Dienstag, 13. Dezember 2016

Hier wird Geschichte geschrieben

München und seine Studenten im Wandel

 


Beschwingte Jazzmusik hallt durch die Gänge. So fühlt sich das gute Leben an: laut, bunt, voller Energie, strotzend vor Kraft. Doch wenn man die Augen aufmacht und nicht nur der ausdrucksstarken Musik lauscht, sieht man kahle, weiße Wände. Eine Etage höher hängen Bilder von Menschen, die leiden, deren Augen leer sind, hoffnungslos. Sofort fangen die Worte an, durch den Kopf zu schwirren, die jeder mit diesen Fotos verbinden kann: Krieg, Nationalsozialismus, Konzentrationslager. Und das Leben erscheint einem plötzlich nicht mehr so bunt, eher grau, aber wertvoll, weil man im Hier und Jetzt leben darf und nicht neben dem einsamen Kind in Mitten von Trümmern steht. Das NS-Dokumentationszentrum München ist in der Langen Nacht der Museen im Herbst geöffnet. Viele Münchner sind gekommen, um der Vergangenheit auf die Spur zu gehen. Die Informationstafeln zur „Weißen Rose“ hängen auf weißem Untergrund. Die Gesichter der Geschwister Scholl blicken einem beinahe fröhlich entgegen. Kontraste und Gegensätze finden sich hier überall.

Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität München erinnert ein Denkmal im Lichthof an die „Weiße Rose“. 1933 waren vor allem Studenten und Hochschullehrer an der Organisation der Bücherverbrennung beteiligt. Jetzt sitzen die Studenten in einer Vorlesung zum Thema „Verlagsgeschichte in der NS-Zeit“ und ziehen eine Lehre aus den Fehlern der Vergangenheit. Bei der „Aktion wider den undeutschen Geist“ sollten damals die deutschen Universitäten von jüdischem und kommunistischem Gedankengut und somit auch von der systemkritischen Literatur gesäubert werden. Musil, Mann, Brecht und Remarque wurden beispielsweise verbrannt. Es war die größte Bücherverbrennung in der Geschichte, die hauptsächlich von der „geistigen SA“, den Studenten initiiert wurde. Das Feuer stand symbolisch für die Reinigung, für die Befreiung von schädlichen Ideen. Die Fackelzüge und das Verbrennen der Bücher auf Scheiterhaufen glichen einem Schauspiel, einem Spektakel.



Die Luft prickelt wie Champagner

Die imposanten, steinernen Mauern der LMU prägen schon seit 1835 das Bild der Ludwigsstraße. Die Universität hat zwei Weltkriege gesehen, die damit verbundene Zerstörung und den Wiederaufbau erlebt und Studenten beherbergt, die immer wieder für ihre Rechte und Überzeugungen demonstriert haben. Einer von ihnen ist Rainer Wolf. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in München und studierte Lehramt an der LMU. Irgendwann hat er München den Rücken zugekehrt und doch zieht es ihn immer wieder in seine Heimatstadt. Sein Blick wandert über den Odeonsplatz, an dem die Vergangenheit immer noch in der Luft zu liegen scheint und erzählt davon, wie er zu Beginn der 70er Jahre mit seinen Kommilitonen gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze demonstriert hat. „Damals ging man im Anzug zur Vorlesung und konnte noch in Cafés, Wirtshäusern und sogar in der Uni rauchen“, sagt Rainer schmunzelnd. Nachmittags saß er mit seinen Kommilitonen im Tchibo-Café in der Leopoldstraße, Ecke Hohenzollernstraße.

Die goldenen Zeiger der großen Uhr am Münchner Rathaus drehen sich zurück. Es ist das Jahr 1970. Ein junger, hochgewachsener Student mit blauen Augen und schwarzen, lockigen Haaren sitzt in der Tram, die die Kaufingerstraße entlang schleicht. Am Marienplatz steigt er aus und genießt die leichte Frühlingsstimmung. Die Luft prickelt wie Champagner. Endlich hat München den Winter hinter sich gebracht. Der Frühling fühlt sich für Rainer wie ein Lebenselixier an. Am Marienplatz tummeln sich Straßenkünstler, die mit ihrer Gitarre so etwas Ähnliches wie Musik machen: Hippies mit langen Haaren und bunten Klamotten.

