Donnerstag, 30. Juni 2016

Die Kirche nicht im Dorf lassen – Konzept Christentum im 21. Jahrhundert



Ein Cafe in einer Kirche, ein Gotteshaus in einem Wohnblock, Schlagzeug und Kinderspielplätze im Altarraum – der Kreativität anglikanischer Kirchengemeinden scheinen keine Grenzen gesetzt. Ganz nach dem Leitspruch des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury, Rowan Williams, gibt es in England „viele Wege zur Realität der Kirche“. Gemäß dem Motto „Mission Shaped Church“ wird seit fast 40 Jahren schon dem Auftrag nachgegangen, wieder die Menschen zu erreichen, die der Kirche fern sind. Die daraus entstandene Bewegung „Fresh Expressions of church“ versucht das auf zwei Wegen: Kontextual die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind, und ein Gefühl der Freiheit zu vermitteln, indem man es den Menschen zugesteht, flexibel über Grad und Form ihrer Partizipation zu entscheiden. 
Es ist offensichtlich, dass diese Liberalisierung in England einer existenziellen Bedrohung der Kirche entwuchs, die die Situation in Deutschland noch an Dramatik übertrifft. Dennoch sollte, wie es Christian Hennecke, Regens des Priesterseminars im Bistum Hildesheim, fordert, der Erneuerungsgedanke der Anglikanischen Kirche auch ein Vorbild für die Situation der katholischen Kirche in Deutschland sein. 
 
Wir leben in einer postmodernen Konsumgesellschaft mit schier unbegrenzten Möglichkeiten. Die freie Wahl zwischen diesen ist zu einem bedeutsamen Wert geworden, den letztendlich auch der Katholizismus anerkennen und seine Rolle als autoritäre Volkskirche aufgeben muss, wie auch Pastoraltheologe Rainer Bucher fordert. Es bleibt die Aufgabe der Kirche, in unserer pluralen Gesellschaft eine andere Rolle zu finden.

Sie könnte sich dazu die Frage stellen, aus welchen Gründen Menschen sich überhaupt von der Kirche distanzieren. Interessanterweise gibt es dafür ganz verschiedene Gründe: Wie aus einer vielzitierten Studie von Philip Richter in England (1998) hervorgeht, kann man neben dem schrumpfenden Anteil der regelmäßigen Kirchenbesucher und Anhängern anderer Religionsgemeinschaften drei große kirchenferne Gruppen unterscheiden. Zum einen gibt es enttäuschte und desillusionierte Kirchenaustreter, aber eben auch solche, die durchaus wieder teilnehmen würden, sollte sich passende Umstände dafür ergeben. Die dritte Gruppe, stellt die wachsende Zahl derer dar, die bisher noch gar keinen Kontakt zur Kirche hatten, weil sie beispielsweise von Kirchenaustretern abstammen.
Gerade die beiden letztgenannten Gruppen haben großes Potenzial, für den Glauben gewonnen zu werden. Die enorme Herausforderung dabei: Die Leute sind schon woanders. Die Katholische Kirche hat also die Aufgabe, in den verschiedenen Kontexten, in denen sich das Leben der Menschen abspielt, Präsenz zu zeigen. 
 
Das Projekt „Central Richtsberg“ in Marburg ist ein Gemeindezentrum mitten in einem sozialen Brennpunkt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich der Bedürfnisse der Menschen vor Ort anzunehmen. Im Vorleben christlicher Werte wird versucht vor allem Kindern, Jugendlichen und jungen Müttern das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein. 
Ebenso gelingt es dem Projekt „Creative Kirche“ in Witten mit Jugendchor, Band und sehr musikalischer Gottesdienstgestaltung, Menschen über den Kontext „Musik“ wieder vom Glauben zu begeistern. Musik ist hier die Sprache Gottes, die viele Menschen verstehen.
Speziell an Jugendliche wendet sich das Projekt LUX in Nürnberg, welches mit kulturellen Angeboten seine Zielgruppe begeistert und überzeugt, sonntags vielleicht auch einmal an einem Gottesdienst teilzunehmen.

Ebenso wichtig in unserer fragmentierten Gesellschaft ist der Abschied der Kirche von ihrem traditionellen Grundsatz: Teilnahme - ganz oder gar nicht. Für die Strategie, Menschen zwingend und ausschließlich an sich zu binden, gibt es heute schlicht zu viele Alternativen zum normativen und spirituellen Angebot der Kirche. Die Menschen heute wollen in erster Linie zwei Dinge: frei und flexibel sein. Warum vermittelt man nicht genau dieses Gefühl der Freiheit, nach dem sich die Menschen sehnen? 
 
Richard Seel, der Gemeindeleiter einer Kirche in Norfolk schwört auf ein Cafe als „god-free zone“, gleich neben dem Kirchenraum, in dem Besucher und Dorfbewohner völlig unbehelligt und zwanglos Kaffeetrinken und einander begegnen können. Der Weg zum Gottesdienst ist jedem völlig freigestellt.
Schon der Kleinkindergottesdienst parallel zur Heiligen Messe in Mindelheim bietet den Besuchern die Möglichkeit eine den eigenen Bedürfnissen angepasste Form des Gottesdienstes auszuwählen. 
 
Bei all diesen Veränderungsvorschlägen stellt sich natürlich die Frage: Weicht die Kirche damit nicht von ihren religiösen Grundsätzen ab?
Nein, sie werden erweitert, so Phil Potter, ein Teamleader der Fresh Expressions, und beschreibt die Symbiose von ursprünglicher Tiefe und Wandel in der Kirche mit Seen und Flüssen, die sich gegenseitig speisen. 
 
Es gibt Kernaussagen unseres Glaubens, die extrem wichtig sind. Aber diese genügen nicht, wenn man die Kirche nicht auf wenige geistliche Zentren reduzieren will. Für einen pulsierenden Glauben, der in allen Facetten der Gesellschaft lebendig ist, gibt es stattdessen nur einen Weg: Eine Kirche der Partizipation – nicht nur teilnehmen, sondern eigenverantwortlich mitgestalten. Die Katholische Kirche braucht Mut, Einflüsse zuzulassen, um wieder Einfluss zu gewinnen.

von Johannes Stark 

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