Freitag, 23. September 2016

Musik Review: Touché Amoré - Stage Four


Die aus Los Angeles stammende Post-Hardcore Band Touché Amoré hat ihr neues Album passenderweise Stage Four genannt. Passend, weil es ihre mittlerweile vierte LP ist und weil es für Krebs im Endstadium steht.

Die Mutter von Sänger Jeremy Bolm ist 2014 an Krebs gestorben und auf Stage Four versucht er ihren Tod und die damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen zu verarbeiten. Bolm, der bekannt für seine sehr ehrlichen und persönlichen Texte ist, geht hier sogar noch weiter als auf den Vorgängeralben. Lyrics wie die, in denen er auf Eight Seconds beschreibt, wie er im Moment ihres Todes, statt bei ihr zu sein ein Konzert spielt ("she passed away about an hour ago, while you were onstage living the dream"), oder wie ihm und seiner Mutter in Water Damage bewusst wird, dass der Krebs zurückgekommen ist ("the words they echo, over and over, when you leaned in and said: 'we both know what this is'"), sind geradezu grausam in ihrer Direktheit und es ist ein Wunder wie die Band es schafft den Hörer mit diesem Stoff nicht zu erdrücken, sondern damit stattdessen Hoffnung und Trost zu schenken. 

Das liegt unter anderem auch an der musikalischen Untermalung, die mit warmen Post-Rock- und Shoegaze-Klängen, zum ersten Mal der auf früheren Alben oft übermächtigen Präsenz Bolms ebenbürtig ist. Insgesamt wird auch deutlich, dass Touché Amoré zugänglicher geworden sind, da an mehreren Stellen sogar cleaner Gesang zu hören ist, bei denen man merkt, dass Bolm hier Inspiration bei The National und Sun Kil Moon (deren Album Benji sogar auf New Halloween erwähnt wird) gefunden hat. Einzig auf Benediction, einem ansonsten großartigen Song, rückt der Gesang gefährlich nahe in Richtung *schluck* "Pop-Punk". 

Das fällt jedoch kaum ins Gewicht, wenn man daneben Songs wie Palm Dreams und Skyscraper betrachtet. Ersterer schafft es auf nicht einmal zweieinhalb Minuten die komplexe Thematik, dass man nach dem Tod eines geliebten Menschen, nie mehr die Chance dazu hat, Antworten auf die Fragen zu bekommen, die man eigentlich noch hätte, auf den Punkt zu bringen und dabei einen eingängigen Refrain zu haben. Letzterer ist als abschließender Song das klare Highlight der Platte: Auf Skyscraper geht es darum, dass Bolm und sein Bruder mit ihrer Mutter in ihren letzten Tagen New York besucht haben, eine Stadt in der sie noch nie war und die sie begeistert hat. Wenn man dann hört wie Bolm sich mit den Worten "You live there, under the lights" die Seele aus dem Leib schreit, während die Band  eine unaufhaltsame Welle aus Lärm entstehen lässt, ist es nahezu unvermeidlich mehrere Minuten lang Gänsehaut zu bekommen. 

Stage Four ist ein Album, bei dem man, nachdem man es fertig gehört hat, erst mal lange durchatmen muss. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt und deswegen nichts, was man sich nebenbei oder in jeder Stimmung anhören kann oder sollte, das aber unendlich viel hergibt, wenn man sich darauf einlässt.

Von Bruno Wolf


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