Samstag, 14. Mai 2016

Musik Review: Radiohead - A Moon Shaped Pool


Da hat sich James Blake wirklich einen ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um sein neues Album aus dem Nichts heraus zu veröffentlichen. Denn egal wie gut The Colour In Anything nun ist, zumindest meine Aufmerksamkeit galt seit der Ankündigung letzten Freitag nur noch dem neunten Radiohead Album A Moon Shaped Pool.

In den mehr als fünf Jahren Wartezeit auf die nächste LP, hat die Band immer wieder Fotos von den Aufnahmesessions veröffentlicht, die die Fans vor die Frage gestellt haben, ob es bei den elektronischen Experimenten des Vorgängers bleibt, oder ob klassische Streicher eine hervorgehobene Rolle spielen würden. Die erste Single Burn The Witch, auf der sich ein Streichorchester und ein Drum-Computer erstaunlich gut verstehen, bestätigte den Fans dann, dass ganz einfach beides zutrifft. Die Überraschung kam dann letzten Sonntag, als endlich das ganze Album veröffentlicht wurde. Denn: Die Gitarren sind zurück! Und zwar in prominenter Position. Der Song Identikit endet sogar mit einem Anti-Gitarrensolo von Jonny Greenwood wie man es seit OK Computer nicht mehr gehört hat.

Eine komplett falsche Fährte waren die Studiobilder jedoch nicht. Auf beinahe jedem Song ist nämlich das London Contemporary Orchestra zu hören. Jonny Greenwood ist nämlich nicht nur Gitarrist bei Radiohead, sondern hat nebenbei auch die Soundtracks der letzten drei Filme von Paul Thomas Anderson (There Will Be Blood, The Master, Inherent Vice) geschrieben und zusammen mit Krzysztof Penderecki, einem führenden Vertreter der polnischen Avantgarde, ein Album mit moderner klassischer Musik veröffentlicht. A Moon Shaped Pool profitiert ungemein von Greenwoods Talent als Komponist. Streicher in der Popmusik sind zwar lange nichts Ungewöhnliches mehr, aber insbesondere auf Daydreaming und Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief (ja das ist wirklich ein sehr langer Songtitel) hört man, dass das mit billiger Effekthascherei wirklich nichts zu tun hat.

Die zwei größten Mankos unter denen das Vorgängeralbum The King Of Limbs zu leiden hatte, waren die sehr statischen Songstrukturen und die zu großen Teilen sehr nichtssagenden Texte. A Moon Shaped Pool hat keines dieser Probleme, die Songs sind sowohl untereinander als auch in sich abwechslungsreich und die Texte behandeln politische und persönliche Themen und zwar immer noch vergleichsweise enigmatisch, aber trotzdem direkt genug, um nicht unendlich viele Interpretationen zuzulassen. 

Interessant ist auch, dass sieben der elf Tracks in irgendeiner Form schon bei Live-Auftritten der Band zu hören waren. Ful Stop und Identikit aud der letzten Tour, Fan-Favorit True Love Waits gibt es als Ballade mit Akustikgitarre schon seit über 20 Jahren, aber erst jetzt auch in einer Studioversion. Dass das Album trotzdem so wunderbar kohärent klingt, ist Nigel Godrichs unkonventioneller und extrem detailverliebten Produktion zu verdanken. 

Im Netz kursieren wegen dieser Aufarbeitung älterer Songs, der überraschenden Zugänglichkeit von A Moon Shaped Pool, und einem mehrdeutigem Tweet vom Bassisten, das Gerücht, das dies hier möglicherweise das letzte Radiohead Album gewesen ist. Wenn das tatsächlich zutrifft, kann man der Band jedenfalls nicht vorwerfen, dass sie uns nicht noch einmal eine Platte geschenkt haben, die mit ihren besten Alben mithalten kann - und das soll wirklich etwas heißen.


 von Bruno Wolf

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