Montag, 4. April 2016

Kurzgeschichte am Montag - Farben




Die Leinwand war leer. Unberührt stand sie vor ihm, in einem Weiß, so rein und unbefleckt wie frisch gefallener Schnee. Leer war sie und schien nach Thomas zu rufen. Diese Leere schrie förmlich, wollte nicht mehr nichts sein, sondern etwas. Sie forderte ihn heraus, sie zu bedecken und zu verwandeln in etwas Neues, Schönes. Stumm trat Thomas an sie heran und lies einen Finger über die raue Oberfläche der Leinwand gleiten, welche er an einem hölzernen Stativ aufgestellt hatte. Vertrautheit lag in dieser Berührung und Thomas wusste, dass er ihr alles anvertrauen konnte. Er beschloss, ihr den Wunsch zu erfüllen und sie zu etwas Neuem zu gestalten. Ein stummes Einverständnis lag zwischen ihnen, ihm und der Leinwand. Man könnte auch sagen eine Abmachung: Er versprach ihr, aus ihr etwas Einzigartiges zu schaffen und sie gab ihm die Möglichkeit mit seiner Kunst zu verschmelzen, eins zu werden und somit alles andere zu vergessen. Ein durch und durch fairer Deal, befand Thomas. Sanft löste er seine Fingerspitze von ihr und hielt den Atem an. Thomas hatte sich geschworen, jedes Bild das er malte als eigenes Kind zu betrachten und somit so viel Zeit und Liebe zu investieren, wie es brauchte. Jedes Bild war anders, einzigartig, individuell und hatte dadurch ein eigenes Maß an Zuwendung nötig. Doch dieses war anders und das spürte er. Mit dieser Leinwand hatte er etwas ganz Besonderes vor. 

Eine Idee, die ihm schon lange im Kopf schwirrte und ihm nachts den Schlaf raubte. Nie hatte er sich getraut sich dieser Idee anzunehmen, bis heute. An diesem Tag sollte sie Gestalt annehmen. Schon immer wollte Thomas sein eigenes Leben auf die Leinwand bringen, ein Bild malen, welches ihn und seinen Werdegang perfekt beschrieb. Und endlich war der Tag gekommen, an dem er genau das versuchte. Ein Bild. Sein Leben. Keine leichte Aufgabe, aber an großen Herausforderungen wuchs man. Thomas Blick wanderte noch einmal durch seine kleine, unordentliche Wohnung. Als er sich selbst im Spiegel erblickte, stockte er kurz. In Unterhosen stand er da. Sein Spiegelbild musterte ihn skeptisch aus eisblauen Augen. Das Zusammenspiel seiner besonderen Augen mit seinen markanten Gesichtszügen bot einen interessanten Anblick. Thomas wusste, dass er mit einem einfachen Blick Menschen einschüchtern konnte, da sie immer entwaffnend wirkten. Wenn einmal keine Strenge in seinem kalten Blick lag, dann schaute er verträumt ins Nichts. Eingerahmt war sein Gesicht von rabenschwarzem Haar, welches in sanften Locken über seine Schulter fiel und von einem lässigen Dreitagebart, der verwegen aussah, aber dennoch gepflegt. Schlank war er und drahtige Muskelstränge waren an seinem Körper zu erkennen. Thomas wusste, dass er kein unattraktiver Mann war und des Öfteren hatten einige Frauen erhebliches Interesse an ihm gezeigt. Er seufzte. Leider half ihm diese Aufmerksamkeit des schönen Geschlechts nichts. 

Für einen kurzen, friedvollen Moment ging der Maler noch einmal tief in sich und erforschte seine Gefühle. In sich gekehrt horchte Thomas dem eigenen, regelmäßigen Herzschlag. Er versuchte entspannt zu sein und alle Fesseln des Alltags von sich zu lösen, um sich in diesem Moment ganz der Kunst hingeben zu können. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Tiefer Frieden umgab ihn nun… Zeit anzufangen. Vor seinem inneren Auge hatte Thomas nun das Bild gesehen, das entstehen sollte. Nun wollte er versuchen, nicht mehr großartig darüber nachzudenken, sondern einfach seinem Instinkt zu folgen und zu malen. Ohne einen Gedanken an das Warum nahm sich Thomas einen äußerst dünnen Pinsel, mit dem man feine Linien ziehen konnte und tunkte ihn in ein tristes Grau. Wie von selbst begann seine Hand zu malen und als der Pinsel zum ersten Mal über die Leinwand glitt, schauderte er. Das Grau war so gewöhnlich, dass Thomas es einigen Dingen zuordnen konnte: Dem Grau von Wolken an düsteren Regentagen,  dem Grau aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen, dem Grau eines gewöhnlichen Steines. Aber genau das sollte diese Farbe aussagen: Sie war gewöhnlich, allgegenwärtig. Nichts Besonderes. Vorsichtig betrachtete Thomas sein Werk als er den Pinsel beiseitelegte. Mit dem Fuß wippend, beschloss Thomas, dass es an der Zeit war, dem Kunstwerk Leben einzuhauchen. Leben durch Farben. Sein Leben durch seine Farben. Thomas nahm die Farbpalette fest in die Hand, starrte auf die verschiedenen Farben darauf. Er hatte sie alle schon sorgfältig gemischt, um exakt die Farbtöne zu bekommen, die er auch wirklich haben wollte.  Aber als er nun über den Schritt nachdachte, diese Farben auf die Leinwand zu bringen, schlich sich Angst in sein Herz, kalt und unbarmherzig. Angst weil er wusste, dass vielleicht nie jemand dieses Bild verstehen konnte, außer ihm. Lag darin nicht der Reiz? Er musste diesen Schritt wagen, dessen war er sich bewusst. Also griff Thomas zum nächsten Pinsel, einem mit dickeren Borsten. Welche Farbe? Nicht darüber nachzudenken, gelang ihm nicht wirklich. Verzweifelt versuchte er instinktiv zu handeln, aber es mochte ihm nicht gelingen. Die Palette wackelte unter seinem zittrigen Griff und Thomas fürchtete, sie könne seinen schwachen Fingern entgleiten. Violett. 

