Sonntag, 4. Dezember 2016

Jede Pore Apolls im Blick

Die Gipsstatuen im Haus der Kulturinstitute führen ein bewegtes Leben


Durch das vergitterte Dachfenster bricht milchiges Licht in den Innenhof. Umringt von riesigen, kalkig-weißen Gestalten, stehen wir im Herzen dessen, was man getrost als eines der ungewöhnlichsten Museen der Stadt München bezeichnen kann: das Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke. Über 1700 Gips-Abgüsse der größten Kunstwerke der Antike befinden sich hier, im sogenannten „Haus der Kulturinstitute“, das auch die Heimat des Institutes für klassische Archäologie ist. Im nördlichen Lichthof, der zweistöckig von streng gegliederten Arkadengängen umgeben ist, herrscht eine fast sakrale Stimmung. Der starke Hall, der schon ein kleines Flüstern von Säule zu Säule trägt, verstärkt diesen Eindruck.

Und so kündigt sich der Archäologe Daniel Wunderlich, einer der Mitarbeiter des Abguss-Museums, schon durch den Klang seiner raschen Schritte an, als er aus dem ersten Stockwerk die breiten Treppen hinunterrauscht und den Lichthof betritt. Wunderlich ist ein smarter Typ um die dreißig, mit kurzen dunklen Haaren und wachen Augen. Er trägt ein legeres Hemd und Adidas-Turnschuhe - Kordhose und Hornbrille hingegen, die Attribute also, die man am ehesten mit dem Klischee „klassischer Archäologe“ verbinden würde, sucht man bei ihm vergebens.

Wunderlich kommt neben dem Abguss einer florentinischen Marmorgruppe zum stehen, die jüngst für Schlagzeilen gesorgt hatte. Die beiden im brutalen Kampf ineinander verkeilten Ringer waren bis vor kurzem in doppelter Ausführung im Museum zu bestaunen. Das kleinere, bronzene Exemplar stellte sich dann jedoch als wertvolles Original heraus und befindet sich nun konsequenterweise wieder im Bayerischen Nationalmuseum, wo es bereits vor dem 2. Weltkrieg ausgestellt wurde. Von „Jahrhundertfund“ war die Rede; wie hatte man das wundervolle Kunstwerk bloß für eine billige, wertlose Replik halten können?

Das Parthenon-Projekt - der Stolz des Museums

Wertlos. Wunderlich lacht: „Darüber halte ich vor manchen Besuchern manchmal zehnminütige Monologe, warum es sich eben nicht um „wertlose“ Objekte handelt.“ Wir schlendern durch einen der beiden düsteren Korridore, die die beiden Lichthöfe des Museums miteinander verbinden. Flink schlüpft der Archäologe durch die gestaffelten Reihen der gipsernen Figuren, teils ist es schwer, Schritt zu halten. Im südlichen Lichthof, der vom archaischen Lächeln des Kouros von Samos, einer fast fünf Meter hohen Kolossalstatue überstrahlt wird, präsentiert Wunderlich den besonderen Stolz des Museums: ein farbiges Modell des Parthenon von Athen (Maßstab 1/20). „Diese Rekonstruktion zum Beispiel besitzt großen historischen Wert“, erklärt er, „es handelt sich um ein einzigartiges Objekt, das uns nicht nur viel über den Parthenon selbst, sondern auch über die Entstehungszeit der Replik erzählt“. Die kleine Kopie des Tempels, Ende des 19. Jahrhunderts in Paris entstanden, sei ein Abbild des damaligen Zeitgeistes und der Antikenrezeption im Fin de Siècle. „Solche Modelle sind im Grunde Interpretationen, uns sind ja bloß schriftliche Zeugnisse überliefert, die vom antiken Erscheinungsbild des Parthenon berichten und den heutigen Ruinen Leben einhauchen.“ Momentan wird das Parthenon-Modell in aufwendiger Arbeit restauriert.

