Montag, 16. Januar 2017

Selbsterkenntnis





Das Flackern eines Lichts erhellt für den Bruchteil einer Sekunde mein Zimmer und ich öffne meine Augen. Mich empfängt eine absolute Dunkelheit, welche sich nach und nach auflöst und die Konturen des Sessels freigibt. Mit der Wand im Rücken betrachte ich ihn für einige Zeit, meine Augen fixieren einen mir unbekannten Punkt und schweifen gleichzeitig umher im Nirgendwo. 

Stunden vergehen.
Im Dämmerlicht des Morgens erhebe ich mich, lausche dem Knacken meiner Glieder, ignoriere die Schmerzen. Zwei Schritte bis zum Fenster, eine Stunde bis zum Sonnenaufgang. Ein Tag wie jeder andere. Ich blicke hinaus auf den Hof; es scheint mir, als wäre dort der Kies über Nacht grauer geworden. Gebannt starre ich auf den Boden, nehme die Farbe und die Beschaffenheit gierig in mich auf, bis ich schließlich quälend langsam meine Augen schließe. Als ich sie wieder öffne, brennt der Himmel. Die Strahlen der Sonne wärmen mein weißes Gesicht, ich fühle wie sie meine Haut streicheln und ich mich nach dieser Wärmequelle sehnlich ausstrecke. Gegenüber von mir bewegt sich der Schatten. Er huscht in der üblichen Eile umher, bleibt jedoch dabei wie immer unerkennbar. Ein Zittern geht durch das Gebäude, als im Nachbarhaus die Tür zuschlägt und er verschwindet. Unten auf dem Hof regt sich nichts. Hoffnungsvoll warte ich für einige Minuten, doch das Bild ändert sich nicht. Niemand erscheint, niemand eilt über den grauen Kies und zerstört seine perfekte Ebenmäßigkeit.
Beim Einatmen stelle ich fest, dass die Luft in meinem Zimmer abgestanden und schmutzig schmeckt. Sie steht über dem Hof, eine undurchdringbare Mauer zwischen mir und der Welt. Kein Wind von draußen bringt Neuigkeiten, kein Lufthauch erzählt von fremden Orten und wispert mir Geschichten ins Ohr. Ich seufze und lehne mich an die Wand. Die Tapete ist kühl und glatt und ebenmäßig, so wie alles hier. Ich versuche nachzudenken und mich zu erinnern, doch ich schaffe es nicht, Bilder in meinen Kopf zu zwingen. Er bleibt leer und grau, und die Bilder, von denen ich weiß, dass sie existieren, kommen nicht zu mir zurück, so sehr ich sie auch suche. Schemen und Ideen, vage Vorstellungen und bruchstückhafte Muster tanzen umher; sie verhöhnen mich mit ihrer Farbigkeit und ihrer Lebendigkeit.
Nein, seit ich gestern hier war, hat sich nichts verändert.
Also setze ich mich in den Sessel und widme mich der einzigen sinnvollen Beschäftigung.
Mit der Zeit habe ich begonnen, mir einzureden, dass die Identifizierung des Schattens meine einzige Rettung sei, denn nur seine Rückkehr durchbricht die Routine, in der ich gefangen bin.
Er kommt nicht zurück.
Dennoch folge ich seinen morgendlichen Bewegungen wie einem geisterhaften Puppenspiel. Was ist das für ein Leben? Diese Hektik, diese Unruhe. Warum? Wohin führt der Weg?
Manchmal frage ich mich auch, warum ich hier bin. Das sind Fragen, die ich fürchte, weil über sie nachzudenken, mir deutlich macht, dass ich die Antwort nicht weiß. Dass ich nichts weiß. Die Wegkreuzung bietet mir keine zwei Straßen. Mein Weg ist vorbestimmt; von wem? Ich weiß es nicht. Ihn anzuzweifeln, hieße meine eigene Existenz in Frage zu stellen, und das wäre ein Schritt ins Unbekannte. Deshalb verbringe ich täglich Stunden damit, auf ihn zu warten. Ich stehe am Fenster und fülle jede Sekunde meiner Zeit mit dem Lauschen nach knirschendem Kies und nach dem Schlagen einer Tür. Doch wie zuvor erscheint er nicht; ich bin allein in diesem Haus und ich bin allein, als die Sonne hinter dem Dach verschwindet und Dunkelheit sich ausbreitet.
