Montag, 21. März 2016

Sein München - Teil 3

 

 

Herr Reitanger und das Temperament

 

Leise zog Josef Reitanger die Türe hinter sich zu, hinter der er gerade sein Vorstellungsgespräch bei dem Hausmeisterchef der LMU hatte. Ob es gut oder schlecht gelaufen war, wusste er nicht so genau- verwundert war der Herr nur gewesen, als der Herr Reitanger ihm sein Alter und seine Beweggründe, sich für die Stelle zu bewerben, mitteilte. Und das keine Berufserfahrung da sei, hätte er womöglich auch nicht sagen sollen. Nichtdestotrotz hatte ihm der Herr eine Woche zum Probearbeiten angeboten- am Sprachinstitut. Als er dann noch einmal den Verlauf rekapitulierte, war das Gespräch dann doch eher positiv. Guter Dinge verließ er dann das Unigelände und fuhr nach Hause um Agnes diese Neuigkeiten zu überbringen und dachte sie würde sich freuen, dass ihr Göttergatte wieder einer Beschäftigung nachging und nicht mehr den ganzen Tag Trübsal blies.

Ob er denn einen riesengroßen Vogel im Hirn hät', fragte Agnes, die als er kam, gerade beim Kochen in der Küche gestanden und sich vor lauter Aufregung über Sepps Pläne fast mit dem Fleischhammer-es sollte Schnitzel Wiener Art geben- auf die Hand geschlagen hätte. Herr Reitanger verstand seine Frau nicht. Anstatt Zuhause einmal auch nur einen Finger krümmen zu müssen, würde er sogar lieber die ganze Woche arbeiten, wetterte sie und als Herr Reitanger entgegnete, dass sie es ihm schon hätte sagen sollen wenn sie seine Hilfe gebraucht hätte, bekam er als Antwort nur den Hammer vors Gesicht gehalten; sein Schnitzel war später auch zäh wie Leder. Trotz des kleinen Disputes mit Ehefrau Agnes war der Herr Reitanger noch den ganzen restlichen Tag guter Laune. Am darauffolgenden Sonntag beim Frühschoppen mit seinen Spezeln, dem Hans, dem Schorsch, dem Ludwig und dem Jakob, erzählte er auch ihnen vom Ergebnis der Arbeitssuche. Sie waren alle begeistert und freuten sich für ihn. Das Frühschoppen dauerte natürlich mal wieder etwas länger- es wurden auch einige Runden Himbeergeist auf Kosten vom Sepp Reitanger getrunken - und als Josef Reitanger dann endlich nach Hause kam, wollte er mit Agnes in der Küche Polka tanzen. Statt des Tanzes bekam er nur eine saubere Watsche auf seine vom Bier rotgefärbten Wangen und die Aufforderung sofort das Bett aufzusuchen.

Natürlich ging er am nächsten Tag nicht zum Probearbeiten, sondern blieb erstmal im Bett und gestand sich ein, dass er zu alt geworden war für ein paar Runden Schnaps zu viel. Agnes war natürlich schon auf den Beinen und deckte den Tisch für das Frühstück- natürlich nur für eine Person, denn wenn der Reitanger eins in der Ehe mit seiner Frau gelernt hatte, dann wie stur und temperamentvoll Agnes sein konnte. Endlich waren die Kopfschmerzen einigermaßen erträglich geworden, sodass der Herr Reitanger aufstehen und frühstücken gehen konnte. Natürlich war dann der Ärger groß als er noch etwas wacklig die Küche betrat und sah dass Agnes schon fast fertig war und sie nur für sich gedeckt und hergerichtet hatte. Dass sie noch einen viel größeren Vogel als er habe, fauchte er sie an und wieder bekam er als Antwort eine Watsche. Wenn er noch einmal so mit ihr in diesem Zustand reden würde, dann dürfe er sich bis an sein Lebensende sein Frühstück, sein Bett, seine Wäsche selber machen und sogar sein Waschbecken putzen, fauchte Frau Agnes zurück. Ganz klein mit Hut verstummte der Herr Reitanger und richtete sich ohne zu granteln sein Frühstück selbst her und schimpfte auch nicht als Agnes Zeitung las, was er sonst immer tat, da er es nicht ausstehen konnte, wenn man beim Essen nicht miteinander sprach.

Und nach dem Essen räumte er sogar selbst den Tisch ab und zwar komplett. Als er dann fragen wollte, wie der Geschirrspüler anging, jedoch stattdessen Waschmaschine sagte, wussten beide, dass Herr Reitanger immer noch etwas angeschlagen war und er erntete wieder einen bösen Blick. An diesem Tag geschahen noch mehrere komische Dinge im Reitanger´schen Haushalt: Agnes lag fast den ganzen Nachmittag im Sessel des Gemahls, in dem sie sich sonst nie setzten durfte und las ein Buch, während Josef Reitanger staubsaugte.Später hörte sie dann, wie er die Wäsche wusch und sie, so gut es ging, zusammenlegte, die Toilette putzte, beide Betten überzog und am Abend die Brotzeit herrichtete und nachher die Küche abermals putzte. Als Agnes noch mit einem Blick auf den Hausmüll zeigte, der schon wieder gut voll war, brachte der Herr Reitanger ihn ohne mit der Wimper zu zucken unten vor die Haustüre. Als er die Tür hinter sich schloss, zog sich ein breites Grinsen über Agnes Gesicht und sie meinte nur: „Ha, dem oidn Macho hob i´s zoagt, der legt se so schnei nimma mid mia o“.


von Max Karg
Illustration: Annette Arndt 

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