Dienstag, 17. Mai 2016

Von Kaninchenzüchtervereinen, Postbussen und Steinzeitmenschen: Der Poetry Slam im Substanz




Gegen 19 Uhr erstreckt sich die Schlange vor dem Substanz, einer Mischung aus Bar und Club direkt an der Haltestelle Poccistraße, schon beinahe bis zur U-Bahn Station – und das trotz Muttertag und sonnigstem Biergartenwetter. Es wird auf den monatlichen Poetry Slam im Mai gewartet. Sieben Euro Eintritt müssen die Besucher ausgeben, um unter anderen alle amtierenden deutschen Slam Meister anzuhören und anzuschauen (falls sie rechtzeitig dort sind oder eine stattliche Körpergröße vorzuweisen haben). Die von der Decke hängenden Kuscheltiere, Dschungelpflanzen und Schnurtelefone sowie die etwas exzentrische halbnackte Schaufensterpuppe mit leuchtender Kugel am Fenster sorgen für die passende Atmosphäre für die bevorstehende Veranstaltung. Die Luft steht schon zu Beginn des Slams um kurz nach acht, der Geruch nach Currywurst und Pommes durchzieht den Raum und leicht schwitzend stehen die Besucher, nahezu alle in studentischem Alter, aneinandergedrängt mit ihren 4 Euro Bieren vor der Bühne. 
Das Moderatoren-Duo hat mit seiner humorvollen Art schon einige Lacher auf ihrer Seite. Jeder Slammer hat ein – bei Poetry Slams vergleichsweise sehr großzügiges – Zeitlimit von zehn Minuten. Erlaubt sind selbstverständlich nur selbstgeschriebene Texte und keine Requisiten. Die Reihenfolge, in der die zehn Slammer antreten, wird ausgelost, immer abwechselnd ein Teilnehmer aus München und einer von außerhalb.

Nach 15-minütiger Instruktion fällt nun Dominik Erhard die Aufgabe zu, den Slam zu eröffnen. Solide meistert er dies mit einer Lovestory der besonderen Art, die während einer Postbus-Fahrt stattfindet. Auffällig ist in der ersten Hälfte des Poetry Slams auch das Schweizer Slammer-Duo Interrobang, das mit seiner sechsminütigen Einleitung und dem darauf folgenden Slamtext das Zeitfenster von zehn Minuten voll ausreizt und zusätzlich mit seinen kabarettartigen Witzchen, seinem Dialekt, seiner Bühnenperformance und einer Beatbox-Einlage das Publikum auf seine Seite zieht. Weiter geht es dann wieder mit etwas mehr Augenmerk auf der literarischen Seite des Slams. Neben einem ernsteren Text über das Thema Distanz und einer – nicht ganz so ernsten – Story über die Entführung eines Dirigenten der Philharmoniker und seinen Ersatz durch ein Kaninchen sticht Yannik Sellmann heraus. Der Münchner sagt in seinem Slam dem Pessimismus den Kampf an und überzeugt mit Weltverbesserungsvorschlägen á la Parteiversammlungen in Hüpfburgen oder Klebertuben mit der Aufschrift: "Für dieses Produkt wird keine Haftung übernommen."  Der Text überzeugt sowohl literarisch als auch mit einem die Mehrheit ansprechenden Thema und beschert ihm den vierten Finaleinzug in Folge. Gewertet wird übrigens anhand der Applauslautstärke nach dem Ermessen der Moderatoren.

Nach der Pause überzeugt unter anderem die lokale Slammerin Fee mit ihrem Weltentwurf, was geschehen würde, wenn schlau das neue hübsch wäre. Sie zeigt auf humorvolle Weise wie Beautyblogs zu Smartyblogs werden und sich Freundinnen statt in Clubs in Bibliotheken treffen würden. Elegant und zum Ende hin sehr deutlich wird hier eine feministische, gesellschaftskritische Einstellung untergebracht. Einen etwas lauteren Applaus kann dann allerdings der Berliner Nick Pötter einfahren und sichert sich mitsamt der vier Geister, die in seinem Kopf um die Herrschaft streiten, den zweiten Finalplatz. 

Das Finale bestreitet der 23-Jährige dann mit einem Slam, den er der Mutter/ Künstlerin/ Mitbewohnerin Erde widmet. Kritik wird an den neuesten Publikationen der Künstlerin geübt wie zum Beispiel ihrer permanenten Heizungseinstellung auf Stufe fünf oder der Kreation eines Insekts, das das Aussehen eines Stocks besitzt. Sein Konkurrent Yannik Sellmann gewinnt allerdings knapp mit einem etwas lauteren Applaus den Poetry Slam. Kritik an der Clubszene und die überspitzte Darstellung der abstrusen Verhaltensweisen der Clubgänger sowie der Vergleich der Feiernden mit Neandertalern und Affen finden den größeren Anklang. So ist er es, der schlussendlich den großartigen Preis in Form einer Flasche Tullamore Dew Whiskey mit nach Hause nehmen darf. 

von Magdalena Specht
Illustration: Ivette Schmidt 

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