Ohne es zu merken, hatte er den Pinsel ins Violett getaucht. Es war ein dunkles, volles Violett. Als Thomas sah wie es sich mehr und mehr auf seinem Gemälde ausbreitete fühlte er sich sofort in eine andere Zeit zurückversetzt. Eine Zeit, als er noch ein kleines Kind gewesen war und noch bei seinen Eltern gelebt hatte. Es war ein dunkles, volles Violett und diese Farbe hatte sich unwiderruflich in sein Gedächtnis gebrannt. Mit zitternden Händen hatte er das kleine Buch damals gehalten, ähnlich wie die Farbpalette heute. Dunkle Flecken bildeten sich auf dem violetten Einband, dort wo die Tränen des kleinen Kindes landeten. Jenes Tagebuch, welches verborgen im Daunenkissen seiner Mutter lag. Keine Erinnerungen existierten mehr daran, wie Thomas es gefunden hatte. Einzig die Farbe war ihm noch geblieben. Die Farbe und der Inhalt. Eindrücke sowie Erinnerungen fluteten wirr sein Gedächtnis und Thomas schien zu ertrinken in seiner Vergangenheit, seiner verlorenen Kindheit. Ertrinken in Gefühlen, Gerüchen, Geräuschen und in diesem dunklen Violett. Schreie hallten durch seinen Kopf, Schluchzen und das helle Klatschen, wenn eine Handfläche auf Haut trifft. Auch das dumpfe Geräusch von einer geballten Faust gegen Fleisch. Thomas wollte ebenso schreien und weinen und flehen und sich zusammenkrümmen in dem Schmerz, der beinahe greifbar wurde und sich manifestierte in einem kleinen lila Büchlein, konnte jedoch nur weiter malen. Der Geruch von Bier und Schnaps hing in Thomas Nase, obwohl er keinen Alkohol Zuhause hatte. Er war so intensiv und aufdringlich, dass er würgen musste und sich fast übergab. Dennoch malte er unerschrocken weiter, trotz all seiner Dämonen. Diesen Blick, den Teufel hatte sein Vater in den Augen gehabt, wenn er getrunken hatte. Immerzu hatte er getrunken. Seine Mutter hatte ihn jedes Mal angefleht den Kleinen zu verschonen, ihn zu verschonen. Er sei ja nur ein kleines Kind. Thomas hatte sich jedes Mal in seinem Zimmer eingesperrt und sich die Ohren zugehalten, weil er das Schreien und Weinen nicht hören wollte. Doch jetzt waren die Schreie in seinem Kopf, ein Echo aus der Vergangenheit, welches bis heute in ihm nachhallte. Sie hörten sich so echt an. Echt und vertraut, was das Schlimmste war. Das Tagebuch befand sich im Daunenkissen seiner Mutter und irgendwie hatte er es gefunden. Thomas wusste, dass es nicht richtig war aus einem Tagebuch zu lesen. Er war noch sehr jung gewesen, aber er hatte gewusst, dass dies ein Eingriff in die Privatsphäre eines anderen Menschen war. 

Leider lebte dieser Mensch nicht mehr und war für immer fort. Antworten waren das, was Thomas gesucht hatte. Warum es nicht mehr für seine Mutter gereicht hatte, weiter zu leben.  Weshalb sie beschlossen hatte, ihn mit seinem Vater alleine zu lassen. Diese Schrecken wollte er ergründen. Und die Schrecken waren groß gewesen, tiefste Gefühle und Ängste, gebannt mit Tinte auf dünnem Papier. Thomas erinnerte sich nicht mehr an die Sätze, die Worte, die Buchstaben. Das Einzige was ihm von diesem Tag blieb, war, dass er, als er fertig war und den violetten Einband des Buches mit seinen Tränen benetzte, verstand. Untröstlich hatte er geweint, weil er sie verstehen konnte. Die schreckliche Leere und Gleichgültigkeit in der Frau, die seine Mutter gewesen war, als sie sich eine Pistole in den Mund gesteckt und abgedrückt hatte. Der Pinsel entglitt seinen Fingern und als er mit einem hölzernen Geräusch auf dem Boden aufprallte, schien es in all der Stille so laut zu sein wie grollender Donner. 

Keuchend versuchte Thomas nach Atem zu ringen und wischte sich mit seinem Arm den Schweiß von der Stirn. Er hatte gewusst, dass ihm dieses Bild alles abverlangen würde. Wohlwissend hatte er diesen Tag begonnen und er sollte verdammt sein, wenn er dieses Bild nicht zu Ende bringen konnte. Von der Vergangenheit geplagt, nahm er sich einen neuen Pinsel. Wenn er jetzt aufhörte, würde er sich nie mehr dazu aufraffen können, das Kunstwerk zu vollenden. Deshalb nahm er sich einen neuen Pinsel und begann mit der nächsten Farbe. Orange. Kein knalliges, aufdringliches, nein, ein gedecktes, warmes Orange. Eine Farbe, die jeder kannte: das Orange eines Sonnenuntergangs in lauen Sommernächten. Eine Farbe, deren Wärme sofort von der Netzhaut ins Herz fließt und sich wohltuend in der Magengegend ausbreitet, wie ein warmes Kribbeln. Diese Farbe verband Thomas hauptsächlich mit Dennis. Dennis war ein kleinwüchsiger Junge gewesen, mit aschblondem Haar und ehrlichen, braunen Augen. Sein Gesicht strahlte immer Güte aus und nur die besten Absichten lagen in seinem freundlichen Blick. Dennis war sein bester Freund gewesen im Heim. Nachdem Thomas Mutter gestorben war, brachte man ihn fort von seinem Vater. Weit weg, in eine andere Stadt. Dort steckte man ihn in ein Heim mit Waisen und Kindern, deren Eltern Probleme hatten. Dennis Eltern waren bei einem Autounfall gestorben, da war er noch ein Säugling gewesen, hatte er erzählt. Er war hier in dem Heim aufgewachsen und kannte die Stadt wie seine Westentasche. 

