf eine Bank, es war jedes Mal die gleiche, weil Sepp Reitanger ja ein Gewohnheitsmensch war. Wenn dann jemand kam und sich neben ihm auf die Bank setzte unterhielt er sich mit demjenigen. Wenn keiner kam beobachtete er die Menschen wie sie hektisch durch die Grünanlage liefen oder fütterte Tauben; in Krugham hatte er nämlich neben Kühen, Schweinen, Ziegen und Hühnern auch Tauben gehalten. Nach ein paar Stunden, je nachdem mit wie vielen Leuten er sich unterhielt ging er wieder nach Hause.



Sepp Reitanger wurschtelte sich mehr oder weniger  immer durch den Nachmittag. Nach dem Essen musste abermals der Fernseher herhalten, manchmal so lange bis er ins Bett ging. Kurz gefasst: er hatte keine richtigen Aufgaben und ihm war langweilig. Dass er aber seiner Frau im Haushalt unter die Arme greifen könnte, daran dachte er nicht. So sehnte er sich jeden Tag nach dem Wochenende, wie eine Schüler, der keine Lust auf die Schule hatte. Doch das sollte sich bald ändern.



Als Josef Reitanger mit seinen Spezeln, dem Hans, dem Schorsch, dem Jakob und dem Ludwig sonntags wieder beim Watten zusammensaß erzählte er seinen Kumpanen von seinem Problem. Diese hatten im Übrigen alle noch feste Anstellungen, obwohl sie wie der Herr Reitanger schon siebzig waren. So war der Schorsch Getränkedantler, der Hans hatte ein Cafe, der Franz war Bäckermeister und der Ludwig war Metzgermeister. Schon während Josef Reitanger erzählte, machte der Schorsch ein grübelndes Gesicht und als sein Freund dann mit der Schilderung seiner Problematik fertig war, meinte der Schorsch, dass er einen Bekannten hätte, der Hausmeister an einer großen Institution wäre und der in seinem Team Verstärkung suchte. Hausmeistern……ob das etwas für ihn wäre?, dachte sich der Josef. Doch wirklich Zeit zum Überlegen hatte er nicht, denn seine Spezeln redeten ihm alle zu, sich für die Stelle zu bewerben, wenn er wieder eine Aufgabe haben wollte. Schließlich willigte er ein und beschloss die darauffolgende Woche dorthin zu fahren. Was das für eine Institution war sagte ihm der Schorsch nicht, vielleicht aus Angst der Herr Reitanger würde dann kneifen.



Er bekam nur eine Adresse: Geschwister Scholl Platz 1.Erst als er dann die Rolltreppe hochfuhr und schließlich auf dem Platz stand, wusste er wo er sich bewerben wollte. Er hatte völlig vergessen was am Geschwister Scholl Platz 1 war. „ Auwezwick, wos hob i ma do bloß eibrockt?“, sagte er leise vor sich hin, während er auf das Hauptgebäude der LMU blickte.



von Max Karg
 Illustration: Annette Arndt 

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