Dienstag, 22. November 2016

Der Mond und das Meer



Eine Stadt im Morgengrauen. Der Mond steht noch still am Horizont, bis er im zitternden Wasser der See versinkt. Sein Licht spiegelt sich in ihr, bald verschlungen von den dunklen Tiefen. Sie sind verschieden und sind sich doch so nah. Einer von ihnen muss bleiben und zusehen wie der andere geht. Ich blicke in die Ferne und sehe sie dort. Den Mond und das Meer in einer flüchtigen Berührung verbunden.

Die Nacht liegt hinter mir, aber ich spüre immer noch die Stille, die nachhallt, die sich langsam in der vibrierenden Luft eines kommenden Morgens auflöst. Ich gehe die Straßen entlang, die, noch im Nebel verborgen, daliegen, denen noch Zeit bleibt, um sich erneut mit einer Fassade zu schmücken. Eine Bewegung. Schnell, leise, als wäre sie nie dagewesen, schleicht eine Person durch die Gasse. Sie schaut sich um und blickt mir in die Augen. Der Staub, der sich durch die Luft windet, angestrahlt von der ersten Morgensonne, bleibt stehen. Still. Alles bleibt stehen, erstarrt in einer Bewegung. wie die Frau, die dort wartet. Sie wartet, wartet vielleicht immer. Ich löse mich von ihrem Blick und auch sie erwacht aus ihrer Leblosigkeit, die nur einen Augenblick angedauert hat. Sie huscht davon, ertappt, von mir, einem Eindringling,
oder bin ich doch ihr Vertrauter? Ich schüttle die Reglosigkeit von mir ab und gehe. Einen Schritt. Keinen Schritt mehr und keinen weniger. Keiner mehr, aber auch nie zurück. Das Jetzt und nicht die Vergangenheit soll meine Wände füllen.

Jede Nacht ist für mich wie ein Neuanfang. Für mich beginnt die Zeit in jeder Nacht neu. Wenn der Mond langsam über den Horizont wandert, lebe ich tausend Leben. Heute bin ich hier, morgen bin ich da. Immer angetrieben von einer unsichtbaren Kraft, die mich weiter zehrt, die mich davon weht, wie der Wind, der leise an mein Fenster klopft und mir zuflüstert, was ich getan habe. All das erscheint mir wie in einem Traum. Mein Leben fühlt sich manchmal wie eine einzige Episode aus Albträumen an, die mir den Atem abschnüren, aber ich wache nie schweißgebadet auf. Ich träume immer weiter.

Am nächsten Tag begegne ich ihr erneut und sie schaut mich an. Beinahe vorwurfsvoll, aber interessiert. Als wollte sie die Abgründe fassen, die in mir schlummern. Als würde sie sehen, dass sich hinter meiner glatten Fassade mehr versteckt, als nur die üblichen Lügen, die jeder erzählt. Ich gehe auf sie zu und spreche sie an. Ich wische für einen Moment die unausgesprochenen Worte, die immer wie Mauern zwischen den Menschen stehen, fort. Wir sitzen auf einer Bank am Meer und sehen den Wellen zu, wie sie immer und immer wieder quälend auf die Brandung zustürzen. Nach vorne und wieder zurück. Ein Anfang, der nie endet. Oder nie zu Ende geht, denn alles ist immer in Bewegung. Wir sprechen nicht viel. Wir spüren beide, dass ich noch nicht bereit dafür bin. „Ich kann nicht ewig auf dich warten“, sagt sie. Ich nicke.

Jeden Tag sitzen wir nun dort und schweigen uns an. Manchmal betrachte ich sie von der Seite und warte, dass etwas passiert. Dass sie endlich etwas sagt und die dröhnende Stille durchbricht. Oft bleiben wir dort bis in die Nacht und schauen die Sterne an, die von der Unmöglichkeit, den Himmel irgendwann ganz zu erleuchten, wissen. Ich fühle mich nie wohl bei ihr, aber ich muss nichts vor ihr verbergen. Vielleicht empfinde ich deswegen dieses Unbehagen, weil meine Fassade vor ihr bröckelt. Es sind nicht die Worte, die die Vergehen eines Menschen verraten. Es ist das Schweigen. Die Angst, die in der Stille immer drängender wird.

Eines Tages stellt sie mich vor die Wahl. Es ist an der Zeit, dass sie zu meiner Realität gehöre, zu meinem Alltag, sagt sie. Aber das will ich nicht. Ich will, dass sie das Mädchen bleibt, das am Meer steht und den Mond betrachtet. Dass sie nie mehr ist als ein unbewegtes Gemälde. Sie sagt, das ginge nicht und schweigt. Vielleicht für immer.

Eine Stadt im Morgengrauen. Die Nacht ist für mich allein. Ich will sie mit niemandem teilen und meine Gedanken gehören ganz mir. Der Mond und das Meer werden sich nie wirklich berühren. Sie sind nur eine Sekunde voneinander entfernt. Die Zeit wird sie immer trennen und so fristet jeder sein eigenes Dasein. Der Platz neben mir ist leer. Nur ein Schatten tanzt dort noch im Wind und flüstert mir zu, was ich getan habe. Doch das Mädchen ist nie ganz fort. Ich spüre ihre Anwesenheit bei jedem Schritt, den ich tue.

Sie ist die Schuld.
Sie bleibt für immer bei mir.


von Carina Eckl




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