Montag, 10. Oktober 2016

Das darf doch nicht wahr sein! – Auf der Suche nach dem Ursprung von Falschmeldungen




Herr Dr. Philipp von der Zeppelin Universität stellt fest, dass das Bild, welches die Medien zeichnen, nicht die Realität, sondern nur ihre Verarbeitung sei. Doch welche Faktoren verzerren die Validität der Berichterstattung? Hat der Staat seine Finger im Spiel? Merkel, Obama oder die Illuminati? 

Experten wie Boris Reitschuster teilen den Eindruck, dass es durchaus heikle Themen gibt, die von Journalisten und Redaktionen absichtlich gemieden werden. Herr Reitschusters Meinung nach käme Putins Politik in der Presse deutlich zu glimpflich davon. Unverhältnismäßig mehr müsse beispielsweise Trump einstecken, obgleich dieser sich immerhin demokratischen Wahlen stelle, politische Gegner am Leben ließe und noch kein Nachbarland annektiert hätte. Das Zögern vieler Journalisten gegen Putin klar Stellung zu beziehen, wird verständlich, wenn man sich die aggressiven Anfeindungen und Morddrohungen vor Augen führt, die dieses Wagnis oft zur Folge hat. Zeitungen und ihre Angestellten wissen: Kritik an Moskau ist selbst hier zu Lande nicht gesund.
Diese Form von Erpressung kommt jedoch nicht von Regierungsebene, sondern vielmehr aus den ideologischen Tiefen der Gesellschaft, und ist auf wenige Themenbereiche beschränkt. 
Es ist also eher abwegig, hinter teilweise durchaus einseitiger Berichterstattung, staatliche Einflussnahme zu vermuten. Die Verzerrung hat komplexere Gründe, als die meisten Verschwörungstheoretiker sich das eingestehen wollen. Eine große Rolle spielen die Erwartungen der Leser und der Verfasser. Es kommt vor, dass sich unter Journalisten eine bestimmte Perspektive auf eine Thematik durchsetzt. Daraus entsteht ein Narrativ, also ein Kontext, in dem die Realität abgebildet wird. Die Flüchtlingsthematik beispielsweise werde Herrn Dr. Philipp zur Folge vorrangig durch vier Narrative verklärt: die Menschenwürde, Merkel als Retterin und Schuldige, die gespaltene EU und Angst vor dem Fremden.
Nachdem im September 2015 Deutschland seine Grenzen öffnete, war zunächst die Menschenwürde jene rosa Brille, durch die die Vorgänge betrachtet wurden. Im Zentrum stand die moralische Verpflichtung zur Willkommenskultur. Mit den Vorfällen in der Sylvesternacht in Köln trat dann zunehmend der Angst-Narrativ in den Vordergrund. Deutschland scheint mit dem „Fremden“ überfordert.
Die Neutralität medialer Berichterstattung ist nicht selbstverständlich. Den weitaus größeren Anteil an seiner einseitigen Perspektive trägt jedoch der Leser selbst: Er begrenzt seine Informationsaufnahme unbewusst.
Confirmation bias“ nennt man in der Psychologie das Phänomen, dass einem immer die Inhalte auffallen, die sich mit den eigenen Überzeugungen decken. Wenn also ein Rechtsgesinnter Zeitung liest, fallen ihm zum größten Teil nur solche Beiträge ins Auge, die von ungebildeten, kriminellen, integrationsunwilligen Flüchtlingen handeln. Dieser Mechanismus wird verstärkt durch die angeborene Vorliebe von Menschen für beunruhigende und schockierende Nachrichten, die uns nicht nur interessanter, sondern auch glaubwürdiger erscheinen. Zu alledem kommt, dass im Internet, das von den meisten Menschen als primäre Informationsquelle genutzt wird, oft schon von vornherein selektiert wird, was der Nutzer zu sehen bekommt. Auf Facebook erscheinen bekanntermaßen die Beiträge jenes Verfassers zuerst, den man regelmäßig angeklickt. Abgeschirmt gegenüber jeder kritischen Aussage, wird der Leser dadurch immer wieder in seiner einseitigen Sichtweise bestätigt.
Auf diese Weise sind es weniger die Nachrichtenredaktionen, als der Bürger selbst, der sich mit Falschmeldungen versorgt. Es gibt – zumindest in Deutschland – keine politische Kontrollinstanz, die die Medien dirigiert. Dies bestätigt auch die ZDF-Moderatorin Stephanie Schmidt, die es aus eigener Erfahrung kennt, dass kritischer, kontroverser Journalismus vielfach sogar gefördert wird. Seriöser Journalismus zeichne sich erst dadurch aus, dass er sehr selbstkritisch seinen eigenen Einfluss evaluiert. Das beweist die Aufarbeitung vieler Skandale durch die Presse im Nachhinein. Die größte Einschränkung für seriösen Journalismus stelle der Zeitdruck dar, unter dem die Redaktionen stehen, so Schmidt. Bei der starken Konkurrenz durch das Internet, kann sich die Presse keine Freiheiten mehr leisten.
Und an der Stelle müssen wir Leser uns selbst an die Nase fassen. Wer 3 bis 5 Nachrichten-Apps auf dem Handy hat und dafür keinen Cent bezahlt, richtet auf lange Sicht den seriösen Journalismus zu Grunde. Die Beschaffung, Auswertung und Verarbeitung von Informationen kostet nun einmal Geld. Wer das nicht zahlen will, muss sich mit schlecht recherchierten, unprofessionell verfassten Artikeln zufrieden geben. Wenn man dagegen bereit ist, ein bisschen Zeit und Geld zu investieren, ist es in Deutschland möglich, sich adäquat zu informieren.
Das wird natürlich niemanden überzeugen, der sowieso allem und jedem misstraut. Denn der wird sowohl meine Quellen als auch mich selbst als „Teil des Ganzen“ der Lüge bezichtigen. Deshalb noch ein Wort zur Skepsis: Formuliere dir klare Maßstäbe, nach denen du Quellen vergleichst, vertraust und verurteilst. 
von Johannes Stark  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen