Dienstag, 6. Dezember 2016

Die Nachricht



Ich war hier noch nie. Wo sind wir?“, fragt sie ungeduldig. „Lass dich überraschen“, flüstere ich ihr zu. „Ich zeig dir meine Wohnung.“ Kein Plan wo wir sind, denke ich, bin hier doch auch erst seit vorgestern. Dass es die Wohnung von dem Bruder eines Freundes ist, behalte ich ebenfalls für mich. Stattdessen lege ich meinen Arm um sie und merke, wie sie sich entspannt. 

Wie weit ist es denn noch?“, drängt sich ihre Stimme erneut über den gleichmäßigen Rhythmus unserer Schritte auf dem Asphalt. „Gleich da vorne. Gleich sind wir da“, gebe ich zurück. Ich nehm dich auch hier auf dem Gehweg, wenn du willst, geht es mir durch den Kopf. Es ist ein langer Tag gewesen.
Ich schließe auf, trete ein. Zwei Treppen nach oben. Jeder Schritt auf den hölzernen Stufen hallt dumpf durchs Treppenhaus. Wir betreten die Wohnung. Es eröffnet sich ein Raum: Küchenzeile, Tisch, Bett. Ich werfe meine Jacke auf den Stuhl, sehe mich um, schau sie an. Im matten Licht einer Stehlampe sieht sie doch recht hübsch aus. An einem anderen Tag, in einem anderen Leben, hätte sie mir gefallen. Heute spüre ich wenig. Na klar, irgendwie will ich sie schon. Ich will auch einen Döner. Ich will auch schlafen. In ihrem Blick liegt derselbe müde, lustlose Ausdruck. Sie belächelt gezwungen die Unschlüssigkeit, die im Raum steht, wie ein fremder, unangenehmer Geruch.
Lass noch einen durchziehen“, zerstäube ich die Stille und greife wie automatisch zu dem Päckchen Tabak und Gras. Wir sitzen auf dem Balkon und rauchen. Ich merke, wie mein Kopf klarer wird. Lass sie auch ziehen. Nach zwei zaghaften Zügen reicht sie mir den Joint zurück, schaut mich an, fragt: „Du kommst nicht von hier, oder?“
Du schon?“, gebe ich zurück. Ich habe wenig Lust auf Smalltalk. Aber so läuft das Geschäft.
Ja, ich bin hier groß geworden, im Süden der Stadt“, erzählt sie, als sei es von Bedeutung, „Wo kommst du dann her?“
Hab schon an vielen Orten gewohnt,“ antworte ich knapp und atme eine Rauchwolke in die Nacht.
Und wo bist du geboren?“ fragt sie interessiert.
Weiß ich nicht. Morgen werde ich hier aufwachen. Das ist wichtig.“
Ah verstehe.“ Ihr Blick zeigt Zweifel und Spott zugleich: „Du brauchst kein Zuhause?“
Ich brauch keine Ketten, die mich festhalten“, gebe ich trocken zurück. Statt einer Erwiderung mustert sie mich nur: abschätzig, ungläubig, neugierig. Sie meint, den Schlag Typen zu kennen, zu dem ich gehöre. Wird doch nicht ganz schlau aus mir. Das macht mich an. Oh ja, auf irgendeine Art und Weise fühle ich mich ausgesprochen gut in meiner Rolle des geheimnisvollen Fremden. Verdammt kindisch, aber wirkungsvoll, deshalb ziemlich geil. Ja, jetzt willst du mich, und ich dich. Ich greife zu einer Glasflasche, die irgendwo hinter mir steht, setze an und nehme einen tiefen Schluck. Der braune Alkohol brennt sich einen Weg in meinen Magen. Mir wird wohlig warm und ich muss lächeln.
Du bist echt heiß, weißt du das?“, raune ich und bin mir nicht ganz sicher, ob ich meine Begleiterin oder das Getränk meine. Erstere fühlt sich angesprochen. Ihre Miene hellt sich auf. Was sie tatsächlich attraktiv erscheinen lässt. „Lass uns reingehen“, schließe ich das Gespräch.