Doch heute beschließe ich nicht aufzugeben. Lange genug führe ich schon diese farblose und menschenlose Existenz, ohne mich auch nur ein wenig dagegen zu wehren. Ich befinde mich am Rand von etwas, dem ich keinen Namen geben kann, weil es nichts ist. In dieser Umgebung, die zwar charakterlos, aber dennoch bedrückend ist, fühle ich mich wie gelähmt, und je länger ich hier bleibe, desto mehr gleiche ich mich ihr an. Werde zu einem wortlosen, farblosen, namenlosen und gedankenlosen Wesen. Werde grau.
Diesem Gedanken gebe ich mich hin. Er frisst sich in mein Inneres und mit ihm die Hoffnungslosigkeit, welche droht mich zu ersticken. Ich schaffe es kaum mich ihr zu entziehen und bin kurz davor von ihr und der Dunkelheit verschluckt zu werden. Kraftlos lasse ich mich an der Wand hinunter rutschen, da tritt eine Veränderung ein. Es ist mir, als bildet sich in mir ein Strudel. Er tost in meinem Kopf umher und breitet sich aus. Eine rote Welle aus Wut ergießt sich über mich und meine Gedanken schrecken auf, wie verängstigte Tiere, die man aus ihrem Winterschlaf gerissen hat. Die Farbe steht im Kontrast zu allem was ich gewohnt bin, sie kämpft darum das Grau des Himmels und das Grau in meinem Kopf zu verdrängen, sie breitet sich aus, und ihre Energie und Kraft steckt mich an. Die Vorstellung die Unendlichkeit mit Warten und Hoffen zu verbringen, erfüllt mich mit einer verzweifelten Wut; die trübe Suppe meiner Gedanken ordnet sich und schlagartig öffne ich meine Augen. Statt der gewohnten Dunkelheit erwartet mich milchiges Licht, welches dem Raum eine geisterhafte Aura gibt. Gefesselt von der Unwirklichkeit meiner Situation lasse ich meinen Blick umherwandern und berühre vorsichtig die weißen Wände, wie um mich davon zu überzeugen, dass sie sich unter meinen Fingerspitzen nicht in Luft auflösen. Das Geräusch, das kurz darauf ertönt, ist in dieser Stille laut und deutlich zu hören. Die Reibung zwischen den kleinen Steinen, welche bei jedem neuen Schritt entsteht, sendet ein eindeutiges Signal zu mir hinauf. Ich stürze zum Fenster und richte meinen Blick auf den Hof.
Unter meinem Fenster steht eine Person. Sie kommt mir seltsam bekannt vor, wie jemand, der mir einmal sehr nahestand. Ihr Gesicht ist regungslos, sie schaut zu mir nach oben und mustert mich ohne dabei einen Muskel zu bewegen. Wir taxieren uns gegenseitig; zwei Menschen die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Gegensatz zu mir, steht sie da unten auf der gekiesten Fläche und ist frei zu gehen. Jetzt hebt sie einen Arm und winkt. Mein Herz schlägt so schnell, dass es schmerzt und ich schaffe es nicht, mich zusammenzureißen. Ihr heller Mantel flattert leicht im Wind und als ich es nach ein paar Minuten immer noch nicht geschafft habe, ihren Gruß zu erwidern, wendet die Person sich zum Gehen.
Mir wird bewusst, dass ich, sobald ihre knirschenden Schritte verklungen sind, wieder allein sein werde; dass der graue Schleier sich wieder über meine Welt legen wird wie ein schweres Tuch, und dass er das Rot unter sich zerquetschen wird, als wäre es nie gewesen.
Noch während dieser Gedanke mir durch den Kopf jagt, erkenne ich endlich die Person unter meinem Fenster.
Und ich erwache.
von Eva Manegold

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