Montag, 4. Juli 2016

Werther in den Sternen




Brief vom 23. Dezember

Schwarze Nacht. Dunkelblaue Nacht. Helle Lichtreflexionen, die wie kleine strahlende Kügelchen aussehen, schweben mir vor Augen. Langsame Silhouetten drehen sich und fangen an zu tanzen. Licht strömt in meine Dunkelheit. Sie sticht mir in die Augen, sticht zu. Und plötzlich stürmt eine ganze Welt auf mich ein.Gedanken und Erinnerungen drehen sich um meine Erde und laufen um die Wette. Es kommt mir vor, als hätte ich all das schon gesehen, schon einmal gefühlt. Wilhelm, ich habe das alles schon einmal gesehen. Schemenhafte Bilder werden immer klarer, kristallklar wie das reinste Wasser. Und sie. Sie ist immer noch da. In diesem Leben oder einem anderen. Ein Gesicht, das man nicht vergessen kann, selbst wenn man sich leblos und kalt in den Tiefen der Seele fühlt. Ich gehe den Weg entlang bis nach W., es zieht mich dorthin. Ich klopfe an. Der Klang von dumpfen Holz hallt in meinem Kopf wider. Der Regen fällt wie gestern. Mit einem leisen Quietschen öffnet sich die Tür und da ist sie. Sie in Mitten ihrer Geschwister, an einem Sommertag, am Fluss unter der Eiche, mit funkelnden Augen. Es ist nicht, als würde die Zeit still stehen, sie fließt weiter. Eine Minute nach der anderen atme ich. Ich bin frei und kann die Zukunft dazu machen, was sie in Wirklichkeit ist. 
„Es steht in den Sternen“ sage ich und sie versteht mich. Dieses eine Mal versteht sie mich, wenn sie mich auch zu tausenden anderen Zeitpunkten gehen lässt. Ich habe mir vorgemacht, dass sie zum Abgrund führt, aber der Abgrund liegt in mir zu tausenden anderen Zeitpunkten. Es ist alles anders und doch... Innerlich zerbricht mich etwas, denn ich weiß, dass es nur ein Traum zwischen tausend Leben ist. Sie entscheidet sich für mich, als hätte der Weg immer hierher geführt, aber ich weiß, dass es nicht so ist. Wilhelm, ist das ein Leben? Vielleicht habe ich nie ein anderes gelebt. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann ist es, als würde ich in ein anderes Leben blicken, wie es jetzt an tausenden Orten gleichzeitig spielt. Hat sie mich dort drüben geliebt? Kann man sich Liebe einbilden oder ist sie wie eine unendliche relative Linie? Wenn ich sie im Spiegel sehe, ist sie farblos und alles um sie herum ist starr, aber doch gehört sie dorthin. Aber genau jetzt steht sie hier vor mir, zumindest in diesem Leben. Ich könnte tausend Worte durch meine Finger fließen lassen und das Gefühl aufschreiben, sie zu Papier bringen, aber etwas, das lebt, kann man nicht in Worte sperren, ohne das ein Teil verloren geht. Und sie würde verloren gehen, sie entgleitet mir genau jetzt in einer anderen Welt.


Brief vom 22. Dezember

Lotte, es steht in den Sternen. Wenn du mich liebst, dann liebst du eine Idee von mir. Eine Vorstellung von mir, die in den Sternen steht. Tausend Zeiten und Orte trennen uns, doch ich weiß, dass wir in einer Minute von Tausenden zusammen sein werden.

Anmerkung:
Werther und Lotte gehören zu den ikonischsten Figuren der Literatur. Doch in Goethes Roman haben sie keine Chance auf eine gemeinsame Zukunft. Was wäre, wenn Werther nach seinem vermeintlichen Selbstmord aufwacht, in einer Realität von vielen, in der einzigen, in der er mit Lotte zusammen sein kann?

von Carina Eckl  
Foto: Kay Klama 

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