Montag, 28. März 2016

Grenzen unseres Gedächtnisses




Warum haben wir ein Gedächtnis? Dank der Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, sind wir als Individuen entscheidungsfähig, können uns mit unseren Mitmenschen austauschen und überhaupt erst unser biographisches Selbst definieren. Das Gedächtnis hat also eine richtungsgebende, gesellschaftliche und selbst-definierende Funktion. Daraus folgt, dass, so wie wir stets mit unterschiedlichen Personen und Situationen konfrontiert werden und sich auch unser Selbstbild über die Zeit verändert, die Informationen in unserem persönlichen Datenspeicher keineswegs konsistent, sondern viel mehr flexibel sein müssen. Unser Gedächtnis unterliegt kontinuierlichem Wandel. Zunächst ganz banal: Wir vergessen – eine wertvolle Fähigkeit, ohne die unser Kopf sprichwörtlich bersten würde vor Information. Gleichzeitig wird unser Gedächtnis wiederum ergänzt durch Fehlinformationen. Für diese Suggestionen sind besonders Kinder, ängstliche Menschen und solche mit geringem Selbstwertgefühl anfällig, verstärkt noch, wenn ein deutliches Machtgefälle zwischen Ihnen und dem Gegenüber vorliegt. Gerade das sind Situationen, die wir gut kennen, aus den Polizeiverhören und Asylverfahren.

 Als drittes sollte der Umstand bedacht werden, dass in unserem Gedächtnis häufig wiederholte, ähnliche Erlebnisse nur mit einem Standard-Script repräsentiert werden. Könnt ihr euch beispielsweise noch genau an den Zahlvorgang beim letzten Einkauf erinnern oder ein Flüchtling an die genaue Anzahl der Tage einer seiner zehn Gefangenschaften in Lybien? Bei alledem sind wir, als Mitglieder der individualistischen westlichen Gesellschaft noch klar im Vorteil. Von Geburt an auf analytisches, strukturiertes Denken getrimmt, fällt es uns viel leichter, eigene Erlebnisse in chronologischer Reihenfolge wiederzugeben, als Abkömmlinge kollektivistischer Gesellschaften, wie China, die von Kindheit an daran gewöhnt sind, Ereignisse auf Basis moralischer, gemeinschaftlicher Aspekte zu erinnern. Anstelle von Grund und Art des Ausbruchs aus einem Camp, wäre einem Flüchtling, der einer kollektivistischen Gesellschaft angehört, vermutlich das Ausbruchsverbot und die Situation der anderen im Camp im Nachhinein viel präsenter.

Zuletzt dürfen natürlich auch traumatische Erinnerungen nicht vergessen werden, deren strukturierter Abruf kaum noch möglich ist. Man muss sich nur einmal vorstellen, was ein Mensch in einer lebensbedrohlichen Situation überhaupt wahrnimmt: Der Fokus liegt einzig und allein auf der Gefahrenquelle. Alle Details und Informationen in der Umgebung werden ausgeblendet. Kommt es dann zur traumatischen Erfahrung, beispielsweise einem erlittenen oder beobachteten Gewaltakt, findet oftmals eine Dissoziation statt. Das Opfer nimmt das Leid nicht mehr wahr. Das Gedächtnis setzt aus. Der junge Afghane hatte gesehen, wie seine Eltern von Talibankämpfern erschossen wurden. Er ist geflohen, wurde gefangen genommen, geschlagen, vergewaltigt. Er hat Dinge von unsäglicher Grausamkeit erlebt. Wird sein Bericht den Anforderungen an Konsistenz, Struktur und Detailreichtum des Asylverfahrensbeamten genügen?

von Johannes Stark
Illustration: Ivette Schmidt 

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