Ständig war er auf der Suche nach Abenteuer und da Thomas nicht so langweilig war, wie die anderen Kinder im Heim, freundete er sich rasch mit Dennis an. Zusammen zogen sie auf Erkundungstouren und entdeckten viele spannende Orte und erlebten so einige lustige Geschichten. Vieles davon hatte Thomas bereits vergessen, nur ein Bild würde die Zeit nie aus seinen Erinnerungen waschen können: Der Anblick vom Dach der Bibliothek über die Stadt. Über die Äste einer mächtigen Eiche konnte man auf dieses Dach gelangen und dort hatten sie oft Stunden verbracht. Geredet und gelacht hatten sie, manchmal auch nur geschwiegen und die Aussicht genossen. Oft hatten sie auf diesem Dach die Sonne am fernen Horizont hinter den Bergen verschwinden sehen und sie hatte die Welt in ebenjenes warme, orange Licht getaucht, welches wie ein Zauber über der friedlichen Stadt lag. Fern waren diese Tage auf diesem Dach, in jener Stadt, aber trotzdem konnte Thomas noch das erste Bier in seinem Mund schmecken, welches er dort getrunken hatte. Es hatte fürchterlich geschmeckt.  Thomas wollte es trotzdem austrinken, um Dennis nicht zu kränken, der die Getränke für sie besorgt hatte. Kurz musste Thomas mit dem Malen innehalten, weil er zu lachen begann. Er hatte keine Ahnung, ob zu diesem Zeitpunkt gerade die Sonne untergegangen war. Und dennoch war die Erinnerung an sein erstes Bier vom orangen Abendrot umspielt. Eigentlich waren das alle Bilder, die er mit diesem Dach verband. Obwohl Thomas wusste, dass sich nicht jede Szene auf diesem Dach in diesem sonderbaren Licht abgespielt hatte, sagte ihm sein Gedächtnis genau das.

Schon komisch, dass er Dinge vor sich sah, die wahrscheinlich gar nicht genau so passiert waren. Egal welchen Moment er mit Dennis auf dem Dach Revue passieren ließ, das Orange blieb. Erinnerungen drängten sich in sein Bewusstsein, von Gesprächen, die er mit seinem besten Freund geführt hatte. Über die Schule, über Sport, über Kunst, über Mädchen. Mädchen. Dennis hatte viel über sie erzählt und Thomas hatte ihm wirklich gerne dabei zugehört. Oft half er ihm bei seinen Problemen mit ihnen und versuchte ihm ein Ratgeber zu sein. Aber nie redete Thomas über seine Probleme mit Mädchen. Den Grund dafür konnte Dennis nie wirklich verstehen: Thomas fand sie einfach nie wirklich interessant, ihr Anblick reizte ihn nicht. Anfangs war das noch normal gewesen, aber als Thomas in die Pubertät kam und sich nichts daran änderte, wuchs in ihm die Angst anders zu sein. Trotz all dieser kleinen Lebenskrisen, den vielen Peinlichkeiten, die Thomas in seiner Jugend wiederfuhren, merkte er, als er den Pinsel absetzte, dass er eine schöne, wohlbehütete Zeit im Heim verbracht hatte. Gern erinnerte er sich daran, an das Heim, die Stadt, das Dach und die Abende mit Dennis. So fühlte er sich gut, als er mit der zweiten Farbe fertig war und er wagte für kurze Zeit nicht, die Leinwand mit einer neuen Farbe zu bemalen, weil der Moment, in dem die wohlige Wärme des Orange seine Glieder verließ, ein trauriger  sein würde. 

Kurz dachte er daran, was aus Dennis geworden war. Als er älter wurde, hatte er seinen aufgeschlossenen Blick gegen einen hasserfüllten eingetauscht. Sie hatten sich damals auseinandergelebt, als Dennis neue Freunde kennenlernte. Diese „Freunde“ hatten einen äußerst schlechten Einfluss auf ihn gehabt, erinnerte sich Thomas und schon bald änderte sich nicht nur Dennis Gesichtsausdruck, sondern alles: Er hatte seine blonden Haare abrasiert und eine Glatze getragen, seine Sneaker durch Springerstiefel ersetzt und auf Ausländer und Asylanten geschimpft. In dem Leben eines solchen Menschen war kein Platz für Leute wie Thomas. Und das wollte er auch nicht, denn was er nicht tolerieren konnte war Intoleranz. Ein Paradoxon, welches ihm schon oft Kopfschmerzen bereitet hatte. Thomas versuchte diese düsteren Gedanken von sich wegzuschieben und sich wieder dem Bild zu widmen. Mit einer kreisenden Bewegung tauchte er die Pinselhaare in die dritte Farbe. Rot. Ein sinnliches Weinrot. Als das Weiß mit dieser Farbe überdeckt wurde, drifteten seine Gedanken wieder ab und er fühlte sich augenblicklich in die Nacht seines Abschlussballs  zurückversetzt. In die Zeit vor dem Ball, als die Abiturienten unruhig wurden und jeder im Stress gewesen war, wegen der Prüfungen und wegen den Tanzpartnern. Mädchen waren in Rudeln umhergestreunt und Aasgeiern gleich hatten Jungs darauf gewartet, dass sich einzelne von den Gruppen trennten. Um sie zu fragen, ob sie tanzen wollten. Die Jungs hatten mit ihren Partnerinnen geprahlt, wenn sie attraktiv gewesen waren und andere waren einfach nur froh, jemanden zu haben und nicht alleine zu sein. In dieser Zeit war Thomas sich mehr allein als jemals zuvor vorgekommen. Noch nie hatte er es mit einem Mädchen versucht und diese Tatsache, die vorher vielleicht in den vielen Geschichten der anderen Jugendlichen untergegangen war, wurde für andere nun klarer denn je. 

