Dienstag, 4. Oktober 2016

Musik Review: Bon Iver - 22, A Million


Wenn die Musik einer Band von einem Album zum nächsten eine drastische Veränderung durchmacht, ist das oft ein gefundenes Fressen für alle Kritiker, denn entweder ist sowas dann "kommerzieller Selbstmord", "Betrug an den langjährigen Fans" etc. etc. oder man hat es mit einem "revolutionären, noch nie dagewesenen Meisterwerk" zu tun. Im Falle von Bon Ivers neuer LP 22, A Million, hat man es da als Kritiker nicht ganz so leicht. Ich kann mich jetzt entscheiden, auf der gewaltigen Hype-Welle mitzuschwimmen und entgegen jeglichen Zweifeln dieses Album in den Himmel loben. Oder ich gebe den Zweifeln nach und frage mich, vereinfacht gesagt, einfach nur: "Was ist das für 1 Bon Iver?!". Aber dann ist man für die Hype-Wellen-Fraktion eben auch nur der Idiot der "das große Ganze" nicht erkennt. Da beide Möglichkeiten absolut unzumutbar sind, wird natürlich der etwas biedere Mittelweg genommen, angefangen mit den Fakten:
Ja, 22, A Million ist anders. Es ist anders, als der verwirrenderweise Bon Iver, Bon Iver betitelte Vorgänger, und es ist ganz anders, als das Debüt For Emma, Forever Ago, das Justin Vernon, wie die Legende besagt, allein in einer Waldhütte in Wisconsin aufgenommen hat, und das mit wenig mehr als einer Akustikgitarre und Vernons charakteristischem Falsett, im Grunde das Indie-Folk Album schlechthin ist. Auf dem neuen Album ist der Akustik-Flair einem Wimmelbild aus Samples und Synthesizern gewichen und auf dem Großteil der Songs hört man Vernons Stimme nur durch verschiedenste Effekte verzerrt und gefiltert. An mehreren Stellen im Album, habe ich mich gefragt, ob meine Kopfhörer kaputt sind, oder ob das so gehört. Ich bin mir inzwischen zwar fast sicher, dass es Absicht ist, aber allein diese Unklarheit zeigt sehr deutlich, wie weit Bon Iver hier von den üblichen Konventionen einer musikalischen Ästhetik abweichen und geradeso auf dem Grat zwischen Kunst und Krach das Gleichgewicht halten. 
Erstaunlich ist, dass 22, A Million dabei, abgesehen von der tatsächlich sehr kurzen Spielzeit von etwa 35 Minuten, sehr kurzweilig anzuhören ist. Das liegt schlicht daran, das hinter all den Störgeräuschen und Effekten einfache, schöne Songs verborgen sind, die, wären sie anders produziert, auch auf den Vorgängeralben nicht fehl am Platz gewirkt hätten und die hier einfach mehr oder weniger stark abstrahiert wurden, um den Eindruck von größtmöglichem Chaos zu erwecken. Das spannende ist, das die von Bon Iver bekannte Schönheit zwar hier ist, man sie aber erst suchen und finden muss. Ich kann nicht sagen, ob das Album nun ein Meilenstein oder purer Nonsens ist, aber was ich sagen kann, ist dass Bon Iver hier etwas sehr Aufregendes geschaffen haben, etwas mit dem man nicht gerechnet hätte und das für reichlich Diskussionsstoff sorgen dürfte. Mindestens einmal anhören sollte man sich das Album schon allein deswegen.

Von Bruno Wolf

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