Wunderlich durchquert den Lichthof und macht vor einer großen Türe Halt. Kurz darauf stehen wir in einer der Werkstätten des Museums, einem kleinen, hohen Raum. Es riecht nach Holz, auch sonst erinnert die Szenerie eher an eine etwas unordentliche Schreinerei, als an ein Atelier: Zwingen in allen Größen und Formen, Holzsockel, Sandpapier en masse. Wir stören niemanden, die Werkstatt ist verlassen. Die Restauratorin käme bloß einmal in der Woche, meint Wunderlich. Die romantische Vorstellung von der munteren Gipsfabrik, in der fleißige Gesellen täglich einen Abguss nach dem anderen produzieren, stellt sich schnell als Utopie heraus. „Wir hätten ja den Platz gar nicht, von einer aktiven Produktion kann nicht die Rede sein.“ Die beiden Hauptaufgaben der Werkstätten sind die Instandhaltung und Restaurierung der Ausstellungsobjekte. „Zuletzt mussten wir alles komplett reinigen“, erzählt der Archäologe und auf die Frage, wie man sich das vorstellen könne, spricht er tatsächlich von Staubsauger und Staubwedel.

Wird der 3-D-Druck den Gipsguss verdrängen?

Heutzutage werden Abgussformen mit Silikon von den Originalen abgenommen. Der flüssige Kunststoff wird wie eine Fango-Maske als dünne Schicht auf die Oberfläche der Originale gepinselt. Später wird dann eine „Stützschale“ aus Gips aufgetragen und nachdem die Form getrocknet ist, kann man den eigentlichen Abguss anfertigen. „Für einfache Portraitbüsten braucht man lediglich zwei Güsse: einen Abguss der Vorderseite und einen der Rückseite des Originals“ erläutert Wunderlich; Statuen wie die Nike von Samothrake jedoch müssen nach und nach abgegossen werden, später dann werden die verschiedenen Teile aneinandergefügt. Vor allem früher, als die Abgussformen noch ohne Silikon, mit Trennmittel und Gips abgenommen wurden, war das eine ungeheure Arbeit.

Bei manchen Statuen kann man die Stellen, an denen die verschiedenen Teile zusammengefügt wurden, deutlich erkennen. Wie dünne Netze überziehen sie die Oberflächenstruktur der Figuren. „Letzten Endes sind das Qualitätsmerkmale“, erklärt der Archäologe, „je weniger diese Stege abgetragen werden, desto mehr bleibt von der ursprünglichen Form erhalten“. Die Idee, dass der 3-D-Drucker den Gipsguss früher oder später ersetzen könnte, zweifelt er an: „Mittlerweile ist die Drucktechnik wirklich gut - in den letzten Jahren hat sie sich enorm verbessert. Aber der 1-zu-1-Abguss ist momentan noch präziser, da wird einfach jede Pore mitgenommen.“

Vor allem die großen Statuen müssen oft restauriert werden. Abplatzungen und Verfärbungen ließen sich nicht vermeiden, so Wunderlich. "Das ist normal, damit muss man leben“. Auf die Frage, ob denn Gips besonders anfällig für Schäden sei, antwortet er lapidar: „Gips ist auf alle Fälle empfindlicher als Marmor“. Die Statuen auf ihren Sockeln sind fast allesamt rollbar und werden oft verschoben - das Museum ist demnach äußerlich im beständigen Wandel. Aber nicht nur der Schmutz und die häufige Bewegung setzen den Abgüssen zu.

Einige lehnen sich sogar an die großen Statuen“

Mein ganzes Ich ist erschüttert, das können Sie dencken, Mann, und es fibriert noch viel zu sehr, als daß meine Feder stet zeichnen könnte“, schreibt Goethe über den Apollo von Belvedere an Herder. Diese „Fibration“ scheint sich auch heute noch bei der Betrachtung des schönen Gottes einzustellen. Anders kann man sich den letzten ärgerlichen Vorfall nicht erklären, der sich kürzlich im Museum zugetragen hat. Ein neugieriger Besucher muss unbeobachtet an die überlebensgroße Figur herangeschlichen sein, um sie genauer zu begutachten. Hier hat er sich dann der weißen Hand der Statue gewidmet und die Beschaffenheit der einzelnen Finger genau untersucht. Schließlich scheint es dann etwas ruppiger zugegangen zu sein - der Mittelfinger überlebte diese Untersuchung nämlich nicht.

Und dann klopfen sie auch mal hier, mal dort, lehnen sich sogar gegen die großen Statuen“, schimpft Wunderlich über den mangelnden Respekt mancher Besucher. „Vor allem werden solche Vorfälle nie gemeldet. Das ist dann immer eine böse Überraschung, wenn man einen neuen Schaden entdeckt“.