Thomas hatte sogar überlegt, einfach nicht zu dem Ball zu gehen. Doch die Mädchen hatten ihn verfolgt, hatten gekichert, als er an ihnen vorbeigegangen war. Es waren Gerüchte im Umlauf gewesen, dass viele Mädchen gerne mit ihm tanzen würden. Irgendwann war es Thomas zu bunt geworden und er hatte Helena gefragt. Sie schien froh darüber gewesen zu sein und so hatten die beide am Abschlussball getanzt. Oh, wie Thomas Tanzen gehasst hatte. Und nun fand er sich wieder in dem Moment nach dem Abschlussball, als er mit Helena auf dem Nachhauseweg gewesen war: „Ich will noch nicht nach Hause.“,sagte sie und nahm Thomas Hand. Sie hatte zu viel getrunken, das wusste Thomas. Selbst er war etwas beschwipst. „Aber ich.“ Energisch stampfte sie mit ihren Stöckelschuhen auf die Straße. Es machte klack. „Nein, komm schon! Lass uns noch irgendwo hingehen. Ich kenn einen schönen kleinen Teich, da ist es voll ruhig. Ist gleich um die Ecke. Da können wir uns ein bisschen hinsetzen und quatschen.“ Thomas schnaubte, wagte jedoch nicht zu widersprechen. So ließ er sich an der Hand von ihr führen. Helena hatte wunderschönes, goldblondes Haar und ein ernstes Gesicht. Er wusste, dass sie schön war und ihr enges Kleid betonte ihre kurvenreiche Figur fabelhaft. Das Kleid war von einem sinnlichen Weinrot und funkelte geheimnisvoll im silbernen Mondschein. Nach fünf Minuten gelangten sie an den Teich und setzten sich, redeten einige Zeit über belanglose Dinge, dann über ernste Themen, Politik, Philosophie, die Vergangenheit und danach wieder über Belangloses. Immer mehr wurde ihm bewusst, dass er Helena wirklich sehr mochte. Sie verstand ihn und er verstand sie. Was ihm weitaus mehr Sorgen bereitete, war, dass sie ihn wahrscheinlich auch mochte. Zu sehr. Da war ihr Blick, verzehrend, lüstern. Und da waren ihre Berührungen, sanft und liebevoll. Bei den Mädchen war er wahrscheinlich als schüchtern bekannt und weil Thomas es nicht wagte, den ersten Schritt zu machen, würde es irgendwann Helena übernehmen. Thomas hatte Angst vor dem was passieren würde. Noch nie war er einem Mädchen zu nahe gekommen und eigentlich wollte er das auch nicht. 

Er wollte sich nicht seinen Empfindungen stellen. Er wollte nicht anders als die anderen sein. Aber musste er sie nicht gerade deshalb küssen? Um zu beweisen, dass er normal war. Ein gewaltiger Knoten befand sich in seinem Hals und seine Gedärme schienen voll mit Steinen zu sein, als Helena näher an ihn heranrückte und ihre Hand auf sein Knie legte. Thomas zuckte erschrocken. Kurz blitzte Überraschung in Helenas Augen auf. „Du musst keine Angst haben.“, hauchte sie zärtlich. „Ich weiß, dass das dein erstes Mal ist. Aber… ich will es. Und ich weiß, dass du es auch willst.“ „I-ich..“ Warum brachte er keinen Ton heraus? Wie er sich selbst dafür hasste. Sag doch was! schoss es ihm durch den Kopf. Doch seine Lippen blieben verschlossen.  Langsam beugte sie sich vor. Plötzlich war ihr Gesicht ganz nahe an dem seinen und Helena blickte ihm direkt in die Augen. Ihr warmer Atem strich über seine Haut, so nahe war sie. Thomas spürte, dass er schwitzte. Er wollte hier weg. Und dann trafen ihre Lippen die seinen. Sie waren weich und schmeckten nach Lippenstift. Ihre Hand krallte sich um die Haare an seinem Hinterkopf, presste ihre Lippen fester an seine. Das sollte der Moment sein, in dem ein Feuerwerk in seiner Brust stattfinden sollte, in dem alle Gedanken aussetzen und er sich nur der Leidenschaft hingeben sollte. Doch Thomas fühlte nichts. Rein gar nichts. Er riss sich von Helena los. „E-Es tut mir Leid. Ich kann das nicht.“ Entsetzt starrte sie ihn an und Tränen traten ihr in die Augen. „Aber wieso? Es ist doch alles in Ordnung…“ Verzweifelt wedelte er mit den Armen. „Nein ist es nicht.“ „Was ist so verkehrt an mir?“ Sie begann heftig zu schluchzen. „Ich wusste dass ich nicht gut genug bin.“ Auch das noch. „Nein, das ist es doch nicht Helena! Es liegt nicht an dir… es liegt an mir!“ „Ich war so eine Idiotin, zu glauben, dass das mit uns was werden könnte. Ich war total verknallt und dann hast du mich gefragt und alles schien… so perfekt. Ich bin so dumm!“ Sie stand ruckartig auf und stackste auf ihren Stöckelschuhen davon, wollte ihn alleine lassen. „Ich bin schwul!“, rief er aufgebracht. 

