Mittwoch, 4. Januar 2017

Unsichtbare Grenzen



Acht Jahre alt sei ihr Sohn und Albträume habe er. Vor drei Jahren war sein Vater erschossen worden, vor seinen Augen. Die Bilder ließen ihn nicht mehr los. Beinahe jede Nacht leide ihr Sohn unter seinen Albträumen, klagt die junge syrische Mutter. Sie sähe ihn leiden und wisse nicht, wie sie ihm helfen kann. 
Es ist kein Geheimnis: Viele der Menschen, die als Flüchtlinge zu uns nach Deutschland gekommen sind, kämpfen mit psychischen Problemen als Folge ihrer traumatischen Erlebnisse. Nicht selten sind es multiple Traumata, die die Menschen belasten. Im Heimatland wurden sie Opfer von Krieg und Gewalt. Allgegenwärtig, die Gefahr für das Leben. Alltäglich, der Tod von Verwandten und Freunden. All dem zu entkommen: die Flucht. Ungewissheit, Einsamkeit, Entsagung, Gewalt. Fluchterfahrungen. Dann endlich in Deutschland. Doch die Ungewissheit bleibt mit der Frage: Darf ich bleiben?
Fast jeder Geflüchtete hat schlimme Erlebnisse zu berichten. Fast jeder zweite hat eine posttraumatische Belastungsstörung. Das bedeutet: Albträume, Flashbacks, Panikattacken. Internalisiert: Unruhe und Angst. Externalisiert: Aggression. Die Frage ist: Was können wir tun?
Unsere wichtigste Aufgabe heißt: Sicherheit geben. Orientierung, Stabilität, Perspektive, Integration. Das ist die Basis, aber noch lang nicht alles. Eine PTBS ist eine klinische Diagnose. Wir kommen um eine Behandlung nicht herum! Wir brauchen dringend neue Konzepte der Traumatherapie. Dabei stehen wir vor enormen Herausforderungen:
  1. Fehlende Kapazitäten
Wir haben bei weitem nicht genug Therapeuten und Fachleute, um den Bedarf zu decken. Uns fehlt es außerdem an Weiterbildung und Supervision.
  1. Die Sprachbarriere
Es ist eine große Herausforderung, in einer Sprache über seine Gefühle zu sprechen, die nicht die eigene Muttersprache ist, ganz zu schweigen von einer Sprache, die man erst seit einigen Monaten lernt. Auch hier fehlt es uns an speziell ausgebildeten Dolmetschern.
  1. Vertrauen schaffen
Wir müssen die Betroffenen natürlich auch von unseren Methoden und unserem guten Willen überzeugen. Dabei liegt es in unserer Verantwortung, Verständnis zu zeigen. Wir müssen unsere eigenen Vorstellungen in Frage stellen, fremde Überzeugungen zulassen. Denn eine Störung liegt immer im Auge des Betrachters.
Stellen wir dazu einmal den folgenden Vergleich an: Was verstehen wir in unserer Gesellschaft unter psychischer Belastung? In Deutschland darf man sich schlecht fühlen. Trauer und Angst werden akzeptiert. Gleichzeitig ist Schmerz immer noch ein Zeichen von Schwäche. Man solle sich doch gefälligst zusammenreißen. Jeder ist für seinen psychischen Stress weitestgehend selbst verantwortlich. Was man selbst nicht in den Griff kriegt, lässt man behandeln. Psychische Belastung wird pathologisiert. Stress wird zur Krankheit.
Die andere Frage ist: Was versteht man im arabischen Kulturkreis unter psychischer Belastung? Dabei vorweg: Selbst zwischen arabisch geprägten Ländern bestehen große Unterschiede! Während in Syrien negative Emotionen, wie Trauer eher selten offen gezeigt werden, ist es in Ägypten meist selbstverständlich, die Trauer um einen verstorbenen Angehörigen auszuleben. Zumindest die Gemeinschaft spielt in vielen Ländern eine große Rolle. In schwierigen Zeiten hält man zusammen, vor allem die Familie. Doch was, wenn diese Familie weit weg ist, wenn kein Kontakt besteht, wenn sie nicht mehr existiert? Wie sollen negative Emotionen dann noch zum Ausdruck gebracht werden?
Den Beobachtungen vieler Psychotherapeuten zur Folge kann man zumindest eine Gemeinsamkeit feststellen: Psychischer Stress wird von Geflüchteten in Behandlung oft auf den Körper bezogen. Das heißt, psychisches Leiden wird als körperliche Beschwerde beschrieben. Die Traumafolgestörung drückt sich in Kopf- und Magenschmerzen oder Herzrasen aus. Über Angst und Trauer verliert kaum jemand ein Wort.
Dies macht umso mehr deutlich: Wir brauchen neue Ideen. Wie können wir den Menschen schnell und effizient helfen? Auf diese Frage gilt es, Antworten zu finden.
Wie wäre es, beispielsweise, mit mehr Hilfe zur Selbsthilfe? Geflüchtete müssen Bewältigungskompetenzen in den eigenen Reihen entwickeln. An erster Stelle steht die Aufklärung der Eltern. Wir müssen Mütter und Väter ansprechen. Wir müssen ihnen erklären, worunter sie selbst und ihre Kinder leiden. Wir müssen mit ihnen erarbeiten, wie sie in ihrem Alltag mit psychischen Belastungen umgehen können. Des Weiteren liegt der Fokus auf Multiplikatoren: Imame, Lehrer, Vertrauenspersonen. Wir müssen für Traumafolgestörungen sensibilisieren. Wir müssen die Menschen da erreichen, wo sie sind. Die Antwort heißt: Zusammenarbeit.


von Johannes Stark


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