Im nördlichen Lichthof hat sich mittlerweile ein kleiner, älterer Herr mit runder Brille und freundlichem Gesicht vor einer Gruppe verschiedener Abgüsse der „Knienden Aphrodite“ niedergelassen. Er hat einen Klappstuhl zur Staffelei umfunktioniert und widmet sich mit Elan seiner Skizze. Er zeichnet flink, schraffiert, radiert dann wieder und muss aus seiner meditativen Tätigkeit regelrecht aufgeweckt werden. Er sei öfter hier, meint Dr. Ernst Tropitsch, der während dem Gespräch mit scharfem Zeichnerblick die Kurven der Liebesgöttin abmisst. „Mein Hobby sozusagen“. Auf die Frage, welchen der Abgüsse er persönlich als Modell favorisiere, lächelt er verschmitzt: „Den Barberinischen Faun, der ist einfach herrlich“. Den Faun kennt Tropitsch wie einen guten Freund; das Großartige sei, dass der Abguss hier im Museum vollständiger ist als das berühmte Original in der Glyptothek, das im 19. Jahrhundert beim Transport über die Alpen stark beschädigt wurde.

Der Abguss als Ergänzung, als Erweiterung des Originals? „Es gibt im Museum verschiedene Abgüsse von Statuen im Zustand vor der Entrestaurierung“, erzählt Wunderlich. Antike Statuen wurden nämlich schon seit der frühen Neuzeit ergänzt, teils von großen Bildhauern wie Gian Lorenzo Bernini. Diese Ergänzungen jedoch mussten in späteren Zeiten der Authentizität wegen wieder weichen, die Statuen wurden „entrestauriert“.

Bestimmte Abgüsse im Museum werden von Studenten und Restauratoren des Instituts selbst ergänzt. So etwa der Abguss einer Portraitbüste des Divus Augustus aus der Glyptothek. Der marmornen „Corona Civica“ des Kaisers, ein voluminöser Eichenkranz, wurde in mühsamer Kleinstarbeit zu ursprünglicher Pracht verholfen.

Das Museum als Wohnzimmer

Im zweiten Obergeschoss duftet es nach Kaffee, lautes Lachen schallt durch den Korridor. In der Nähe der Balustrade, mit Blick auf den Lichthof und seine stummen Bewohner, sitzen zwei junge Frauen. Gut gelaunt tauschen sich die beiden über den Alltag und ihr Studium aus, die großen runden Ohrringe, die Rosa trägt, wippen im Takt ihres heiteren Kicherns. Alex, ihre Kommilitonin, erklärt: „Das ist unser Teetisch.“

Teetisch“ klingt zwar nach britischer Eleganz, beschreibt aber nur unzureichend die Tafel, an der die beiden Archäologinnen sitzen. Mandarinenschalen, leere Pappbecher, eine ganze Batterie halbvoller Pepsi-Flaschen - die Szene erinnert mehr an ein Trinkgelage Alexanders, als an den gepflegten Orange Pekoe im Buckingham Palace. Entschuldigend fügt Rosa hinzu: „In der Bibliothek dürfen wir Studenten nichts trinken, einen Aufenthaltsraum gibt es auch nicht wirklich, deshalb verbringen wir unsere Pausen eigentlich immer hier“.

Aber wie ist es, an einem Ort zu studieren, der sowohl Institut als auch Museum ist? Die beiden kommen ins Schwärmen: „Das Museum ist ein großer Vorteil und wird ständig in das Studium mit eingebunden“, berichten sie. Sie erzählen von der sogenannten „Sehschule“, bei der die Dozenten im Unterricht erarbeitete Inhalte am Objekt selbst verdeutlichen. Wenn man den zweien zuhört, bekommt man den Eindruck, das Museum sei so etwas wie ein zweites Zuhause für die Studentinnen, ein Ort, an dem man gerne Zeit verbringt.

Es wird dunkel und wir verabschieden uns von Herrn Wunderlich und seinen gipsernen Schützlingen. „Patara, die Geburtsstadt des heiligen Nikolaus, das Thema unserer nächsten Ausstellung. Das wird sehr interessant“, gibt er uns noch mit auf den Weg, als wir das Gebäude verlassen.

von Seydou Cissé
Illustration: Ivette Schmidt 




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