Montag, 2. Mai 2016

Kurzgeschichte am Montag - Spiegelbild




Ein flüchtiger Schatten wanderte über die ebene Fläche. Etwas war im Spiegel vorbei gehuscht, oder vielleicht hatten ihn auch seine Augen getäuscht. Er sah genauer hin. Doch, doch er konnte es sehen. Da waren zwei Augen, eine Stirn, ein Mund und etwas kaum Greifbares, aber es war da. Einen kurzen Moment lief es ihm kalt über den Rücken, ein heiseres, nervöses Lachen entwischte seiner rauen Kehle. Sein Gesicht war ihm so vertraut. Manchmal hasste er es, manchmal liebte er es. Konnte man in seinen Augen lesen, dass er von Zeit zu Zeit in den Köpfen der anderen wohnen wollte? Wollte er das wirklich? Vielleicht war das dieser Schatten: Die Ahnung wie er in den Gedanken der anderen aussehen könnte. Verschwommen, gar fratzenhaft? Auf der Straße gingen sie einfach an ihm vorbei, dachten sich nicht viel, aber was wenn nun jemand stehen blieb, ihn genauer betrachten würde? Was würde er finden? Unsicherheit, Schwächen, Makel? Sein Spiegelbild blickte ihm verzweifelt entgegen. Er wandte sein Gesicht ab. Es schockierte ihn, dass ihm hässliche Gedanken ins Gesicht stehen könnten. Wer hatte einem Spiegelbild all diesen Druck aufgeladen, diesen Zwang, beurteilt zu werden? In seinen Gedanken spielte sich ein Film ab mit Momenten, die sein Spiegelbild geformt hatten. Die Augenringe, die krumme Nase, der zu kleine Mund. Es war geradezu hässlich. Er konnte es sehen, weil die anderen es sehen konnten. Er hängte den Spiegel von der Wand ab und schmetterte ihn zu Boden. Sein zerbrochenes Spiegelbild sah ihn von unten an. Es schien zu wissen, dass bald ein anderes Spiegelbild an seine Stelle treten würde. 

von Carina Eckl  
Illustration: Annette Arndt  

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