Kurz hielt Helena inne und drehte sich  zu ihm um. „Was?“ „Ich… ich wollte es bis heute nicht wahr haben. Mädchen haben mich nie interessiert, aber ich hab mich immer vor der Wahrheit verschlossen. Nicht weil ich es schlimm finde, schwul zu sein. Ich hatte Angst, dass es andere nicht akzeptieren… dass ich nicht mehr dazu gehöre. Also  hab ich es verdrängt, hab versucht es zurückzuhalten. Aber jetzt geht das nicht mehr.“ Schweigend standen sie da, er und Helena und starrten sich an. Keine Erleichterung, endlich die Wahrheit gesagt zu haben, machte Thomas schlechten Gefühlen Platz, nur noch mehr Angst. Nach kurzer Zeit fand sie ihre Stimme wieder und ihre Worte waren wie ein Faustschlag ins Gesicht: „Das ist doch Scheiße! Du kannst mich mal, ich bin fertig mit dir.“ Und dieses Mal ging sie wirklich. Klack, Klack, Klack. Noch in der Ferne hörte Thomas ihre Schuhe. Klack, klack, klack. 

Seufzend legte er die Farbpalette zur Seite und betrachtete das Bild. Drei Farben. Das Tagebuch seiner Mutter, der Sonnenuntergang und die Farbe von Helenas Kleid, als Sinnbild für sein Coming Out. Drei Farben für seine Jugend. Für eine Zeit der Verwirrung und Selbstfindung. Drei weitere würden nun folgen. Und diese würden für seine Zeit als Erwachsener stehen. Für die Zeit, in der er endlich zu sich selbst gefunden hatte und wusste, wer er wirklich war. Für die Zeit, in der er sich nicht mehr versteckte, sondern das tat, was ihm wirklich Freude bereitete. Was ihm wichtig war. Noch einmal dachte er an das rote Kleid und war dankbar dafür, dass dieser Moment ihm dabei geholfen hatte, der Mann zu werden, der er sein wollte. Auch wenn die Erinnerung an diesen Tag auch schmerzvoll war. Für die meisten Menschen hatte sich damals nichts geändert, nur die wenigsten sahen ihn mit anderen Augen. Seine Angst war also nie berechtigt gewesen. Doch Helena, die ihn so verstanden hatte, mit der er Stunden einfach nur geredet hatte… Helena sprach nie mehr ein Wort mit ihm. Keinen weiteren Gedanken wollte er mehr daran verschwenden und deshalb begann er weiter zu malen. 

Blau. Das tiefe, unergründliche Blau des Meeres. Je mehr davon sein Gemälde bedeckte, desto mehr spürte Thomas wie seine Mundwinkel nach oben wanderten. Er lächelte. In wogenden Wellen, unaufhaltbar wie das Meer selbst, schwappte die Erinnerung in seinen Geist und überflutete ihn förmlich. Er spürte den Wind, der an seinem Haar zerrte. Roch die salzige Luft. Thomas liebte das Meer, seine unergründlichen Weiten. Die ganzen Geheimnisse, die es wahrte, tief unter der Wasseroberfläche. Nie würde es etwas geben, das so geheimnisvoll, mysteriös und wunderschön war. Und so mächtig. Eine Urgewalt, riesige Wellen, tosende Gischt. Ja, er liebte das Meer. Und oft hatte er versucht seine Schönheit auf ein Gemälde zu bannen und nie war es ihm wirklich gelungen. Alle diese Gemälde hatte er zerstört, weil sie nicht würdig waren und das Antlitz des Meeres beleidigten. Nach seinem Kunststudium hielt sich Thomas lange Zeit mit kleinen Nebenjobs über Wasser. Viele Jahre hatte er gebraucht, um genug gespart zu haben, um zu verreisen. Von Anfang an war ihm jedoch klar gewesen, wohin diese Reise gehen würde: Ans Meer. Damals hatte er diese Schönheit nie mit eigenen Augen gesehen, nur im Fernsehen oder auf Bildern. Fasziniert hatte es ihn jedoch schon immer. Also verwendete er damals sein ganzes Gespartes um nach Italien ans Meer zu reisen. Diese Reise trat er alleine an, obwohl viele Freunde ihm angeboten hatten, ihn zu begleiten. Doch dies war ein Abschnitt in seinem Leben gewesen, den er alleine bestreiten musste. So reiste Thomas nach Italien, alleine. Und als er die Dünen erklomm und das erste Mal über die See blickte, den Wind in den Haaren und das Salz in der Nase, fühlte er sich so frei wie noch nie in seinem Leben. Jede kleine Welle, die sich glitzernd im Sonnenlicht am Strand brach, lies sein Herz höher schlagen. Und das Rauschen des Mittelmeeres beruhigte ihn, wirkte wie Balsam für seine Seele. Es reinigte ihn, befreite ihn von allen Sorgen und Ängsten. 

Oft wenn er gestresst, deprimiert oder wütend war, schloss Thomas die Augen und versuchte sich das Rauschen des Meeres vorzustellen. Dann umgab ihn Frieden. Den ganzen Tag war Thomas auf der Düne gestanden, am Strand spaziert oder im seichten Wasser gehockt. Den ganzen Tag war er am Meer geblieben und hatte versucht sich diesen Anblick für immer einzuprägen. Bis zum Horizont reichte das Wasser und die Sonne schien darin zu versinken, als sie unterging. Unendlich weit war die See und unvorstellbar tief. Eine völlig andere Welt, verborgen und für die Menschen kaum sichtbar. Wie es wohl dort war? Das fragte er sich oft. Nach einer Woche musste er sich von seiner großen Liebe verabschieden und er hatte Tränen in den Augen gehabt, als er das letzte Mal seinen Blick über die See wandern ließ. Nie wieder spürte Thomas diese Freiheit, diesen Frieden. Nie wieder empfand er so, wie an den Tagen am Meer. Doch das Meer lebte in ihm weiter, spendete ihm Trost. Und Hoffnung. Sein Leben war schwer und er fand nicht immer Arbeit, fand niemanden der seine Kunstwerke kaufte. Doch ein Gedanke trieb ihn immer weiter an: Genug Geld zu machen, um noch einmal nach Italien reisen zu können. Also machte er weiter, da er ein Ziel hatte. Und dieses Ziel hielt er sich immer vor Augen, wenn er glaubte, alle Hoffnung verloren zu haben. Dieses Blau, darin konnte sich Thomas für immer verlieren und es wäre gut so. Deshalb merkte er auch nicht, dass er fertig war und stierte unaufhörlich auf sein Bild, das schön langsam Gestalt annahm. Fast konnte er sehen wie sich das Blau bewegte. Konnte er das Meer nicht rauschen hören, eben in diesem Augenblick? Lange sah er das Gemälde an und schien darin gar zu ertrinken, unterzugehen. Mit einem kräftigen Seufzer machte sich Thomas letztendlich davon los und wandte sich ab. 

