Mittwoch, 6. Juli 2016

Singen, Tanzen und Umarmungen für alle – Frank Turner am Tollwoodfestival




Herzlich Willkommen zur Show 1918!“ Damit begrüßte Frank Turner am Donnerstag sein Publikum im Konzertzelt auf dem Münchner Tollwood Festival und fügte noch an, dass es sich bereits um das zehnte Konzert in München handelte, eine runde Sache also. Er beweist dabei gleich mehrere Dinge: Er mag Statistiken und noch viel lieber als seine Zahlen hat er die Tatsache, dass er auf der Bühne steht. Denn das tut er mit einer absolut ansteckenden Begeisterung und noch viel mehr Leidenschaft. Überschlägt man die Anzahl seiner Konzerte knapp, spielte er seit Beginn seiner Solokarriere ungefähr 175 Konzerte pro Jahr und genau das merkt man ihm auf der Bühne auch im besten Sinne an.

Frank Turner weiß, wie er mit seinem Publikum umzugehen hat, insbesondere, wenn es wie das Münchner Publikum ein bisschen träge daher kommt und erst noch überzeugt werden möchte. Da verzichtet er auch spontan auf seine sonst so bekannten Bühnenansagen und spielt die ersten Lieder ohne Pause durch, mit dem Erfolg, dass sich seine Zuschauer langsam aber sicher in einen schwitzenden und tanzenden Mob verwandeln. Das wiederum macht den Briten auf der Bühne so außerordentlich glücklich, sodass er es sich nicht nehmen lässt, neben den bekannten Singleauskopplungen wie „I still believe“, mit welcher er den Abend eröffnete, „The Road“ oder „Get better“ vom neuesten Album „Positive Songs for Negative People“ ganz tief in die Raritätenkiste zu greifen. Dabei erfüllt er wahrscheinlich den Songwunschtraum von so manchem eingefleischten Frank Turner Fan. Neben dem traumhaften „Journey of the Magi“ präsentierte er so in einer Akkustik-Version unter anderem auch „Eva Mae“, ein Lied, welches er für sein Patenkind geschrieben hat. Gerade diese Einschübe sind absolut begeisternd, gehen sie doch völlig vom üblichen Set weg und sind damit absolute Livebesonderheiten. Vielleicht eine kleine Anerkennung seitens Turners für seine langjährigen Fans vor Ort. An Gänsehautmomenten spart es sich an diesem Abend nicht. Neben einen eindringlichen „I am Disappeared“ sorgt auch „Long live the Queen“ für eben diese, ein Lied, das Turner für eine zu früh verstorbene Jugendfreundin geschrieben hat und das trotz all der Schwere eine absolute Ode ans Leben ist.


Man merkt Turner an, wie viel ihm seine Lieder bedeuten und wie viele persönliche Geschichten er darin verarbeitet, beobachtet man ihn eine Weile auf der Bühne. Was er dort präsentiert ist gnadenlose Ehrlichkeit, vor allem mit sich selbst. Er geht streng mit sich selbst ins Gericht, man glaubt ihm jedes seiner Worte, die er so emotional präsentiert. Dennoch vermittelt er bei all der harschen Selbstkritik und Nachdenklichkeit eine absolut ansteckende Liebe zum Leben, tiefe Zufriedenheit und eine nahezu grenzenlose Begeisterung und Hingabe an seinen Job.

Genau diese Mischung ist es dann auch, die diese spezielle Stimmung auf einem Frank Turner Konzert entstehen lässt: Er versteht es, für zwei Stunden eine emotionale Bindung zu seinen Zuschauern aufzubauen. Man leidet als Zuhörer mit ihm, versteht die Gedanken und unterschreibt so manche seiner Textpassage blind. Es fühlt sich fast ein wenig intim an, lauscht man ihm bei Liedern wie „Plain sailing Weather“ oder „The way I tend to be“ und man möchte ihm eigentlich nur ein „Ich versteh das so gut, ich leide mit dir!“ entgegen rufen. Es ist ein intensives Gefühl, das Turner auf seinen Konzerten heraufbeschwört, das aber trotz allem eine Leichtigkeit beibehält. Man versteht sich eben und durchlebt die Emotionen für diesen einen Abend gemeinsam. 
 
Auf der anderen Seite schafft gerade das auch ein einzigartiges Gemeinschaftsgefühl auf dem Konzert selbst. Für zwei Stunden, so Turner, seien an diesem Abend alle Freunde und genau so verhält es sich auch. Man feiert, man tanzt und trinkt gemeinsam und selbst der von Turner zu Beginn des Abends angezettelte Zuschauerwettkampf, bei dem die linke und rechte Hälfte des Publikums als Team Ben und Team Tarrant um den Titel der sanges- und tanzfreudigeren Seite konkurriert. Dieser wird vom Publikum mit einer eher latenten Rivalität ausgeführt. Vielleicht lag es auch an dem eher fragwürdigen, von Turner ausgelobten Gewinn, nämlich seiner schwarzen Krawatte. Fakt jedoch ist: Team Tarrant behielt in Sachen Feierwütigkeit die Nase vorn, wie die fast unparteiische Schiedsrichterin aus dem Publikum nach gut der Hälfte des Konzertes bestimmte. Danach war es aber vorbei mit all dem Wettkampfcharakter, ab sofort regierte nur noch gemeinsame Einigkeit, so wurde dann auch die angezettelte Wall of Death spontan in eine Wall of Hugs umbenannt. Wie es der Name schon sagt: Statt anarchischem Aufeinanderrennen gab es hier eher hippieske Liebe und Umarmung für alle, egal, ob man sein Gegenüber nun kannte oder nicht. 

 

Egal in welches Besuchergesicht man an diesem Abend auch schaute: Überall hatte sich im Laufe des Konzertes ein verzückt-seliges Grinsen festgesetzt, das immer breiter wurde, wenn nicht gerade inbrünstig die Lieder mitgesungen wurden. Ein Grinsen, das auch noch nach Konzertende wie eingemeißelt fest auf den verschwitzen Gesichtern blieb und es hatte sich wieder einmal bestätigt, warum Konzerte von Frank Turner und seinen The Sleeping Souls so unvergleichbar mit allem anderen sind: Sie machen Spaß und sie transportieren etwas, das man manchmal sehr dringend benötigt: Unbändige, unkanalisierte und vor allem ansteckende Lebensfreude. Die Briten rund um ihren absolut charismatischen und sympathischen Frontmann verfügen über eine so positive Bühnenenergie, dass man von ihnen auf ganz charmante Art in einen Strudel aus Fröhlichkeit, Tanz- und Singbegeisterung mitgerissen wird, ob man das nun möchte oder nicht. Nach zwei Stunden verbleibt dann eigentlich nur noch die einzige Frage: Wann kommen sie wieder nach München? Und vor allem: Hoffentlich schaffen sie es noch vor dem 2000. Konzert! 

von Carola Schulz
Fotos: Wearephotographers  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen