Dienstag, 28. März 2017

Ein Nordlicht unter Münchnern: Erik Cohen live am 25.03.2017 im Backstage



Deutschsprachiger Rock ist irgendwie eine Sache für sich. Der Großteil der Zuhörerschaft hat sich inzwischen mit dem Mix aus weichgespülten Texten, eintönigen Melodien und wenig aufregenden Songstrukturen, der in Dauerschleife im Radio gespielt wird, abgefunden. Wer jedoch über den Mainstream-Tellerrand blicken möchte, der stößt zunächst auf gähnende Leere. Abhilfe schafft Erik Cohen (aka Jack Letten aka Daniel Geiger). Dessen unverkennbare Stimme, seine authentischen und vor allem wortgewaltigen Texte, sowie der düster-atmosphärische Sound, harmonieren auf bislang zwei Alben und einer EP zu einer einzigartigen und sehr ansprechenden Mischung aus Melancholie, Düsternis und Leidenschaft. Seine Lieder erzählen Geschichten von Sehnsucht, Einsamkeit und natürlich seiner Liebe zum Meer, schließlich stammt er aus Kiel. Als "Doompop" betitelt der Sänger seine Musik leicht selbstironisch und legt mit dieser vielversprechenden Genre-Schöpfung die Messlatte für ein gelungenes Club-Konzert sehr hoch.

Volle Kraft voraus!

Der Backstage Club ist gut besucht an diesem Samstagabend. Erik Cohen ist spätestens seit seinem letzten Album kein Geheimtipp mehr und so kommt es, dass sich ein bunt gemischter Haufen von erwartungsvollen Zuhörern aus allen Altersgruppen vor der Bühne tummelt. Vereinzelt sieht man einige Smoke Blow-Shirts, also die Band mit der Erik (unter dem Pseudonym Jack Letten) bereits seit beinahe zwei Jahrzehnten regelmäßig in gediegener Hardcore Punk-Manier die Clubs der Nation abreißt. Um kurz vor neun betreten die Musiker die Bühne. Eine Vorband gibt es nicht, doch wer Erik und seine Jungs schon einmal live erlebt hat, der weiß aus eigener Erfahrung, dass der Kieler seinem Publikum am liebsten selbst einheizt. Mit Sonnenbrille, Skinny-Jeans und Parka tritt der sympathische Sänger ins Scheinwerferlicht, stellt den Mikrofonständer erst einmal bei Seite (er würde bei seinem Live-Laufpensum nur im Weg stehen) und legt direkt los. Schnell ist klar: Erik Cohen ist ein norddeutsches Original, also einer, dem man ohne Zögern abkaufen würde, dass er die sieben Weltmeere umsegelt hat. "Kosmonaut" ist nicht nur der Opener seines Debütalbums "Nostalgie für die Zukunft", sondern läutet auch an diesem Abend die folgenden, stürmisch-kraftvollen zwei Stunden ein. Mit "Fährwolf" präsentiert Erik nicht nur ein nautisches Wortspiel im Titel, sondern einen Song, den es wohl erst beim nächsten Release auf Platte geben dürfte. Live macht das Lied auf jeden Fall jetzt schon unglaublich Spaß! Da die Band um Erik ohnehin bereits jetzt bei maritimen Themen angekommen ist, folgt "Kapitän", dessen einprägsamer Refrain unweigerlich zum Mitsingen einlädt. Überhaupt ist die Textsicherheit bei Teilen des Publikums äußerst bemerkenswert. Die Hitze im Club steigt und dem für Wind und Wetter gewappneten Erik wird langsam heiß, also entledigt er sich seiner Jacke, nimmt einen kräftigen Schluck Bier und weiter geht's! Auch kurzzeitige, technische Probleme mit dem Mikrofon können der Band nichts anhaben, denn Erik überspielt die kleine Unterbrechung mit seiner einnehmenden Art. Auf "Treue Herzen" folgt schließlich mit "Das gute Gefühl" an diesem Abend das erste Lied vom 2016 erschienenen zweiten Album "Weisses Rauschen". Die harmonische Leichtigkeit, die der Song ausstrahlt, greift auch aufs Publikum über, sodass sich nun fast jeder im Raum zu den Klängen des rockigen Sounds bewegt.

Eine Flut von Gefühlen

Von der geschundenen Stimme des Sängers, die er eingangs kurz erwähnt, merkt man nichts. Erik läuft, springt, tanzt, zieht Grimassen und singt sich dabei in einen Rausch. Die Setlist bewegt sich mit emotionsgeladenen Hits, wie "Schattenland" oder "Hier ist nicht Hollywood" unweigerlich dem Höhepunkt des Konzerts zu. Besonders letzterer Song animiert die Menge zu einem kleinen, aber dennoch energischen Moshpit in der Mitte der Halle, während die schwermütigen Zeilen der Single-Auskopplung durch das Backstage fegen. Als der markante Gitarrenriff von "Dirigent" erklingt, hat sich der Großteil der Fans bereits in Ekstase gefeiert. Mit dieser melancholischen Ode an seine norddeutsche, vom Meer und Hafen geprägte Heimat unterstreicht Erik noch einmal unverkennbar, worin einer der Haupteinflüsse seiner Musik liegt. Direkt danach erlebt der Club ein kurzes Neue Deutsche Welle-Revival, als Erik und seine Band Joachim Witts "Goldener Reiter" covern. "Chrom" beendet schließlich den offiziellen Teil des Konzertes vor der Zugabe. Die energiegeladene Hymne stellte 2012 nicht nur den Beginn von Eriks Solokarriere dar, ihr rauer Klang, der epische Text und die groovige Atmosphäre machen Lust auf mehr.

Der Kapitän dreht eine Extrarunde

Ein Hoch auf Zugaben! Die von Erik und seinen Musikern kommt in dreifacher Ausführung – vorerst zumindest! Denn der Abschluss-Song "Omega Mann" handelt zwar vom letzten Mensch auf Erden, ist aber definitiv nicht der letzte Song, der an diesem Abend durch den Backstage Club fetzt.
Zu groß ist der Hunger des Publikums und auch Erik hat sich augenscheinlich noch nicht ausgetobt, schließlich geht es am nächsten Tag wieder heimwärts Richtung Kiel, da soll sich die beschwerliche Reise auch ordentlich gelohnt haben. Zunächst bedankt sich der Smoke Blow-Frontman aber bei seinen treuen Fans, verschenkt seine Sonnenbrille und schüttelt unzählige Hände. Dann kündigt der Sänger den Blues an und es ertönt die elegische Melodie von "Der Heilige Gral", einem Meisterstreich, der eiskalt mit allen Neinsagern und Kritikern abrechnet. Als Bonus gibt es danach noch einmal "Fährwolf" und "Dirigent". Dann verlischen die Lichter und es heißt gute Nacht.

Was bleibt letztendlich von diesem Abend? Auf jeden Fall die Erkenntnis, dass Erik Cohen ein Ausnahmetalent ist, sowohl auf Platte, als auch live. Sein bisher überschaubares Liedgut weist keinerlei Schwächen auf, reißt den Zuhörer in einen Strudel aus Nachdenklichkeit, unverfälschter Romantik und 'Ich-geh-meinen-Weg'-Attitüde und macht auf der Bühne noch mehr Laune. Wenn Erik und seine Crew wieder in See stechen, dann muss es unweigerlich heißen: Anker lichten, Segel setzen und volle Fahrt zum Konzert!

von Jonas Erbas

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