Rainer ist mit seinen Kommilitonen im Tchibo verabredet. Als er das Café betritt, empfangen ihn schon zwei seiner Freunde, die gerade in eine hitzige, politische Debatte verstrickt sind. Die Studenten hier lehnen an Stehtischen, die die Kommunikation besonders lebhaft machen. Die Aschenbecher auf den runden Tischplatten quellen über und die Luft ist dick, beinahe greifbar und abgestanden. Man kann kaum seine eigene Hand vor den Augen sehen. Die Tasse Kaffee kostet 20 Pfennig, preiswert für einen armen Studenten, der in einer winzigen Wohnung mit einer Matratze auf dem Boden und Obstkisten, die zum Bücherregal umfunktioniert wurden, lebt. Nach den Vorlesungen spaziert er manchmal die Schellingstraße entlang. Hier drücken sich Obstläden, Metzgereien, Antiquariate und Cafés aneinander. Die Straße ist immer voller Leben, voller Menschen, Gerüchen und Geräuschen.

Das Leben in München ist in seinen Augen gemütlich, ruhig und geht so seinen Gang. Außer bei Demonstrationen. Dann hallen laute Stimmen durch die Straßen, die Luft ist aufgeheizt und die Studenten grölen die Sprüche, die auf ihren bunten Schildern stehen. Die meisten von ihnen sind links. Die Eltern, mit denen abends beim Essen über Politik diskutiert wird, verstehen das nicht. Auch Rainers Vater nicht. Er ist Ingenieur bei der deutschen Bahn. In seiner Jugend musste er am Königsplatz, der damals mit großen Granitplatten gepflastert war, die von ihm gehassten Militärübungen absolvieren. Jetzt ist der Platz begrünt, nichts erinnert mehr an die NS-Zeit.
Im Sommer, wenn die Sonne vom Himmel brennt, verbringt Rainer seine Zeit an seinem Lieblingsort, dem Ungererbad in Schwabing. Zwischen den hochgewachsenen Bäumen, die ihm Schatten spenden, liegt er und liest. Sein Vater hat ihm ein Gedicht von Schalom Ben Chorin über München gezeigt und genau so fühlt er sich dann:

Immer ragst du mir in meine Träume
Meiner Jugend zartgeliebte Stadt,
Die so rauschende Kastanienbäume
Und das Licht des nahen Südens hat.“


In München reist man durch die Zeit

Die goldenen Zeiger der großen Uhr am Münchner Rathaus drehen sich wieder und die Zeit vergeht. Es ist das Jahr 2016. Donald Trump hat vor kurzem den Wahlkampf in den USA gewonnen. Johannes und Sophie lachen gerade über ein Trump-Meme, das ihnen Ilker auf seinem Smartphone gezeigt hat. Sie erzählen von ihren Lieblingsorten in München.

Ilker ist 22 Jahre alt und studiert Lehramt für Deutsch und Geschichte. Er trägt eine blaue Winterjacke, Jeans und eine silberne Kette um den Hals. Ilker liebt den Odeonsplatz mit seinen alten, ehrwürdigen Gebäuden wie die Feldherrnhalle oder die Theatinerkirche. „An diesem Ort versteckt sich an jeder Ecke Geschichte.“ Vor seinen Augen entstehen hier Bilder: von Hitler, der damals seinen Putschversuch beenden musste und von Passanten, die später die Drückebergergasse entlang gingen, um den Hitlergruß vermeiden zu können und dadurch stillen Widerstand leisteten. Die drei gehen weiter in Richtung Hofgarten, vorbei an der Residenz, die im Krieg fast vollständig zerbombt wurde. Im Dianatempel spielt eine Frau Geige. Einzelne Noten tanzen in der Luft und die Blätter an den Bäumen wiegen sich im Herbstwind. „Hier schwelge ich oft in Erinnerung und denke an die tollen Menschen, mit denen ich hier schöne Momente verbringen durfte“, sagt Ilker. Auf die Frage, was sich in den Köpfen der Studenten seit dem Krieg und den 70er Jahren verändert hat, spricht er von gehetzten Menschen, vom Leistungsdruck und der gewinnorientierten Einstellungen unserer Gesellschaft. Und doch glaubt er nicht an das Vorurteil, dass die Münchner arrogant seien. Herzlichkeit, Offenheit, Sinn für Mode und Humor begegneten ihm viel öfter. „Wenn ich durch die Stadt gehe, fühle ich mich wie bei einer Zeitreise. Diese Stadt strotzt nur vor Geschichte und Kultur“, sagt er mit einem Funkeln in seinen braunen Augen.



