Dienstag, 21. März 2017

Der Kartoffelkiller




Ich muss sagen, mein Sohn, ich bin stolz auf Sie“, brummte Kommissar Heppert durch seinen schwarzgrauen Bart, den gewollt gutmütigen Blick auf den jungen Mann gerichtet, der ihm gegenübersaß. „Endlich zuzugeben, dass Sie der Kartoffelkiller sind, war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.“
Bin ich nicht!“ Der Kartoffelkiller schien genervt.
Was bitte sind Sie nicht?“ Kommissar Heppert blickte verwirrt drein.
Ich bin nicht der Kartoffelkiller“, sagte der Kartoffelkiller.
Wie jetzt?“

Ähm“, Kommissarin Draht, jung und hibbelig, beugte sich zu ihrem Kollegen hinüber. „Ich glaube, er will sagen, dass er nicht der Kartoffelkiller ist.“
Ich weiß, dass er das gesagt hat! Aber was im Namen der Einschusslöcher meiner Unterhose meint er damit?“
Am besten fragen wir ihn.“ Mit pflichtbewusster Miene wandte sich Kommissarin Draht nun demjenigen Mann zu, der ihren Informationen zufolge der Kartoffelkiller war. Sie sprach langsam und versehentlich herablassend. „Haben Sie Herrn Albert Kieselbeck ermordet, indem sie ihm eine Kartoffel in den Rachen schossen, woraufhin er erstickte, oder nicht?“
„Ja, habe ich, aber...“
Und haben Sie Frau Margarete Honig ermordet, indem sie einen zweihundert Kilogramm schweren Sack Kartoffeln auf sie fallen ließen, oder nicht?“
Ja, habe ich...“
Also sind Sie der Kartoffelkiller“, schloss Kommissarin Draht, lehnte sich zurück und sah zufrieden mit sich aus.
Nein! Nein, das bin ich nicht!“
Junger Mann, Sie gehen mir allmählich auf die Nerven“, grummelte Kommissar Heppert. „Sie sind der Killer, der mit Kartoffeln killt, Sie sind der Kartoffelkiller und damit hat sich’s.“
Hören Sie mir doch zu!“ Der Kartoffelkiller hatte zu schwitzen begonnen. „Ich habe die beiden nicht mit Kartoffeln umgebracht, weil ich Leute mit Kartoffeln umbringe. Das ist nicht meine... Art.“
Und was ist dann Ihre Art?“, wollte Kommissarin Draht wissen.
Ich bringe Menschen mit dem Gegenstand um, mit dem Sie anderen Schaden zugefügt haben.“

