Montag, 18. April 2016

Sein München - Teil 4



Herr Reitanger und die Erstis


Montagvormittag auf dem Geschwister Scholl Platz Nummer 1. Es herrscht ein reges Treiben auf dem Campus; vor allem die Erstis belagern den Platz. Die meisten von ihnen haben gerade ihre erste Vorlesung hinter sich und knüpfen bei einer gemeinsamen Zigarette mit ihren Kommilitonen die ersten Kontakte, die bekanntlich die engsten in fast jeder Unilaufbahn werden. Der andere Teil der Erstis orientiert sich derweil am orangen Punkt in einem der Schaukästen mit den Gebäudeplänen oder steht ein wenig verloren auf dem Platz und weiß nicht mehr weiter bis es der Zufall nicht anders will, man auf Gleichgesinnte trifft und dann eine Vorlesung später ebenfalls mit Kippe an der Lippe draußen steht und erste Kontakte knüpft.

Doch auf einmal taucht jemand auf, der nicht so richtig in die Studentenmenge passt. Natürlich weiß man jetzt schon, wer erhobenen Hauptes, stolz darauf wieder einer Tätigkeit nachgehen zu dürfen, durch die Studentenmenge läuft: Herr Reitanger. Fesch ist er gekleidet mit schicken, modernen Arbeitsschuhen und einem schwarzen Engelbert-Strauß Outfit; wie ein moderner Hausmeister. Naja, dass der hellbraune Kordhut dann nicht so gut passt, dass hatte ihm auch schon seine liebste Gattin Agnes lauthals prophezeit, doch einen Josef Reitanger hält ja bekanntlich nicht mal seine Frau von etwas ab, was er sich in den Kopf, in diesen Fall auf den Kopf gesetzt hat. Erhobenen Hauptes betritt er die LMU, um dann gleich als Erstes rauszufinden, dass er im falschen Gebäude ist. Zum Glück wird er rechtzeitig von seinem Kollegen, dem Herrn Kadelinski, entdeckt, wie er da so steht mit einem etwas verzweifelten und zugleich grimmigen Blick. Gerade kann er ihn noch abfangen und ihn so vor der unangenehmen Situation retten, sich neben die Studenten an den Schaukasten zu drängen.
Zusammen gehen sie nun zum Sprachinstitut der LMU. Es hat sich herausgestellt, dass Herr Kadelisnki ebenfalls dem Team im Sprachinstitut angehört und Herr Reitanger will nach der ersten Verwirrung, auch wenn er lieber alleine gehen würde, nicht auf die Anwesenheit seines Kollegens verzichten. Sie kommen an und Sepp Reitanger wird kurz das restliche Team vorgestellt, ehe er eine kleine Führung von seinem Chef, dem Herrn Reger, bekommt. 


Als sie gerade wieder zusammen an den blauen Bänken zum Service am Eingang zurückgehen, springt plötzlich eine junge Studentin von einer der Bänke auf, stürmt auf die beiden Hausmeister zu und fragt wo denn der Vorlesungssaal S006 sei. Als dann der Sepp Reitanger nur harsch und immer noch verärgert über die Situation im Hauptgebäude meint, sie solle ihre „Bazalaugen“ aufmachen, erntet er von Herrn Reger einen sehr ernsten Blick und als die Studentin die beiden verlässt, bekommt Herr Reitanger den ersten Anschiss. Was das solle, dass er die Studentin, die so höflich fragt, so störrisch anmacht. Nach der Beteuerung und der Einsicht, dass die Aktion schon mal kein guter Start war (Herr Reger lässt sich aber trotzdem beschwichtigen), bekommt der Herr Reitanger auch schon seinen ersten Auftrag, den er alleine erledigen muss; er soll im Vorlesungssaal S003 die Technik für die nächste Vorlesung vorbereiten. Schnell und vor allem ordentlich führt er den Auftrag aus und als er fertig ist, kommt auch schon der nächste Anruf mit der nächsten „Baustelle“ (übrigens das technische Know-How hat er sich in stundenlanger Arbeit und natürlich mit einiger Ärgernis durch seine Söhne dem Michi und dem Toni angeeignet). 

Wieder beruhigten Gemüts geht er durch den Eingangsbereich, als er abermals von einem Ersti angehalten wird, der ihn fragt, ob er ihm denn sagen kann- da heute sein erster Tag ist und er keine Zeit mehr hat sich die Infos vom Schaukasten zu holen- wo denn die Germanistik-Seminarräume seien. Sepp Reitanger setzt schon wieder zu einem bösen Kommentar an, als er genau in diesen Moment im Augenwinkel den Herrn Reger zu ihm herüber schauen sieht. Kurz muss er diesen unglaublichen Zufall in seinem Kopf ordnen, ehe er dem Studenten antwortet. Natürlich könne er ihm sagen wo die Germanistik-Seminarräume seien, entgegnet Sepp Reitanger dem jungen Mann höflich und zeigt ihm den Weg. Wenig später steht der Studiosus vor der Kantine im ersten Stock und fragt sich, was er denn falsch verstanden hat. 

So langsam neigt sich Herr Reitangers erster richtiger Arbeitstag als Hausmeister an der LMU dem Ende zu. Es haben ihn noch ein paar andere Erstis höflich nach dem Weg gefragt, allen hat er charmant geantwortet und sie in eine völlig falsche Richtung geschickt. Warum er das tat? Sicherlich nicht aus Bosheit, sondern erstens weil er bei der kleinen Führung fast nicht zugehört hat, da er sich, natürlich ohne es durch seine Mimik zu zeigen, über die Architektur des Gebäudes aufgeregt hat, er es also gar nicht weiß, wo sie hin müssen und zweitens weil er an seinem ersten Arbeitstag etwas Spaß haben will und ihm das Necken anderer Leute doch so große Freude bereitet. Außer bei seiner Frau, da bedeutete es immer, dass er sich das Abendessen selbst herrichten kann.


Am Abend trifft er sich spontan mit seinen Freunden im Schelling Salon zum Billard spielen. Eifrig hören der Schorsch, der Ludwig, der Jakob und der Hans ihrem Spezel zu und müssen immer wieder lachen, wenn der Sepp erzählt, wo er wen hingeschickt hat. Wie sie dann nach dem Spielen bei einem Gustl und einer schönen Brotzeit beisammen hocken und beim Dinieren vor sich hin schweigen, fragt der Schorsch mit einem breiten Grinsen im Gesicht (und einem kleinen Brocken Obatztn im Mundwinkel, den alle bemerken, nur er selbst nicht): „Du Sepp, wann weastn du eigentlich moi erwachsn?“ Und abermals wird lauthals gelacht, nur, ob das Gelächter tatsächlich der Bemerkung oder doch dem Obatztn im Mundwinkel gilt, bleibt ungeklärt…..für uns zumindest.

Liebe Erstis,
Herr Reitanger und ich wünschen euch einen guten Start ins erste Semester und vor allem viel Erfolg bei eurem Studium. 


P.S.: Wenn ihr einen schwarz gekleideten, etwas älteren und grimmig dreinschauenden Herrn mit einem hellbraunen Kordhut im Sprachinstitut seht, dann wisst ihr ja jetzt, was ihr ihn NICHT fragen sollt. 


von Max Karg
Illustration: Annette Arndt 


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