Montag, 23. Mai 2016

Sein München - Teil 5




Herr Reitanger und der verschwundene Arbeitsmantel



Drei Wochen sind nun schon vergangen, seit Herr Reitanger seinen ersten Tag an der LMU als Hausmeister gehabt hat. Mit seinen Kollegen hat er sich sehr schnell angefreundet - er ist ja ein sehr umgänglicher Mensch, wie wir mittlerweile wissen- auch wenn er ihnen ab und an einen kleinen Streich spielt, wie zum Beispiel Sachen zu verstecken. Ja das Verstecken gefällt unserem Josef Reitanger ganz besonders und auch mit seinen 70 Jahren erscheint es ihm immer noch nicht allzu kindisch. So kommen immer wieder die verschiedensten Sachen abhanden und tauchen dann ganz plötzlich wieder auf, nachdem der Betroffene einen Tipp vom Samariter Reitanger bekommen hat. Natürlich wissen seine Kollegen mittlerweile wer der üble Klabautermann ist, natürlich wird dieses Wissen mit einem Schmunzeln zum Ausdruck gebracht und natürlich weiß der Herr Reitanger, dass sie es wissen. Doch was er nicht weiß, ist, dass Reger, Kadelinski und Co zum Gegenschlag ausholen.

Sieben Uhr, der Wecker klingelt im Reitanger´schen Schlafgemach. Voller Elan absolviert Herr Reitanger an diesem Morgen seine Gymnastikübungen ehe er sich wäscht und anzieht. Als er zur Küchentür hereinkommt, ist der Tisch bereits prachtvoll mit allerlei bayerischen Kostbarkeiten gedeckt und sobald er von Agnes bemerkt wird, die heute mal etwas früher (um genau zu sein eine ganze Stunde früher) aufgestanden ist, um einkaufen zu gehen und liebevoll das Frühstück herzurichten, bekommt er von ihr eine innige Umarmung und ein dickes Busserl. Warum Agnes heute so liebevoll zu ihrem Mann ist? Dieses Mysterium bleibt für ihn und uns erstmal ungeklärt. Völlig verwundert nimmt er sein Frühstück, bestehend aus einer mit Obatztn bestrichenen Brezn, ein Paar Radl Salami, frisch gekochten Eiern, einer mit Presssack belegten Semmel, Bergbauernkäse und einer Avocado zu sich. Doch Agnes hat noch einen Knaller auf Lager. Sie schenkt ihrem Mann Sepp Reitanger einen blauen niegelnagelneuen Arbeitsmantel! Er kann es kaum fassen und verschluckt sich beinahe an der Avocado, als sie ihm den Mantel stolz präsentiert. Nach etlichen Busserls, die der Josef Reitanger heute mal mit viel Freude anstatt Pflichtbewusstein an seine Agnes verteilt, muss er aber auch dann in die Arbeit, zu der er wegen des üppigen Frühstücks und der Überraschung fast zu spät kommt. Komisch kommt ihm die Sache natürlich nicht vor, die Freude über den Mantel überwiegt…
Sofort wird er von Studenten gemustert, als er das Sprachinstitut betritt – es wird leise hinter ihm gekichert. Naja das moderne Hausmeisteroutfit mit dem hellbraunen Cordhut passt eben immer noch nicht so richtig zueinander und jetzt kommt auch noch der blaue Arbeitsmantel hinzu. Doch das Gekicher wird gekonnt ignoriert. Motiviert und gut gelaunt geht Herr Reitanger ans Werk und bereitet die ersten Vorlesungssäle auf die Veranstaltungen vor. Auch von seinen Kollegen wurde das neue Accessoire schnell bemerkt. Kadelinski erkundigt sich gleich, wie er zu diesem feinen Mantel gekommen ist. Stolz erzählt Herr Reitanger von seinem Morgen und fügt zu seiner Erzählung hinzu, dass es Agnes nun überrissen hat, wie gutmütig und hilfsbereit er immer gegenüber ihr ist. Beide grinsen. Josef Reitanger fragt ihn noch, ob er mit ihm Mittag machen will, doch dieser lehnt dankend ab, da er noch etwas zu erledigen hat. Ihre Wege trennen sich. Kadelinski zückt währenddessen sein Handy und telefoniert.