Eine kurze Stille entstand, in der beide Kommissare den Verdächtigen mit immer tiefer hängenden Augenlidern ansahen.
Mit Kartoffeln?“, sagte Kommissar Heppert schließlich.
Der Bauernhof von Herr Kieselbeck ist furchtbar. Er hält sich nicht an die Richtlinien, züchtet chemisch behandelte Kartoffeln. Man kann davon sterben, wenn man sie isst.“
Hm“, sagte Kommissar Heppert.
Und Frau Honig, sie hat Kartoffeln vom Markt gestohlen und den Diebstahl dann Hat-keine-Wohnung-Hans angehängt. Sie glauben gar nicht, was er deswegen alles verloren hat.“
Seine Wohnung?“, riet Kommissarin Draht.
Unter anderem! Sehen Sie, ich habe mich nie hingesetzt und gedacht: Hey, ich werde jetzt der Kartoffelkiller und fange an, Leute mit Kartoffeln umzubringen. Mein Plan war besser als das. Ich wollte nur schlechte Menschen töten. Und ich wollte, dass ihnen in ihren letzten Momenten klar wird, wofür sie bezahlen. Für ihre Verbrechen. Dass ihre Missetaten sie nun heimsuchen.“
Um ehrlich zu sein“, grunzte Kommissar Heppert, „ich bin mir nicht sicher, ob Frau Honig bewusst war, was sich in dem Sack befand, der auf sie plumpste.“
Hätten Sie sie nicht auch in Hat-keine-Wohnung-Hans‘ alter Wohnung umbringen können?“, schlug Kommissarin Draht vor.
Ihr Kollege nickte. „Dann wäre die ganze Sache nie aufgeflogen. Sie hatten wirklich schönes Pech, dass beide Ihre Opfer Verbrechen im Kartoffelmilieu begangen hatten.“
Der Kartoffelkiller seufzte. „Aber verstehen Sie nicht? Die beiden waren nicht meine einzigen Opfer!“
Kommissarin Draht stieß ein lautes „Was?“ hervor und Kommissar Heppert machte ein Geräusch, als hätte er verkehrtherum geschluckt.
Ja! Erinnern Sie sich an Klaus Malmö?“
Klaus Malmö?“, rief Kommissarin Draht. „Der Mann, der mit einem Müllbeutel erstickt wurde?“
„Sie sind der Müllbeutelmörder!“, donnerte Kommissar Heppert.
Der Kartoffelkiller war nun den Tränen nahe. „Er war ein Waffenschieber und versteckte die Waffen in Müllbeuteln! Es gibt keinen Müllbeutelmörder! Es gibt keinen Kartoffelkiller! Es gibt nur mich! Den Töte-Leute-mit-dem-was-sie-verwendet-haben-um-anderen-zu-schaden-Mörder! Und das mit dem Drumset...“
Wir suchen schon seit Jahren nach dem Schlagzeugschlächter!“ Kommissar Heppert schüttelte den Kopf. „Unglaublich, dass das alles Sie waren. Genial. Darauf wäre ich nie gekommen.“
Haben Sie diese Morde wirklich nie in Verbindung miteinander gebracht?“, fragte der Kartoffelkiller atemlos.
Natürlich nicht“, sagte Kommissarin Draht. „Der Kartoffelkiller nutzt Kartoffeln, der Schlagzeugschlächter Drumsticks. Wer hätte ahnen können, dass es sich um die gleiche Person handelt?“
„Der perfekte Mord“, bemerkte Kommissar Heppert. „Mein Gott, zu meiner Zeit wäre so etwas nicht passiert. Da wussten die Serienmörder noch, was gut für Sie war. Schuster, bleib bei deinen Leisten, sage ich immer.“
„Die Zeiten ändern sich“, sagte Kommissarin Draht weise. „Die Welt ist nicht statisch. Man muss sich anpassen, Dinge anders sehen. Out of the box und so.“
Kommissar Heppert erhob sich.
Ich kann’s nicht erwarten, endlich in der Kneipe in meiner Straße zu sitzen. Da schmeckt das Bier seit vierzig Jahren gleich und ich muss keine Angst haben, dass die Pommes plötzlich nicht mehr aus Kartoffeln, sondern aus Müllbeuteln gemacht werden.“ Er warf dem Mann ihnen gegenüber einen mitleidigen Blick zu. „Das hier wäre dann ja erledigt. Wir drucken Ihnen ein Geständnis aus, das müssen Sie dann nur noch unterschreiben.“
Herr Heppert, noch können Sie nicht in die Kneipe“, ermahnte ihn seine Kollegin. „Denken Sie an diese zwei bizarren Mordfälle von letzter Woche.“
Ach ja, die hatte ich ganz vergessen. Auf so bizarre Art erstochen wurde hier schon lang niemand mehr.“
Der Kartoffelkiller hob den Blick. „Mit Tannenzapfen, zufällig?“
Kommissar Heppert dröhnte zustimmend.
Wir nennen ihn den Tannenzapfentöter“, sagte Kommissarin Draht. „Aber wir sind ihm schon auf der Spur.“
Und bevor sie den Gesichtsausdruck des Kartoffelkillers richtig deuten konnten, waren die beiden aus dem Raum verschwunden.

Der Kartoffelkiller wurde kurz darauf wieder freigelassen, da er nicht glaubwürdig erklären konnte, warum er mit einer Kartoffel gemordet hatte, wenn ein Messer doch so viel praktischer ist.
Zwei Wochen später wurde die Gemeinde durch einen grausamen Doppelmord erschüttert, als die beiden besten Kommissare des Reviers tot aufgefunden wurden. Sie waren mit Kartoffeln zu Tode gefüttert und mit Tannenzapfen in Nase und Mund gesteckt im Inneren großer Müllbeutel in die Basstrommel eines Schlagzeugs gezwängt worden.
Der neue Leiter der Mordkommission wurde extra aus einer fernen Stadt eingeflogen. Noch heute erzählt man sich von dem Moment, als er zum ersten Mal den Tatort betrat. Beim Anblick der Leichen weiteten sich seine Augen und er schüttelte den Kopf. Dann murmelte er: „Unfassbar... Er ist zurück.“


von Gregor Schmalzried  
Illustration: Ivette Schmidt  


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