Mittlerweile sind die drei am Hauptgebäude der LMU, an Johannes Lieblingsort, angekommen. Er studiert Psychologie und lebt seit einem Jahr in München. Ein dicker, weinroter Hoodie schützt ihn vor der Kälte. Seine kurzen, braunen Haare werden von einer grauen Mütze verdeckt. Die Studenten gehen durch die Eingangshalle, die Treppen hinauf und schließlich in den Lichthof: das weltbekannte Zentrum des Gebäudes. „Wenn ich hier bin, spüre ich in jeder Zelle meines Körpers, wie privilegiert ich bin, hier studieren zu dürfen“, sagt er und lächelt. Für ihn ist die Universität ein Ort, an dem sich Freigeist, Elite, Innovation und Konvention begegnen. Johannes, Sophie und Ilker schauen hinauf zum oberen Stockwerk, von dem aus die Mitglieder der „Weißen Rose“ ihre Flugblätter in den Lichthof geworfen haben. Die Vergangenheit ist greifbar nah, als könnte man fast selbst miterleben, wie Hans und Sophie dort oben stehen und die Blätter leise durch die Luft schweben. Schweigsam gehen die drei Richtung Ausgang und lassen die gedrückte Stimmung hinter sich. „München ist nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu wüst, nicht zu fein. Es gibt hier genauso viel Kultur, Freiheit und Lebendigkeit, dass man sich immer noch gut auf das Studium konzentrieren kann“, sagt Johannes, während sein Blick über den Geschwister-Scholl-Platz schweift.


Do bin i dahoam“

Mit der U-Bahn fahren die drei Studenten nach Sendling. „Dieser Stadtteil hat mein Herz erobert“, sagt Sophie, die im ersten Semester Germanistik an der LMU studiert. Das erste Mal war sie hier, um eine WG zu besichtigen. Sie spricht vom, ihrer Meinung nach, schönsten Sonnenuntergang Münchens: „An der Brücke über der Heckenstallerstraße spielt sich regelrecht ein Feuerwerk der Natur ab.“ Sophie trägt ein weiß-blaues Ringelshirt, Jeans und Sneakers. Ihre blauen Augen leuchten unter ihrem braunen Pony hervor. Die drei gehen weiter zum Neuhofener Park und wandern einen Hügel hinauf. Dort breitet sich die Stadt vor ihren Augen aus. Man kann das Rathaus, die Frauentürme und den Olympiaturm von hier aus sehen. Im Park herrscht buntes Treiben: Jogger, Mütter mit ihren Kindern und Paare, die mit ihren Hunden spazieren gehen. Für Sophie ist München facettenreich: „Die Stadtkultur ist gemischt. Mit „München ist bunt“ wird Vielfalt bewusst geschätzt und offen gezeigt.“ Sie mag das breitgefächerte Angebot an Kultur und Bildung wie die vielen Straßenfeste, Ausstellungen und Theaterstücke. Auch die Münchner haben in ihren Augen viele Facetten. Die vielen Studenten, die verschiedenste Ideen, Meinungen, Einstellungen und Träume haben, die LesBiSchwule-Community, die vor allem im Glockenbachviertel Zuhause ist und Kreative jeder Art, wie Musiker, Schriftsteller, Tänzer und Theaterbegeisterte, die durch Münchens Straßen ziehen. „München ist einzigartig, weil es mir nach vier Jahren immer noch ein „Do bin i dahoam“-Gefühl gibt“, sagt Sophie lächelnd. Johannes schaut auf seine braune Armbanduhr. Sie müssen zurück zur Uni, um ihre Kurse nicht zu verpassen. Für die drei Studenten und ihre Kommilitonen ist die Ludwig-Maximilians-Universität ein Ort der Bildung, des Wissens und der Entwicklung, aber auch der Schauort von Dramen, Freundschaften, die dort geschlossen werden und Träumen, die in Erfüllung gehen. Die LMU ist ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wird.

von Carina Eckl

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