Gemundet hat dem Reitanger Sepp die Schnitzelsemmel vom Murr. Immer noch bester Dinge geht er zurück und stolziert zu seinem Spint, wo er vorher, wie jeden Tag seine Weste und seit heute auch den Arbeitsmantel, verstaut hat. Doch als er den Spint öffnet, ist zu seinem Erstaunen nur die Weste darin, nicht aber der Arbeitsmantel. Andere wären entsetzt, doch Entsetzten ist dem Herr Reitanger eine schier unbekannte Eigenschaft, da einen Bayern, ihm zu Folge, nichts aus der Ruhe bringen kann. Josef Reitanger zermalmt sich nahezu eine viertel Stunde sein Gehirn, wo er denn den Mantel hingetan haben könnte. Er ist sich beinahe zu 100% sicher, dass er ihn ordentlich in den Schrank gehängt hat. Nachdem die besagte Zeit vorüber ist, macht er sich wieder ans Werk und denkt sich, dass er schon darauf kommen wird, wo er den Mantel hingelegt hat. Wie er gerade so eine Lampe in der Aula auswechselt, trifft er abermals Kadelinski. Wo denn sein Mantel sei, fragt dieser ihn. Er wisse es nicht, entgegnet ihm Herr Reitanger mit einem derartig traurigen Blick, dass sein Gegenüber fast schon wie zu einem Kind sagt, dass er ihn schon finden wird, seinen geliebten Arbeitsmantel und geht wieder seines Weges. Dass das Herrn Reitanger wenig hilft, weiß er natürlich selbst aber etwas Aufbauendes zu sagen ist doch fast immer eine gute Tat.
So kommt es, dass Herrn Sepp Reitanger die Arbeit an diesem Tag immer weniger Freude bereitet und auch die Zeit immer langsamer vergeht. Herr Reger hat ihm irgendwann am Nachmittag mitgeteilt, dass er im Vorlesungssaal 002 einen blauen Mantel gesehen hat, doch diese Meldung erweist sich als falsch und zum Leidwesen der Studenten und vor allem des Dozenten sucht der nunmehr traurige Klabautermann vergebens in jeder Reihe nach dem verschwundenen Objekt, findet es jedoch nicht. Auch der Herr Huber, der Herr Flutz, der Herr Urkan, der Herr Hartl und der Herr Schmidt, Kollegen von Herrn Reitanger, die er an jenem fast schon schrecklichen Tag noch trifft, melden eine vermeintliche Sichtung des Mantels und schicken ihn kreuz und quer durch das Sprachinstitut, doch die Suche nach dem Mantel bleibt erfolglos. Gebückten Ganges geht er zum Spint, um ein letztes Mal einen Blick hineinzuwerfen, obwohl er ja weiß, dass der blaue und niegelnagelneue Arbeitsmantel dort nicht ist! Er schließt den Spint auf. Und………… der Mantel hängt am Bügel vor ihm. Entsetzen macht sich auf dem Gesicht von Herrn Josef Reitanger breit. Er nimmt den Mantel, zieht ihn sich über, fährt heim, isst und wäscht sich…..alles mit einem nahezu versteinerten Blick (auf dem Nachhauseweg hat er so fast eine Frau umgerempelt). Dann geht er ins Bett, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Agnes hat ihn beobachtet, natürlich ist sie besorgt, aber nicht ganz so überrascht beziehungsweise besorgt, wie man sein sollte, wenn der Ehemann heimkommt und kein einziges Wort spricht. Sie schließt die Küchentür und wählt eine Nummer. Es meldet sich jemand und sie unterhalten sich kurz, wobei Agnes auf einmal einen Lachkrampf bekommt und erst aufhören kann, als die Stimme auf der anderen Seite der Leitung verstummt. Als sie wieder die Fassung gewinnt, meint sie nur: „Mensch Reger, des hobts sauba higriagt, der wead so schnei nix mea vastecka. Des Gsicht in da friar wo i eam eian Mantel gebm hob und des wia a hoamkemma is……unbeschreiblich.“

von Max Karg
Illustration: Annette Arndt 

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