Montag, 28. November 2016

Die Heilung



Tahsin lebte noch bei seiner Mutter. Noch. Leider noch. Er lebte dort auch nicht so richtig, da er oft rausgeschmissen wurde. Viele würden sagen, er sei selbst schuld, dass er rausgeschmissen wurde: Er räumte nicht auf, er putzte nicht, er war unordentlich und faul. Er sah es aber nicht so wie die anderen, er war der festen Überzeugung, seine Mutter würde ihn nicht lieben. „Tahsin, komm heute später, ich kriege Besuch. Männlichen Besuch.“.

Und wieder durfte er nicht nach Hause und musste sich in den umliegenden Grünanlagen seiner Stadt herumtreiben. Dieser Umstand frustrierte ihn sehr, weil er schon seit Jahren keinen Vater hatte. Er hatte sich damals Zigaretten holen wollen und kam nie wieder zurück. Einige Jahre später starb er aufgrund dieser Zigaretten an Lungenkrebs. Somit war Tahsin der festen Überzeugung, er hätte keine Eltern und keine Person, die ihn wirklich liebte. Bei jeder Abweisung seiner Mutter zerriss es sein junges Herz in tausende Puzzlestücke, die immer wieder verloren gingen und deswegen nie wieder ein gesundes, vollständiges Herz entstehen konnte. 

Mit diesem Frust saß er also an einer Grünanlage auf einer Bank und betrachtete den Fluss, der durch seine Stadt floss. So wie immer, wenn er sich einsam fühlte. Und er fühlte sich oft einsam.

Doch an diesem Tag konnte er etwas Besonderes, etwas Magisches beobachten: Ein Mädchen in seinem Alter mit großen, braunen Bambi-Augen und einer noch größeren Magie, die sich hinter diesen Augen versteckte, stand vor ihm. Sie hatte eine weiße Taube in der Hand, die anscheinend verletzt war. „Was machst du da?“ fragte Tahsin neugierig. „Sie kann nicht mehr fliegen, irgendwas stimmt mit ihrem Flügel nicht. Ich versuche ihr zu helfen.“ Sie sagte diese Worte mit einer Zärtlichkeit, als wäre Tahsin der Verletzte und nicht die Taube. Sie gab ihm ein Gefühl der Vertrautheit, was nicht zuletzt an ihren Augen lag.

Sie hatte anscheinend die Expertise, um mit Tieren umzugehen. Sie nahm aus einen Verband aus ihrer Tasche und band ihn um den Flügel der weißen Taube. Anschließend drückte sie gewissenhaft mit ihrem Daumen auf die verwundete Stelle. Nach wenigen Minuten flog die weiße Taube über alle Menschen hinweg. „Unglaublich! Wie hast du das geschafft? Und wie heißt du eigentlich“, fragte Tahsin erstaunt. „Oh, vielen Dank“, rief das Mädchen verlegen. „Mein Name ist Zahra, ich bin angehende Tierärztin.“ Die beiden redeten den ganzen Tag miteinander, tauschten Nummern aus und trafen sich auch die nächsten Tage immer wieder. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die alle Grenzen des Misstrauens sprengte. Diese Freundschaft war das Feuer für die lange Zündschnur der Bombe, die alle Fragen, alle Schmerzen und jedes Gefühl der Einsamkeit zum explodieren brachte.

Zahra erzählte Tahsin eines Tages, dass sie vor kurzem mitgeteilt bekommen habe, dass sie Krebs hätte. In diesem jungen Alter. Sie war nicht schockiert, sie nahm es hin und war positiv gestimmt, den Tumor zu besiegen. Tahsin war ein sehr mitleidender Mensch und bemitleidete so auch Zahra. Aber auch er wurde von ihrer Stärke angesteckt und sah es als gemeinsame Aufgabe, diese neue Herausforderung zu bewältigen. Zahra war aber auch um Tahsin besorgt, dessen Schmerz, keine liebenden Eltern zu haben, sie immer wieder beschäftigte. Sie gab ihm trotz ihrer eigenen großen Last und Angst, aufgrund der Krankheit in wenigen Jahren zu sterben, viel Trost und sorgte sich um ihn. Gemeinsam bekämpften sie die Schmerzen und Ängste des anderen auch weiterhin.

Die Chemotherapie war für Zahra nötig. Sie verlor mit der Zeit ihre Haare. Mit den Haaren verlor sie auch ihre anfängliche Stärke, ihre anfängliche Überzeugung. Jedes Haar, das am Boden lag, kratzte immer weiter an ihrem Optimismus. Durch die vielen Schmerzmittel quoll ihr Gesicht auf, Tahsin verfolgte alles mit großer Sorge. „Du bist immer noch hübsch Zahra“, sagte er ermutigend.

Er fand in ihrem Zimmer eines Tages ein Bild von ihr, welches im Bereich des Gesichtes zerschnitten und zerrissen war. Auf der Rückseite des Bildes stand die Aufschrift „Das bin ich!“.

Tahsin bemühte sich sehr, das Richtige zu tun. Die Chemotherapie und seine Unterstützung konnten erste Erfolge verzeichnen. So gewann nun auch Zahra wieder ihren Optimismus zurück und kämpfte sich durch die Torturen der Krankheit. Sie erlangte wieder Lebensfreude und konnte Tahsins Ängste, sie zu verlieren, bändigen. Sie konnte ihm helfen, sein aufgrund seiner Eltern in tausend Stücke zerrissenes Herz wieder zusammenzukleben. An den Stellen, an denen Stücke fehlten, bastelte sie neue und klebte sie mit großer Liebe zusammen. Sie verstanden sich gut, Zahra ging es immer besser und es sah so aus, als wäre die Welt für die beiden nun endlich vollkommen. Sie sahen glücklich aus dem Fenster des Krankenzimmers, die Sonne schien in aller Pracht. Als Tahsin das Zimmer verließ und vor dem Krankenhaus hoch schaute, sah er Zahra aus dem Fenster zu ihm blickend. Sie hatte ein seelenruhiges Lächeln auf ihrem Gesicht und schaute zufrieden mit ihren Bambi-braunen Augen zu Tahsin herrunter. Das machte sie immer und so wurde selbst das Krankenhaus für Tahsin ein Ort der Liebe. Sie sah in ihm die Lebensfreude, die sonst keiner sah, die Gutmütigkeit, die sonst jeder ignorierte und die Sensibilität, die sonst jeder missachtete. Durch einen einzelnen Blick auf ihn schwebte sie in Wolken und war glücklich und zufrieden. Das spürte er und so geliebt fühlte auch er sich. 

Am nächsten Tag war Zahra tot. Der Tumor hatte sich an versteckten Stellen bis in die Knochen durchgekämpft. Tahsin verlor somit seine Seelenverwandte. Er spürte ein Messer in seiner Luftröhre, jedes mal wenn er an sie dachte. Er blickte auf das Fenster des Krankenhauses, aber es war niemand mehr da, der zu ihm hinunterschaute. Er blickte auf die Bank, bei der sie sich zum ersten Mal gesehen hatten, aber er sah niemanden mehr, der ihn mit Bambi-braunen Augen ansah. Er sah nur noch die weiße Taube, die nun neben ihm auf der Bank Platz nahm und er wusste, dass es die war, die Zahra damals heilte.

von Ilker Iscan

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