Er vermisste das Meer, so wie viele andere Dinge in seinem Leben. Seine Mutter. Seine alte Heimatstadt, das Heim, das Dach, Dennis, seine Schulzeit und Martin. Vor allem Martin. Wenn Thomas je zum Meer zurückkehren würde, wüsste er, dass es da wäre und ihn auch lieben würde. Dass es sein würde, wie damals. So war es nicht mit Martin. Also begann Thomas mit der fünften Farbe zu malen. Grün. Das Grün seiner Augen. Für diese Farbe hatte er am längsten gebraucht. Irgendwann war es ihm gelungen, einen Grünton zu mischen, der Martins Augen am ähnlichsten war. Ein helles Grün, fröhlich. Doch so sehr sich Thomas bemühen würde, Martins Augen durch diese Farbe auf Papier einzufangen, wusste er, dass es nicht funktionieren würde. Die Farbe passte, dennoch konnte er nicht den Blick, mit dem Martin ihn angesehen hatte, in die Farbe mischen, auf seinem Gemälde verewigen. Nur die Farbe blieb ihm. Farbe und Erinnerung. Das Grün seiner Augen. Forschend sah er ihn an und Thomas konnte seinem Blick nicht standhalten. Seine Blicke, seine Augen hatten etwas an sich, das Thomas nicht ganz beschreiben konnte. Wenn er melancholisch blickte, dann sah ihn Martin aus vorwurfsvollen Augen an. Wenn er ihm scharfe, entwaffnende Blicke zuwarf, zeigte sich in Martins Augen eine tiefe Liebe. Er schien Thomas mit Blicken entkleiden zu können, ihm die Haut abziehen, das Fleisch von seinen Knochen schmelzen und in sein Innerstes schauen. Martin sah Dinge in ihm, die er selbst nicht sah. Seinen grünen Augen blieb nichts verborgen. Nichts. Und deswegen liebte Thomas ihn. 

Es war warm in der Wohnung und sie beide schöpften nach Luft, außer Puste vom Liebesspiel. Der Geruch von frischem Schweiß hing schwer in der Luft. Süßlich roch er, nicht streng oder unangenehm. Thomas betrachtete ihn, wie er so neben ihm lag. Seine gebräunte Haut glänzte vor Schweiß und das kurze, braune Haar klebte nass an seiner Stirn. Sein Gesicht war rasiert, weich wie seine wundervollen Lippen. Er lag auf der Seite, stütze sich mit dem Ellbogen am Bett und bettete so seine Wange in seiner Hand. Die Bettdecke bedeckte knapp seine Lenden und sein Bauch hob und senkte sich schnell, weil er noch ganz außer Atem war. So lag er da und betrachtete Thomas mit seinen grünen Augen. Und Thomas lag neben ihm und konnte nicht fassen, dass ein so wunderschönes, perfektes Geschöpf ihn liebte. Mit einem Finger fuhr ihm Thomas über die nackte Brust, umspielte seine zarten Brustwarzen, die sich bei der Berührung härteten. „Ich liebe dich.“, sagte Thomas und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Wollte er auch gar nicht. Durch seine Worte berührt, setzte Martin sich auf und rückte näher an ihn heran. Diese Nähe war angenehm und Thomas sehnte sich danach, dass sich ihre Haut berührte. Martin nahm sein Gesicht in die Hände und schenkte ihm einen liebevollen Blick. „Ich liebe dich auch“ Er hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und als er sich von ihm löste, war Thomas Hunger erneut geweckt. Er wollte über ihm herfallen, ihn überall liebkosen, ihn nie mehr loslassen. Doch als er sich vorbeugte um Martin wieder zu küssen, wich dieser zurück. Eine kleine Bewegung nur, aber es fühlte sich an als würde Thomas in eine tiefe Schlucht stürzen, sich alle Knochen brechen und zerbersten. Es fühlte sich an, als würde ihm beim Aufprall alle Luft aus den Lungen gepresst. Martin erkannte natürlich sofort seine Bestürzung. 

„Ich muss mit dir reden, Thomas.“ In seinen Augen erschien etwas, das Thomas darin noch nie gesehen hatte. Was es war, konnte er jedoch nicht genau deuten… aber es beunruhigte ihn. „Um was geht es denn?“ Natürlich versuchte er lässig und unbeteiligt zu klingen, aber er wusste genau, dass er seine Sorge nicht überspielen konnte. Glücklicherweise ging Martin nicht darauf ein und dafür war er ihm dankbar. „Meine Firma… Sie hat mir eine bessere Stelle angeboten. Ich verdiene dann das Doppelte, also werde ich dieses Angebot wohl annehmen.“ „Aber das ist doch fabelhaft!“ „Nein ist es nicht.“, erwiderte Martin ernst. „Diese Stelle ist in Berlin frei geworden.“ Eine Welt brach zusammen und Thomas hoffte, dass die Worte die er vernommen hatte, eine Lüge waren. Dass er sich verhört hatte. Weil das nicht die Realität sein konnte. Nein, das durfte einfach nicht sein. Er wollte diesen Satz nicht begreifen, versuchte seine Bedeutung nicht zu verstehen.  Auf einmal erschien ihm alles viel düsterer als sonst, kälter. Plötzlich fühlte er sich leer und ausgelaugt und unendlich müde. „Heißt das…?“ „Ich ziehe nicht vollends nach Berlin“, unterbrach Martin ihn. „Nur immer über die Woche. Ich beziehe dort eine Wohnung und jedes Wochenende komme ich hier her zurück, zu dir. Das mit uns möchte ich nicht einfach aufgeben.“ Er wollte die Beziehung nicht aufgeben. Erleichterung. Freude. Euphorie. Nur kurz währten diese Gefühle. Dann wurde er erneut in einen Strudel aus Angst, Leid und Schmerz gezogen. Die ganze Woche würde er fort sein und er müsste alleine hier in der Wohnung sitzen. Einsam würde er sein und voller Sehnsucht. 

