Dienstag, 27. September 2016

Die Freiheit der Worte





Komplimente sind etwas Schönes und vor allem sind sie wichtig, weil jeder Mensch Wertschätzung braucht. Aber woran liegt es, dass sie trotzdem einen Grenzgang darstellen? Ist das Kompliment übertrieben, ist es nicht ehrlich genug? Ein Kompliment ist immer ein kleines Risiko, weil man nie weiß, wie es beim anderen ankommt.
Das ist vor allem auf Konventionen zurückzuführen. Sie diktieren uns beispielsweise, dass man Fremden üblicherweise keine Komplimente macht. „Das wirkt komisch. Das macht doch sonst niemand.“ Und wenn man genauer darüber nachdenkt, muss man sich eingestehen, dass man selbst vielleicht auch etwas argwöhnisch oder zumindest verwundert reagieren würde, wenn ein Fremder aus heiterem Himmel sagen würde: „Sie haben aber ein tolles Kleid an.“

Aber auch auf der anderen Seite der Kommunikationskette treten Komplikationen auf. Der Empfänger stellt sich in dem Moment tausend Fragen, in dem er ein einfaches „Du schaust heute gut aus.“ hört:
Schaue ich sonst nicht gut aus? Meint er/sie das ernst? Oder noch schlimmer: Was will er/sie damit erreichen? Man fühlt sich geschmeichelt, ist aber gleichzeitig verwirrt, weil man in diesem Moment schlichtweg nicht auf ein Kompliment vorbereitet war, vor allem, wenn es sich um eins handelt, das mehr ist als nur ein „Du hast schöne Augen.“ Warum kann man es nicht einfach genießen, wenn jemand sich spontan dazu entschließt, seinem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben? Warum muss man etwas Gutes hinterfragen und immer in allem einen Sinn suchen? Im Endeffekt mache ich jetzt genau das selbe: ich hinterfrage etwas. Und das ist das Traurige an der Thematik: Man denkt über Konventionen und über ihren Einfluss auf Komplimente nach, obwohl sie oft nur das sind, was sie nun einmal sind: nette, ehrliche Worte. Manchmal sollte man die Konventionen hinter sich lassen und lieber riskieren, komisch zu wirken, als den anderen im Dunkeln darüber zu lassen, dass man ihn toll findet, so wie er ist.

Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass man jemandem im Normalfall ansehen kann, aus welchem Grund ein Kompliment gemacht wurde. Man kann in den Augen eines Menschen sehen, ob er ehrlich und aufrichtig etwas Positives äußert, oder ob etwas nur so dahin gesagt ist, wie ein fahles „Wie geht es dir?“. Und liegt der Fehler nicht beim Empfänger, wenn er in ein harmloses Kompliment etwas Eigennütziges hinein interpretiert? Dann war er das Kompliment wohl einfach nicht wert. Unabhängig davon, warum das Gegenüber ein Kompliment gemacht hat, kann man es einfach annehmen und sich darüber freuen. Man muss nicht immer versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber wenn ich jemanden anlächle, kann derjenige sich ohnehin sicher sein, dass ich etwas Positives über ihn denke. Manchmal muss man etwas nicht aussprechen, ein Lächeln reicht.

Aber nicht nur Komplimente und der Umgang mit ihnen wird von Konventionen bestimmt. Im Endeffekt wird die menschliche Kommunikation im Allgemeinen von Regeln und Normen gesteuert. Konventionen sind an sich auch nichts Schlechtes, das Problem mit ihnen ist nur, dass es schwer fällt, aus ihnen auszubrechen, weil sie in unserer Denkweise und somit natürlich auch in der des Gegenübers verankert sind. Jeder kann sich vermutlich an eine Situation erinnern, in der man ehrlich über seine Gefühle und Gedanken sprechen will, aber etwas hindert einen daran. Es könnte alles verändern, wenn man die Wahrheit unverfälscht ausspricht, einfach so, ohne sie mit harmlosen Worten zu verschleiern. In solchen Situationen dreht man sich oft im Kreis und sagt das, was von einem erwartet wird und nicht das, was einem auf dem Herzen liegt. 

Und dabei spielen Konventionen eine wichtige Rolle. Wenn man aber darüber nachdenkt, wann einem im Leben konkret gesagt wurde, dass man die Wahrheit nicht einfach so aussprechen darf, wird man vermutlich nicht fündig werden. Ganz im Gegenteil: eigentlich wird immer gepredigt, dass man nicht lügen darf. Es sind also weniger die Regeln, die einem in der Schule eingeimpft werden, sondern die Erfahrung, die uns warnt. Wenn man zu direkt ist, kann es passieren, dass das Gegenüber zurück weicht und dann ist alles verloren. Worte kann man nicht ungeschehen machen. Vielleicht ist es manchmal besser zu schweigen und sich mit dem zufrieden zu geben, was man hat, als mit der Wahrheit etwas kaputt zu machen. Aber warum ist das so? Wenn man jemandem beispielsweise ehrlich gesteht, dass dieser etwas Verletzendes getan hat, ohne Anschuldigungen, ohne Bitterkeit, könnte das dann die Situation nicht verbessern? Oder sind es die Konventionen, die uns vorschreiben, dass man auf ein „Du hast mich verletzt.“ mit einem Streit, einem Wortkrieg antworten muss? 

Sind die Strukturen unserer Kommunikation so tief verankert, dass wir ihnen nicht entkommen können? Sie geben uns immerhin Sicherheit. Irgendwann gab es jemanden, der damit angefangen hat und das nicht ohne Grund. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass es manchmal besser wäre, wenn man der Wahrheit eine Chance gibt. Warum sollte man sich mit verborgenen Gefühlen und Zweifel quälen, wenn sich diese Sorgen mit einem Gespräch im Nichts auflösen könnten. Es liegt an jedem Einzelnen, ob man Ehrlichkeit bestraft oder belohnt. Und wenn man beispielsweise einmal ohne Umschweife ehrlich sagen würde: „Ich habe Gefühle für dich“, würde man sich vielleicht das typische Hin- und Hergetänzel zwischen unausgesprochenen Worten ersparen.

von Carina Eckl 


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