Samstag, 6. August 2016

Ein Heim für hundert Heimaten

Das integrative Wohnprojekt für Flüchtlinge und Studenten in München


Warum bist du in dieses Wohnheim eingezogen?”
Zeki beobachtet sein Gegenüber aufmerksam, nachdem er sein Interview mit dieser Frage eingeleitet hat. In seinen ruhigen Händen hält er einen Block, auf dem er sich professionell einige Fragen notiert hat. Die Antworten des Interviewten reiht er sauber darunter auf. Seine Begeisterung für Journalismus gehört zu den wenigen Besitztümern, die der 19-jährige Somalier auf seiner Flucht nach Deutschland mitgenommen hat. Obwohl es ihm schwerfällt, in Deutschland mit seiner Leidenschaft für das Schreiben Anerkennung zu finden, lässt er sich nicht von seiner Berufung abbringen und hat mittlerweile schon unter anderem in der Zeitschrift „Neuland“ publiziert.

Heute interviewt er einen Studenten, einen seiner deutschen Mitbewohner, mit denen er seit September letzten Jahres unter einem Dach lebt. Das Wohnheim für jugendliche Geflüchtete und Studenten in der Kistlerhofstraße 144 in München ist ein prototypisches Integrationsprojekt von Condrobs e.V. Seit neun Monaten beherbergt es rund 60 ehemalige unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und fast ebenso viele Studenten. 
 
Wie ist es, in diesem Haus zu wohnen?“
Das Interview ist Teil eines ganz neuen Projekts, welches Zeki zusammen mit einigen Mitbewohnern auf die Beine gestellt hat: eine Wohnheimzeitschrift. Die Idee, erwachsen aus geteiltem Interesse für Berichterstattung, steckt noch in den Kinderschuhen und ist doch bereits bunt und vielseitig wie ihre Vertreter. Einen Veranstaltungskalender für Partys und Fußballtourniere, eine Begrüßung neu eingezogener Bewohner und einen Rückblick auf die erfolgreichsten Kochabende soll das Informationsblatt ebenso enthalten wie politische und gesellschaftliche Themen, einem Steckenpferd der beiden Interviewpartner.

Was trägst du zur Gemeinschaft im Wohnheim bei?“
Zeki weiß, was sein Gegenüber auf seine Frage antworten wird, schließlich nimmt der Somalier selbst regelmäßig an den Diskussionsrunden teil, die der Student mit zwei anderen Mitbewohnern wöchentlich in einem der Gemeinschaftsräume veranstaltet. Dabei schauen die Teilnehmer, Studenten wie Geflüchtete, zunächst eine Folge der Tagesschau, bevor die Runde für Fragen über Innenpolitik und Islam, Wirtschaft, Werte und die weite Welt geöffnet wird. Es ist ein Austausch im kleinen Kreis, eine der vielen multikulturellen Zusammenkünfte, die in dem Wohnheim zur Gewohnheit geworden sind. Ob Basketball, Trommelgruppe oder Grillabend – jeder Bewohner ist herzlich eingeladen. Organisatorisch anspruchsvoll gestaltete es sich erst, wenn auf verbindliche Zusage Wert gelegt würde.

Wo liegen die Schwierigkeiten im Zusammenleben?“
Der Student erklärt seinem ausländischen Freund, dass er zwar ein wenig enttäuscht, es aber nicht weiter tragisch sei, wenn er – was ab und an durchaus vorkomme – von einem Deutsch-Nachhilfeschüler versetzt würde oder die Nachrichten alleine schauen müsse. Dieses Privileg der Flexibilität hätten andere jedoch in der Form nicht. Bei größeren Aktionen sorge das Desinteresse und Unverbindlichkeit der Teilnahme vieler Bewohner durchaus für Unverständnis. Vor allem die im Projekt beschäftigten Sozialpädagogen beklagen, Sponsoren, die die jungen Flüchtlinge zu Bewerbertrainings, Schwimmkursen sowie Kunst- und Kulturangeboten einladen, meist nur verschwindend geringe Anmeldungszahlen rückmelden zu können. Dabei sei es nicht nur schade um vertane, meist kostenfreie Integrationsangebote. Ebenso stelle sich mancher die Frage: Warum wollen die jungen Geflüchteten diese Chancen nicht nutzen? Was liegt diesen Jugendlichen eigentlich selbst an ihrer Integration?

In Zusammenarbeit mit einer sozialpädagogischen Mitarbeiterin führe ich kurzerhand eine Umfrage durch. Fachkräfte, Studenten und Flüchtlinge – alle, die unseren Weg kreuzen, werden gleichermaßen gebeten, uns folgende Frage zu beantworten: „Was bedeutet Integration für dich?“ Simpel, möchte man meinen, in einem ausgeschriebenen Integrationsprojekt. Innerhalb der Antworten, so vielfältig sie sind, lassen sich doch zwei Gruppen deutlich erkennen. Beliebt sind Standardantworten, mit ein wenig „tolerierter Kultur“ und „akzeptierten Werten“, wie aus dem GSE-Heft gefallen. Ebenso häufig bleiben uns die Befragten vollends eine Antwort schuldig.
 
Ist euch Integration denn gar kein Begriff? – Ist das vielleicht die falsche Frage, die viel eher lauten sollte: Muss Integration überhaupt ein Begriff oder nicht viel mehr als das sein, weit mehr als Bewerbungen, Kunst, Kultur und Schwimmkurse? Letztgenannter wurde aus religiösen Gründen vertagt. Damit hätte man rechnen können, so wie der Student, der als er gerade seine Sachen packen und gehen wollte, spontan eingeladen wurde, mit den Jugendlichen um 21.30 Uhr das Fasten zu brechen und Ramadan zu feiern. 
 
Auch Zeki, mit seinen Notizen am unteren Rand des Blockblatts angelangt, beendet sein Interview mit der alles entscheidenden Frage:
Was bedeutet Integration für dich?“
Der Student sieht aus dem Fenster, denkt eine Weile nach und sagt: „Integration heißt, dass man aufhört, darüber nachzudenken, dass der andere anders ist.“


 von Johannes Stark

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