Aber wären dann die Wochenenden nicht umso schöner? Wäre dann die Zeit, die sie miteinander verbringen würden nicht noch mehr ein Geschenk für ihn? „Was hältst du davon Thomas? Sag' doch was.“ „Natürlich will ich, dass du glücklich bist. Und dieses Angebot ist eine erstklassige Chance für dich, deshalb solltest du sie nutzen.“ Bleib hier, schrie sein Herz voller Inbrunst. Bleib hier, bei mir. Nichts wollte er mehr als das, aber er wollte Martin sein Glück nicht verwehren. „Natürlich habe ich Angst und ein Teil von mir möchte, dass du hier bleibst“, sprach er vorsichtig weiter. „Aber du solltest es machen. Wir sehen uns dann an den Wochenenden. Und gemeinsam schaffen wir das. Beziehungen wachsen an Herausforderungen.“ Freudig klatschte Martin in die Hände. „Ich danke dir! Vielleicht genügt mein Geld auch irgendwann um dich nach Berlin zu holen.“ „Ja, vielleicht.“ Ihre Blicke trafen sich, so voller Zuneigung. Und da war es wieder: Das Grün seiner Augen. Thomas hatte gar nicht gemerkt, dass er weinte. Schluchzend hielt er inne, weil sein Blick verschwamm und er sein Bild nicht mehr sehen konnte. 

Diese Nacht damals war der Anfang vom Ende gewesen. Noch ein Jahr lang war Martin jedes Wochenende gekommen und sie hatten sich geliebt wie am ersten Tag. Aber irgendwann veränderte sich etwas, an dem wie Martin ihn ansah und an dem wie er redete. Thomas hatte gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Und dann kam die Zeit in der Martin an den Wochenenden immer häufiger in Berlin geblieben war. Eines Tages, nachdem er ihn drei Wochen lang nicht gesehen hatte, war Martin zurückgekehrt. Hatte die Beziehung beendet. Hatte in Berlin einen anderen gefunden. Und alles war nur noch Erinnerung. Niemals wieder würde Thomas jemanden so lieben können, da war er sich sicher. Drei Jahre waren seitdem vergangen und immer noch schauderte Thomas bei dem bloßen Gedanken an Martin. Die Welt war einfach nicht gerecht. Jegliche Lust, sein Bild fertig zu bringen war vergangen. Sich verkriechen und zu trauern wäre jetzt das Beste. Doch ein Teil in ihm rebellierte, kämpfte darum, sein Kunstwerk zu vollenden. Das war er ihm schuldig. Nichts sollte unvollendet bleiben, so wie seine verlorene Liebe. Nein, er musste es zu Ende bringen. Egal wie schwer es auch sein sollte. Eine letzte Farbe noch, dann war es vorbei. Dann hatte er sein Leben auf die Leinwand gebracht und er konnte endlich schlafen und der Realität entfliehen. Nur um dann am nächsten Tag wieder aufzuwachen und dasselbe Leid zu beginnen. Eine letzte Farbe noch. Er zwang sich, den Pinsel zu nehmen. Betonblöcken gleich fühlten sich seine Arme an, als er sie hob. Noch eine Farbe. Nur noch eine. Dann würde es vorbei sein. 

Gelb. Ein knalliges, fröhliches, stechendes Gelb. Die Farbe machte einen äußerst aufdringlichen Eindruck. Genauso aufdringlich wie das fette Grinsen im Gesicht des Plüschaffen Sunny, der ebenjene gelbe Farbe besaß. Das erste Mal war er Thomas auf seinem ersten Gang zum Arbeitsamt aufgefallen. Gerade hatte er sich auf den Weg gemacht und schlenderte durch die belebten Straßen der Stadt. Aus den Augenwinkeln konnte er das knallige Gelb erkennen. Die Farbe war so auffällig, dass sie sein Interesse weckte und er seinen Kopf wandte. Erschrocken machte Thomas einen Satz nach hinten und prallte gegen einen anderen Passanten. Aus verrückten Glubschaugen starrte ihn ein Plüschtier mit verzerrtem Gesicht aus einem Schaufenster an. Das Lächeln sollte wohl fröhlich wirken. Thomas fand es eher unheimlich. Neben dem Affen, der bei einem Spielwarenladen ausgestellt war, war ein Schild ans Fenster angebracht: „Das Leben ist schön! SUNNY DER AFFE“. Eilig entschuldigte sich Thomas bei der Frau, die er angerempelt hatte und ging weiter seines Weges. Doch der Affe schien ihm in den nächsten Monaten zu verfolgen: Thomas fand keine Arbeit und ging oft den Weg zum Arbeitsamt. Dokumente ausfüllen, Jobangebote entgegennehmen, Beratungen machen. Papierkram über Papierkram. Menschen mit falschem Lächeln die einem sagten, dass die Zukunft Gutes bringen würde. Und immer wieder Enttäuschungen. Und all das wurde begleitet von dem spöttischen Lächeln des Affen. Und jedes Mal, wenn er an Sunny vorbei ging, musste er das Schild lesen, diese Worte lesen. Das Leben ist schön. Worte ohne Bedeutung. Worte, die ihn verspotteten. Wie dieser verfluchte Affe, der ihn jedes Mal verhöhnte, wenn er wieder seinen Weg zum Arbeitsamt antrat. 

