Samstag, 20. August 2016

Der kleine Laden in Leipzig



Als ich das Glas hebe, zeichnet sich auf dem Bierfilz wie durch sachte Wolken ein goldener Halbmond ab. Ansonsten ist der Bierfilz weiß, unbedruckt, namenlos, frei. Auf meinem Tisch, so einem alten Hölzernen, an dem man die Jahre an den Kerben abzählen kann, steht eine Kerze und wirft zitternden Schein in den schummrig erleuchteten Raum. Elektrisches Licht gibt es nicht.
Manchmal muss man eben verzichten,“ raunt der kauzige Besitzer der Kneipe, ein älterer Herr mit Buckel und langen, grauen Haaren, und lässt mich mit dieser Weisheit und meinen Gedanken zurück. Allein. 

Manchmal reise ich allein. Nicht, weil ich Menschen nicht leiden könnte, nein vielmehr, weil mich Menschen faszinieren. Nicht, weil ich anders Fremde nicht anreden würde, nein vielmehr, weil ich ihnen erst die gebührende Aufmerksamkeit schenke, wenn ich allein bin.
So sitze ich in diesem außergewöhnlichen Laden in Leipzig, unterhalte mich mit seinem außergewöhnlichen Besitzer, werde kurz aus meiner Realität gerissen und auf eine neue Fährte geschickt. So treibt es mich von Ort zu Ort, geleitet von neuen Begegnungen. 
 
Der Typ am Bahnhof erzählt mir von seinen Reisen, von Couchsurfing und Gastfreundschaft. Er eröffnet mir Horizonte und hunderte Reiseziele.
Die Frau, die mich im Auto mitnimmt, erklärt, wie man Kunden überzeugt, beruhend auf jahrzehntelanger Erfahrung im Vertrieb. Persönliche Gespräche seien das non plus ultra, sich für die Kunden Zeit zu nehmen und herauszufinden, worauf dieser wirklich Wert legt.
Die junge Dame am Nachbartisch, die Medizin und VWL studiert und gleichzeitig Kongresse in ganz Europa besucht, immer auf der Suche nach neuen Informationen über die Einsätze der Ärzte ohne Grenzen lässt keinen Zweifel: Möglich ist alles, was man sich vorstellen kann.

Wenn man sich die Zeit und die Freiheit nimmt, fremden Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, kommt man nicht selten Schritte und Sprünge weiter im Leben. Es lohnt sich, alleine loszuziehen und den freien Platz neben sich anzubieten, man kann nie wissen, welch wundervolle Menschen sonst an einem vorbeigegangen wären. Die miesen Menschen gehen ohnehin vorbei. 
 
Der langhaarige breitschultrige Rocker, der neben mir im Bus Platz genommen hat, erzählt mir begeistert von seiner Heimatstadt Leipzig und letztendlich von einem kleinen Laden am südlichen Stadtrand, in dem, statt elektrischem Licht, Kerzen brennen und die Bierfilze weiß sind.

von Johannes Stark 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen