Samstag, 23. April 2016

Interview mit NISSE


Am Mittwoch legte der Hamburger Singer/Songwriter Nisse sein Herz auf den Beat und ließ uns dazu im Ampere tanzen. August heißt sein Debütalbum, mit dem er seit ungefähr einer Woche auf Tour ist. Uns inspiriert an ihm sein eigenwilliger Musikstil, der sich nicht in irgendein Muster einordnen lässt, sondern ganz für sich steht. Er vereint Rap mit Soul und bringt Einflüsse aus dem Chanson, Garage, Indie und Elektro zusammen. Er erzählt uns in seiner Musik von der Liebe, nimmt uns mit auf eine Fahrt durch die Höhen und Tiefen des Alltags und transportiert dabei seine Emotionen völlig pur. Dass das Ganze Album auch live funktionieren kann, bewies er uns in seiner Show. Die Reaktionen des zu Beginn noch eher verhaltenen Publikums waren mehr als eindeutig. Nisse kann mit seiner Musik bewegen. Was ihn selbst berührt und was seit seinem Debütalbum alles passiert ist, haben wir mit ihm im Interview besprochen.





Im September 2015 ist dein Debütalbum August erschienen. Was ist in der ganzen Zeit bis heute passiert und wie zufrieden bist du damit?


Dass Leute nach meinen Konzerten zu mir kommen und mir sagen, wie viel ihnen meine Musik bedeutet, das sind die einschneidenden Erlebnisse. Und dass Leute mir auch schreiben, die krank waren oder denen es generell nicht gut ging, dass ihnen die Platte sehr geholfen hat. Das ist so das Krasseste, was mir auch sehr viel bedeutet. Ich versuche die ganze Zeit so viel zu machen, dass es mir vielleicht gar nicht auffällt, was alles passiert, aber das sind eher branchentechnische Sachen. Dass die Leute um Marteria herum sagen, dass sie die Platte cool finden. Dass andere Leute aus der Branche kommen und mir sagen, dass sie die Sachen gut finden, die mich vorher nicht auf dem Schirm hatten. Dass ich auf Tour gehen kann. Dass ich viele tolle Leute kennenlerne, die fragen, ob wir was zusammen machen können. Das sind eigentlich so die Hauptsachen.


Gibt es dir neue Inspiration, umherzureisen und neue Leute kennenzulernen?



Ja auf jeden Fall! Neue Leute kennenzulernen ist eine Rieseninspiration. Aber die Hauptinspiration ziehe ich trotzdem noch aus den Geschichten, die ich selbst erlebe. Aber natürlich umso mehr Leute kommen, umso andere Sachen erlebe ich natürlich durch deren Einfluss.


Du bist seit über einer Woche auf Tour. Was muss unbedingt dabei sein? Hast du einen Glücksbringer?



Ich habe eine Kette mit John Lennon immer dabei. Dann habe ich eine Kazuo, das ist eine kleine Tröte mit der ich auch an einer Stelle der Show performe. Ansonsten Ingwer ist immer super wichtig und meine Band, die tollste Band der Welt, das sind so meine Voraussetzungen für mich.


Michael Jackson ist eine Konstante in deinem kontrastreichen Leben. Welchen Stellenwert haben musikalische Vorbilder für dich und deine Musik?



Natürlich einen Riesenstellenwert. Ohne Michael Jackson würde ich keine Musik machen, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich glaube bei Michael Jackson fand ich immer so interessant, dass er trotz dieser Riesengeschichte um ihn herum, so mit der Echteste war. Ich hatte immer das Gefühl, dass egal was für Songs er macht, er das selbst noch mit bestimmt. Er hat so viele Grenzen gesprengt. Er hatte auf seinen Alben immer Songs, in denen es um die Lage der Welt ging. Er hätte auch nur Liebeslieder und Diskosongs singen können, aber er hat sich wirklich mutig dahingestellt und versucht den Leuten zu sagen, was gerade in der Welt abgeht. Er ist einfach für mich der krasseste Typ. Und ihn als Vorbild zu haben, zu wissen, dass allein die Musik –  eine Geschichte, ein Text und eine Melodie – reicht, um was zu bewirken und bei den Leuten so viel Hoffnung zu verbreiten. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen, aber er ist für mich wie ein moderner Jesus. Ich habe auch früher viel mehr an jemanden wie Michael Jackson geglaubt, dass er das Gute ist, als an irgendwelche Kirchen oder andere Institutionen. Ich finde das, was er ausstrahlt, um einiges reiner, als das, was halt von anderen Seiten und anderen Stellen kommt. Wenn ich sage, ich halte ihn für ein so reines Wesen, jemanden wie Michael Jackson, der als Kinderschänder angeklagt wird, als Vorbild zu nehmen ist halt auch kontrovers. Die Anklagen in Amerika waren jedes Mal so, dass die Familien von diesen Kindern direkt zwei Tage nachdem die Kinder wieder Zuhause waren, klagten. Und direkt immer auf eine Summe an Schmerzensgeld. Geld würde mich nicht interessieren. Kein Elternteil würde so reagieren und es war dreimal dasselbe. Es war schon sehr komisch und ich glaube, dass bei ihm einfach so viele Dinge falsch gelaufen sind ohne es besser zu wissen. Aber der Teil, ohne das andere zu wissen, ist für mich auf jeden Fall das Schönste, was es je in der Musik gab und das Bedeutungsvollste. Und ich glaube, das ist auch für den Großteil aller Menschen so. Die Musik, die wir heute machen, machen wir wegen der Beatles und wegen Michael Jackson. Die beiden Stellen sind für mich der Grund warum ich Musik mache, glaube ich. Das ist auch der Grund warum Grönemeyer, Rio Reiser und Falco Musik machen und gemacht haben und wegen denen wiederum kann ich es mir heute herausnehmen, meine Musik so auf Deutsch zu machen.

