Mittwoch, 16. November 2016

Ein Interview mit der Poetry-Slammerin Fee



Mit ihren 22 Jahren konnte Felicia Brembeck, die unter dem Künstlernamen „Fee“ bekannt ist, schon einige Erfolge verzeichnen: Sie hat ein eigenes Buch veröffentlicht („Mach Fehler!“), beim Poetry Slam hat sie weit über München hinaus auf ihre Fähigkeiten aufmerksam machen können. Sie hat beispielsweise die deutschsprachigen U20 Meisterschaften 2013 und den Tassilo-Kultur-Preis 2016 gewonnen. Sie ist außerdem Sängerin und studiert. Durch ihre Vielseitigkeit ist sie sehr gefragt, was einen vollen Stundenplan bedeutet und eine wohldurchdachte Zeitplanung voraussetzt. Wie die junge Künstlerin diesen hohen Aufwand meistert, welchen Tipp sie für aufstrebende Künstler*innen hat und mit welcher Form der Kunst sie sich am besten verwirklichen kann, erklärt sie uns im Interview.

Gab es eine Person/ ein Ereignis, die/welches dich inspiriert hat, dass du mit dem Schreiben angefangen hast?

Sobald ich lesen konnte, habe ich Bücher verschlungen. Zum Schreiben war es dann nur noch ein kleiner Schritt, den ich auch ziemlich schnell gemacht habe. Ich wollte es schaffen, genauso Welten zu erschaffen und Emotionen hervorzurufen wie die Bücher und Gedichte, die ich las. Seitdem haben mich immer wieder verschiedene Autoren und Autorinnen inspiriert - seien es die Klassiker*innen wie Astrid Lindgren, Cornelia Funke und Michael Ende, die in meiner Pubertät von mir aufgesogenen Dichter*innen Joseph von Eichendorff, Selma Meerbaum-Eisinger, Heinrich Heine und viele mehr oder Bühnenpoetinnen wie Anke Fuchs, Sierra deMulder oder Nora Gomringer. Ganz aktuell bin ich begeistert von einer jungen Schreiberin aus Singapur: Deborah Emmanuel, die mich zu Tränen gerührt hat. Ich würde gerne Slam Poetry schreiben, die genauso relevant und engagiert ist.

Wie ist der aktuelle Stand? Ist ein neues Buch in Planung?

Tatsächlich habe ich die Handlung für ein neues Buch schon fertig im Kopf und auf diversen Dokumenten. Ob das aber tatsächlich das nächste Projekt wird oder sich nicht vielleicht noch eine andere Zusammenarbeit ergibt und wann ich für all das Zeit finde, das werden wir erst noch sehen.

Mal eine etwas andere Frage: Denkst du, dass du es als Mann mit Poetry Slam / Buchveröffentlichung / Singen - Kunst allgemein - einfacher hättest?

So individuell gefragt kann ich das sicherlich nicht einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Ich persönlich profitiere viel davon, dass ich mich als junge, weibliche Künstlerin zu feministischen Themen äußere. Aber natürlich bin ich auch in vielen Bereichen mit Nachteilen konfrontiert, die Männer so nicht hätten und ja, ganz allgemein besteht bestimmt eine Chancenungleichheit in der Bühnenkunst, die es Männern leichter macht. Ich müsste mich als Mann ganz sicher weniger mit Sexismus in Backstages oder Anfragen rumschlagen und Kommentare wie „Für ´ne Frau warst du ganz witzig“ blieben mir auch erspart. Man muss ja nur mal unter die Youtube-Videos der deutschsprachigen Slamszene schauen: Die Kommentare, die sich unter Videos von Slammerinnen tummeln, strotzen nur so von anzüglichen Bemerkungen, Vergewaltigungsdrohungen und Beleidigungen. Mit so etwas auch live konfrontiert und dann oft noch die einzige Frau im Line-Up zu sein, was bedeutet, dass ich mich über Grenzwertiges oft nicht mal mit einer Kollegin austauschen kann, ist eine der Lasten, die männliche Kollegen nicht tragen müssen. Genauso wenig wie den Vorwurf, „Tittenbonus“ zu haben, die oftmals immer noch dämlichen Anmoderationen, die sich oft genug auf den Auftritt oder die Haltung des Publikums auswirken, die Erwartung als einzige Frau des Abends auch stellvertretend für alle Frauen zu sprechen, die Bewertung (und Kommentare zu) meiner Kleidung und meinem Körper oder unangenehme Übernachtungssituationen… Ich höre auch von vielen Buchautorinnen, dass sie Erfahrungen im Verlagswesen machen, die eindeutig von sexistischen Strukturen geprägt sind. Da muss sich leider noch sehr viel ändern!


Du bist sehr gefragt, dein Terminkalender ist gefüllt und du studierst gleichzeitig. Wie schaffst du das? Ist das problematisch?