All diese Monate verschwammen zu einem einzigen, nie endenden Augenblick, der nur aus Enttäuschung zu bestehen schien. Enttäuschung und Selbsthass. Bei Sonnenschein ging er an dem Schaufenster vorbei. Wieder einmal hatte man ihn von seiner Arbeitsstelle geschmissen. Zu „verträumt“ sei er gewesen, nicht gewissenhaft. Das Leben ist schön. Im Winter, als beißende Kälte seine Glieder lähmte, traf er auf Sunny den Affen. Thomas befand sich im Streit mit dem Arbeitsamt, da er einige Jobangebote abgelehnt hatte. Jobs, die für einen Künstler überhaupt nicht in Frage kamen. Dadurch wurde jedoch das Arbeitslosengeld geringer. Seinen Stolz wollte Thomas jedoch nicht verlieren, also lehnte er weiterhin Arbeitsstellen ab. Musste noch mehr Papierkram ausfüllen, riesige Stapel und tausende Seiten voller Vorschriften, Paragraphen und leeren Zeilen, wo er unterschreiben musste. Das Leben ist schön. In strömenden Regen passierte Thomas den Spielwarenladen. Sein langes Haar und seine Kleidung durchnässt. Er fror. Sunny saß wie immer im Schaufenster, mit seinem Grinsen, seiner Farbe, seinem Hohn. Mehr und mehr bekam Thomas Schwierigkeiten, sich irgendwie über Wasser zu halten. Seine Miete hatte er bereits seit zwei Monaten nicht mehr bezahlt und weitere Rechnungen standen ebenfalls an. Wie er sie bezahlen sollte, wusste er nicht. Also nahm er die Stellenangebote an, die ihm das Amt vorschrieb. Verrichtete Arbeit, die ihn unglücklich machte. Und hatte Angst, dass sein Geld nicht mehr reichen würde, seine Wohnung zu behalten, zu leben. Das Leben ist schön. Nachts plagten ihn miese Alpträume, von tausend knallgelben Affen, die ihn auslachten. Sie sagten ihm, sein Leben sei ein Desaster, eine Schande. Sie erklärten ihm, dass er alles falsch gemacht habe. Das Leben ist schön. Und manchmal wenn Thomas durch die Straßen der Stadt strich, sah er plötzlich das Gelb von Sunny, hörte das Lachen aus seinen Träumen. Das war nicht real, er wusste es. Und doch verfolgte es ihn, machte ihm immer wieder klar, dass sein Leben sinnlos war. 

Thomas, ein gescheiterter Künstler, eine wertlose Existenz, ein Versager. Ohne Stolz. Das Leben ist schön. Das Leben ist schön. Das Leben ist schön. Dieser unerträgliche Satz, der immerzu in seinem Kopf spukte und ihn einfach nicht mehr losließ. Ja, Sunny der Affe… sein größter Fluch. „Das Leben ist schön.“ Und mit diesen Worten auf den Lippen tat Thomas seinen letzten Pinselstrich. Erschöpft legte er die Farbpalette beiseite und betrachtete sein Werk. Ein Bild. Sein Leben. Sechs Farben. Violett, Orange, Rot, Blau, Grün und Gelb. Sechs Bruchstücke seiner Vergangenheit, seiner Identität. Das Tagebuch, der Sonnenuntergang, Helenas Kleid, das Meer, Martins Augen und Sunny. Etliche Stunden waren verstrichen: Die Sonne war untergegangen und nun stahlen sich schon die ersten Sonnenstrahlen durch die  Ritzen in den Rollläden, kitzelten an Thomas Haut. Und Thomas stand da und schaute fassungslos auf sein Werk. Minuten lang, eine Stunde vielleicht. So stand er da und konnte nicht begreifen was geschehen war. Mit dem Grau hatte er die feinen Umrisse eines Menschen gemalt, hatte er sich selbst gemalt. Die Farben, die Erinnerungen, drangen von außen, von allen Seiten in den Menschen ein. Von oben, unten, rechts  und links. Nicht immer gleich war die Darstellung der Farben, während das Orange wie ein Lichtstrahl aussah, wirkte das Blau wie Wasser, das sich bewegte, sprudelte. Das Violett schien wie ein Farbschleier zu sein, wie Nebel, der sich langsam ausbreitete. Doch alle Farben liefen zum selben Punkt im Bild: die linke Brust des Menschen. Dort wo das Herz war.  Alle Erinnerungen drangen von außen in den Menschen ein und strömten in sein Herz, trafen sich dort und verschmolzen. Vermischten sich hier zu einer Farbe. 

Thomas schluckte. Schwarz.

All die Farben, Erinnerungen, Momente, Assoziationen, Erlebnisse. Sein Herz war schwarz. Dunkel und undurchdringlich. Keine Farbe auf der Leinwand war so intensiv, wie die des Herzens. Es sah aus wie ein Loch, das ins Nichts führte. Lange stand Thomas da und begutachtete das fertige Gemälde. Und plötzlich stieg in ihm eine wilde Hitze auf, von der Magengegend bis in seine Brust. Wild und unkontrollierbar fühlte es sich an und sein ganzer Körper bebte. Das Gefühl ballte sich in seiner Brust. Diese drohte zu zerspringen. Zurückhalten konnte er es nicht. Wut. Er ballte die Hände zu Fäusten. Zorn. Er biss sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckte. Und dann explodierte Thomas.  Das Bild riss er vom Stativ, schleuderte es mit aller Kraft und in hohem Bogen gegen die Wand. Er stampfte darauf herum. Es krachte und rumpelte und die Leinwand riss. Doch er hörte nicht auf, sprang darauf herum, zerstörte es. Nach einigen Minuten war das hässliche Gefühl verdampft, hatte sich in Rauch aufgelöst und er fühlte sich unendlich befreit. Irgendwie leicht und schwerelos. Thomas wischte sich den Schweiß von der Stirn und stieg ins Bett. Morgen würde er die Überreste verbrennen.

von Oliver Werner
Illustration: Annette Arndt

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