Verändert sich durch deine große Erfahrung mit verschiedenen musikalischen Einflüssen der Anspruch an deine eigene Musik?

 

Absolut!


Auch von dem her wie du Menschen berühren möchtest und wie deine Musik bewegen soll?

 

Ich glaube, dass ist jedem selbst überlassen, was er daraus zieht. Ich möchte mich halt selbst berühren und wenn ich es schaffe, mich dabei so zu fühlen, so echt und ehrlich und wirklich denke, es ist schon so offen und ehrlich, dass es vielleicht zu weit geht, ist es aber vielleicht genau der Punkt zu sagen, dann ist es genau richtig. Weil erst, wenn man an die Grenze geht, kann es einen richtig berühren. Das war bei den Leuten, die mich berühren der Fall, dass ich immer dachte, das ist absolut echt.





Hast du dann aktuell auch einen Künstler, den du hörst, weil er dich berührt?

 

Also mich berührt James Blake zum Beispiel. Der würde auch genauso Musik machen, wenn er nicht erfolgreich und in der Indie-Szene nicht so anerkannt wäre. Mir geht’s um Leute, die auch dann noch Musik machen würden, wenn sie nicht erfolgreich wären. Und ich hab bei manchen Leuten das Gefühl, dass sie gerne bekannt sein würden, was auch völlig okay ist und dann ist ihnen der Weg dahin fast egal. Es ist so wahllos. Hauptsache irgendwie Aufmerksamkeit bekommen. Das finde ich schade. So jemanden wie James Blake nehme ich viel ernster, als Leute, die in irgendeiner Castingshow und am nächsten Tag auf einmal Moderator oder sonst wo sind, das kann ich nicht so ernst nehmen. Aber die Musik, die mich berührt, ist die, die sich einfach echt anfühlt. 


Welchen Film müssen wir uns deiner Meinung nach unbedingt anschauen?



City of Gods ist einer meiner Lieblingsfilme.


Woher kommt eigentlich der Name Nisse?



Nisse kommt aus dem Dänischen und ist eine Abkürzung für Nikolaus.

Wie gehst du eigentlich vor, wenn du Musik produzierst? Woraus schöpfst du deine Ideen?



Ich schöpfe meine Ideen eigentlich aus dem, was ich erlebe. Meistens ist es halt so, dass die Liebe so mit das Inspirierendste ist. Die ganze Welt dreht sich um Liebe und daraus entsteht ja im besten Fall auch das Leben. Es ist schon ein großer Teil und die Geschichten, die ich wegen der Liebe erlebe, sind dann schon das Inspirierendste für mich oder die Geschichten von Leuten, die mich berühren. Und meistens habe ich eine Melodie, die ich für mich spiele und habe dann währenddessen nach ein paar Sekunden einen Satz, der mir einfällt, allein durch den Klang und die Atmosphäre. Manchmal spiele ich aber auch ein paar Stunden und irgendwann nach und nach kommt es dann. Das lässt sich nicht so leicht sagen. Aber es gibt auch Songs, die entstehen in 10 Minuten, da schreib ich den ganzen Song und manchmal dauert es Jahre. Liebe Liebe ist superschnell entstanden und ein Song wie Ich fahr hat halt drei, vier Jahre gedauert.

Brauchst du dann auch deine Auszeiten von der Musik?

 

Nein. Kein krasser Künstler nimmt sich Auszeiten. Das ist auch kein Beruf. Also ich bin berufen dazu und es gibt keine Pausen. Es gibt vielleicht Zwangspausen, weil ich nicht weiterkomme. Aber meine Art die Zwangspausen zu umgehen, ist es für andere Künstler zu schreiben.


Was dürfen wir zukünftig von dir erwarten?

 

Ich schreibe neue Musik und ganz viel auch für andere Künstler. Also dann auch Sachen, wo mein Name jetzt nicht vorne drauf steht, aber es gibt weiterhin meine Musik zu hören.

Danke für das schöne und inspirierende Interview!


Wer Nisse und seine Musik live verpasst hat, kann in unserer Spotify-Playlist zum Konzert alle Lieder anhören: https://play.spotify.com/user/campuszeitunglmu/playlist/2HflzjN0sfbIvO5nxJWFkP


von Miriam Fendt

Fotos: Calvin Müller



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