Hier an der LMU geht das zum Glück ganz gut, weil ich bisher nur an sehr verständnisvolle Dozierende geraten bin! Für mich bedeutet das viele Touren aber natürlich oft, dass ich vor Prüfungen besonders hart lernen muss und manchmal unmögliche Tagesabläufe habe, weil ich zum Beispiel mitten in der Nacht schlaflos von Saarbrücken nach München fahre, um pünktlich in der Vorlesung um acht Uhr morgens zu sitzen, nach einem Seminar um zwölf aber wieder los muss, weil ich am Abend schon wieder in Hamburg auftrete.
Problematisch wird das alles nur dadurch, dass ich leider gleichzeitig auch noch ehrgeizig bin.
Trotzdem: Ich bin jetzt in meinem letzten Semester und bisher habe ich es, auch wenn es manchmal stark an der Belastungsgrenze war, immer geschafft. Insofern bin ich zuversichtlich!

Du singst, du hast einen Roman veröffentlicht, du machst Poetry Slam. Welche Form der Kunst verwirklicht dich am meisten und warum?
Bühnen machen mich glücklich und für mich ganz persönlich ist der Gesang, vor allem der Operngesang, die Form, in der ich am ehesten aufgehe. Aber ich trenne das alles nicht so sehr voneinander. Das Schreiben gehört zu mir wie meine Stimme, ohne würde es nicht gehen. Und dass ich vieles von dem, was ich schreibe, dann auf Poetry Slams vortrage, ist nur logisch für mich. Außerdem verdanke ich dem Format Slam unglaublich viel Bühnenerfahrung, Chancen, Freundschaften, Lebensqualität, schriftstellerische Weiterentwicklung und natürlich auch künstlerische Bereicherung, die sich wieder auf meinen Gesang ausübt.


Du konntest schon viele Erfahrungen sammeln und hast unzählige Etappen durchlaufen. Was hätte dir für ein Rat am Anfang deiner Karriere geholfen? Wovor sollten aufstrebende Autor*innen (allgemein Künstler*innen) Acht geben?

Das ist gar nicht so ohne weiteres in eine Plattitüde oder einen Motivationsspruch zu fassen. Es gibt unheimlich viel, worauf man achten muss: Was sind faire Gagen? Wie erkenne ich ungefähr meinen Marktwert? Worauf muss ich bei Anfragen achten? Wie komme ich an Kontakte? Was sollte in so einem Vertrag stehen und was lieber nicht? Welche Reaktionen habe ich zu erwarten? Was gehört noch zum szeneinternen Umgang, was muss ich mir vielleicht auch nicht bieten lassen? Und viel, viel mehr.
Ich glaube, mir wurde ganz viel geholfen, weil ich Mentoren und Mentorinnen hatte, mit denen ich offen über all das und noch mehr sprechen konnte und immer noch kann. Ich versuche, das weiterzugeben, indem ich jüngeren oder unerfahreneren Künstler*innen helfe, sie unterstütze und berate. Ganz prinzipiell muss man, denke ich, darauf aufpassen, dass man sich nicht zu schnell runterziehen lässt und trotzdem offen für Kritik bleibt. Ganz wichtig ist auch, sich zu vernetzen und sich selbst und die Szene nicht unter Wert zu verkaufen. Und, was den Poetry Slam betrifft, da kann ich tatsächlich einen Spruch zitieren: The points are not the point. The point is poetry.
Denn das gilt sicherlich für jede Kunstform: Finde deine eigene Art und mach nicht einfach das, was die Leute hören/lesen/sehen wollen! Wenn du das liebst, was du tust, kommt es irgendwann auch an. Davon bin ich überzeugt.

Welche Eigenschaften sollte man besitzen, um sich als Künstler*in in der Gesellschaft zu etablieren?

Puh, wenn man zu sich selbst steht, ist es vermutlich egal, welche Eigenschaften man sonst so hat. Man muss die nur in die eigene Kunst einbringen. Trotzdem lässt es sich wahrscheinlich nicht leugnen, dass man Ellbogen braucht, Hartnäckigkeit und unglaublich viel Glück. Vieles ist aber auch Arbeit. Da ist es sicher von Vorteil, wenn man sich selbst verkaufen kann, gut mit Leuten interagiert und schnell Freundschaften knüpft. Für mich ist aber die Empathie und die Authentizität das Wichtigste. Kunst entsteht meiner Meinung nach oft genau da, wo sich Künstler*innen einfühlen und ihren eigenen Gefühlen oder denen anderer öffnen.

Über was schreibst du in deiner Freizeit am liebsten?

Das kann ich wirklich gar nicht mehr trennen! Ich habe das Schreiben als Freizeitbeschäftigung begonnen und mittlerweile ist es eine Art Beruf - und das ist wunderbar! Das heißt aber auch, dass fast alles, was ich schreibe, für die Bühne oder eine Veröffentlichung bestimmt ist. Und da schreibe ich nun mal am liebsten über die Dinge, die mich auch privat wirklich beschäftigen und bewegen: Missstände, Schönheiten, tiefergehende Geschichten, Erfahrungen oder Dinge, die mich einfach interessieren.
Wenn ich nicht gerade für die Bühne schreibe, schreibe ich Seminararbeiten (am liebsten über Lyrik!), Nachrichten (am liebsten mit Freund*innen!) oder Briefe (am liebsten über philosophische Themen, Träume, Gefühle und Erlebnisse).
Ich habe das Glück, behaupten zu können, dass ich eigentlich fast immer großen Spaß am Schreiben habe.

von Ilker Iscan 

1 Kommentar:

  1. Wow, ein Mega gutes Interview und voll die tollen Aussagen :) Fee ist ne super Künstlerin <3

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