Wie nach einem ungeschriebenen Drehbuch gehen wir ins Zimmer und auf das Bett zu. Wie auf Knopfdruck merke ich, dass eine Energie in mir aufkocht, ein Drang. Mit einem Mal fühle ich mich lebendig. Ich bin bereit. Aus diesem Grund bin ich hier. Ich knöpfe mir mein Hemd auf. Da fällt mir plötzlich etwas ins Auge: Mein Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Es blinkt – eine Nachricht. Irgendetwas drängt mich dazu, nachzusehen. „Warte kurz“, sage ich und greife nach dem Handy. Das Display leuchtet auf. Und tatsächlich: Eine Nachricht. Und keine Gewöhnliche. Eine Nachricht von einem weit entfernten Ort, von einem Menschen, den ich früher in einem anderen Leben einmal sehr gut kannte. Eine Nachricht von meinem Vater. "Warum schreibt er mir?", schießt es mir durch den Kopf. Woher hat er überhaupt meine Nummer?
Auf einmal kommt ein seltsam ungutes Gefühl in mir auf. Ich will diese Nachricht nicht lesen. Ich schaue auf, zu dem Mädchen. Sie hat sich von mir abgewandt, begutachtet sich kritisch im Spiegel. Das Make-Up scheint nicht gehalten zu haben. Das Handy zieht wieder meine Aufmerksamkeit auf sich. Die blinkende Nachricht. Ich öffne sie doch und lese.
Es ist wie gegen eine Glastür zu rennen. Im ersten Moment spürst du nichts. Die Nachricht ist kurz. Ich überfliege sie ein zweites Mal, ein drittes Mal, ohne nachzudenken. Alle Gedanken sind abgesaugt aus meinem Kopf. Drei Sätze, ich lese sie immer wieder. Als wäre es eine fremde Sprache. Ich sehe, was da steht, aber ich verstehe es nicht. Es hat keinen Platz in meinem Kopf. Es hat keine Bedeutung.
Das ist nicht wahr! Das kann nicht wahr sein. Doch, so schmeckt sie, die Realität, so riecht sie, so pfeift sie in den Ohren, so kribbelt sie auf der Haut. Ich habe mich lange, lange nicht mehr so wahrhaftig gefühlt. Ich höre meinen Atem. Meinen Herzschlag. Meine Beine geben nach. Ich muss mich stützen. Finde Halt an einem Türrahmen. Mein Blick ist verschwommen, von allen Seiten eingeengt. Ich sehe das Fenster, das Bett, das Mädchen. Sie schaut mich an. Ihre Stimme hallt durch den Raum. Ich höre sie kaum.
Was ist?“, fragt sie. „Kommst du?“
Ich schau sie an, wie im Fernseher. Ihre Stimme, ihr Körper, sie ist so weit weg. Da wo ich bin, spüre ich nur mich, ich spüre nichts. Tiefes Einatmen, als wäre es das letzte Mal für eine lange Zeit. Irgendetwas in mir ist eben zum Leben erwacht. Schmerz ist es nicht, sondern eher ein altes Verlangen, Schmerz zu empfinden. Zu schreien. Ich will schreien. Mir ist die Kehle zugeschnürt. Mein Kopf ist leer und mein Brustkorb explodiert.
Was ist passiert? Was ist los? Was ist los mit mir?
Es ist still.
Bist du besoffen oder was?“, sagt ein Mädchen irgendwo im Raum. Ein Film. Das ist alles ein Film. Nur ich gehöre hier nicht rein. Ob ich besoffen bin? Nein, ich habe mich noch niemals so nüchtern gefühlt. So klar. So deutlich spüre ich meine kalten Hände, das Stampfen meines Herzens. Mein Kopf, reglos leer, wie ein Schlachtfeld am Morgen danach.
Ich stehe da. Entblößt vor mir selbst. Ohne Schmerz, ohne Schuld, ohne Fassade.
Ich stehe da, starre auf den Boden. Spüre die Jahre durch mich hindurch rauschen, wie ein Wasserfall. Vor meinem inneren Auge: das Bild meines Vaters, meiner Mutter. Wovor bin ich weggelaufen? Wovor bin ich geflohen? Warum bin ich hier? Warum bin ich noch hier? Die Fragen verklingen in meinem Kopf. Ich hätte dort sein müssen.
Vielleicht beim nächsten Mal“, haucht eine Fremde zum Abschied und geht. 

von Johannes Stark  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen