Donnerstag, 13. April 2017

Abriss der Superlative: Under the Black Moon 2017 im Backstage




Münchens beliebtestes Stoner-, Doom- und Retro-Rock-Festival geht in die dritte Runde und präsentiert erneut ein Line-Up, das Fan-Herzen höher schlagen lässt. Mit Electric Wizard hat man eine wahre Szenengröße als Headliner verpflichtet, die Deutschlands Bühnen leider viel zu selten beehrt. Doch auch die restlichen Bands können sich sehen lassen, sei es das deutsche Power-Duo Mantar, die griechischen Fuzz-Rocker 1000mods oder Münchner Lokalmatadoren wie Godsground. Dass das Backstage mit dem Werk, der Halle und seinem Club gleich drei optimal für ein solches Festival geeignete Bühnen beherbergt, bietet eine hervorragende Voraussetzung für den Band-Marathon.

Von Beginn an konsequent

Pünktlich um 16:00 öffnet das Backstage an diesem sonnigen Samstag seine Pforten. Obwohl die wirklichen Highlights erst in den Abendstunden auftreten, ist der Andrang bereits von Beginn an sehr groß. Den Anfang machen um 16:30 Swan Valley Heights im Werk. Das dreiköpfige Stoner-Gespann aus München spielt eine gute halbe Stunde und übergibt anschließend an ihre Münchner Gesinnungsbrüder Godsground. Diese heizen dem noch einigermaßen überschaubaren Publikum ordentlich ein und hätten sicherlich mehr Zuhörer verdient. Denn trotz ihrer bisher vergleichsweise komprimierten Diskographie erweist sich tatsächlich jeder Song als absoluter Hit. Der treibende Desert-Sound, eine authentische Prise Progressivität und groovende Riffs verschmelzen sowohl live, als auch auf Platte zu einem spannenden Gemisch mit deutlichen Kyuss- und Sleep-Einschlägen. Das Herzblut, welches die vier Bandmitglieder dabei in ihre Musik stecken, ist unverkennbar herauszuhören. Godsground läuten mit ihrem halbstündigen Set einen furiosen Festivalabend ein.

Live-Musik, wohin das Ohr auch hört

Insgesamt hat man sich bei der Organisation des Festivals dieses Jahr sehr viel Mühe gegeben und das Hauptaugenmerk darauf gelegt, dass die Besucher möglichst viele Bands ohne gegenseitige Überschneidungen genießen können. So wechseln die Auftritte zwischen Werk und Halle ständig. Während in der jeweils anderen Location schon die Vorbereitungen für die nächste Show laufen, können die Gäste entspannt das laufende Konzert genießen ohne sich mit Umbauarbeiten herumzuplagen oder einen großen Act zu verpassen. Im Club spielen vornehmlich kleinere Bands und das beinahe durchgehend, sodass wirklich jeder Musikfreund auf seine Kosten kommt, immerhin beweisen Dune Pilot, Elephants from Neptune & Co., dass tatsächlich jede Band an diesem Tag ein Volltreffer ist. Gegen kurz nach sechs steigt im Werk dann der erste Publikums-Magnet in den Ring: Angel Witch. Die Briten gibt es schon seit 1977 und gelten als wahre Legenden der New Wave of British Heavy Metal, obwohl aufgrund diverser Line-Up-Wechsel und Pech mit ihren Labels der ganz große Erfolg stets ausblieb. Musikalisch merkt man davon jedoch nichts, denn die Band um Frontman Kevin Heybourne (Gesang / Gitarre) versteht es, das Publikum mit den alten Hits ihres 1980 erschienenen Debütalbums trotz voranschreitenden Alters immer noch zu fesseln. Mit "Atlantis", "Angel of Death" und ihrer vermutlich bekanntesten Nummer "Angel Witch" verströmen die Briten einen Hauch Nostalgie und laden zu einer Zeitreise in die Anfangsjahre des Heavy Metals. Knapp eine Stunde später beweisen Samsara Blues Experiment ihr Können mit einer furiosen Mischung aus klassischem Stoner, Psychedelic Rock und folkloristischen Einschlägen. Der eigenwillige Sound des Berliner Dreiergespanns überzeugt auf ganzer Linie.

Zwei wie Pech und Schwefel

Eines ist von vornherein klar: die nächste Stunde wird für das dicht gedrängte Publikum eine absolute Grenzerfahrung, schließlich haben sich Mantar bereits kurz nach ihrer Gründung den Ruf einer exzellenten Live-Band erarbeitet. Die beiden Bremer Hanno (Gesang / Gitarre) und Erinç (Gesang / Schlagzeug) verstehen es, ganze Konzerthallen in ein tosendes Meer aus Ekstase, Wahn und unbändiger Raserei zu stürzen. Wo andere Bands mit einem halben Dutzend Musikern aufwarten, brauchen die beiden Norddeutschen nur einander um ihren düsteren und brutalen Sound aufzufahren. Der bewegt sich irgendwo zwischen Doom, Punk Rock und Black Metal, erinnert phasenweise an ein uneheliches Kind von Motörhead und Darkthrone und überrollt das Publikum mit peitschenden Drums, schmutzigen Riffs und heiserem Geschrei. Gegen viertel nach neun betreten die beiden Musiker unter lautem Jubel die Bühne und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihr kometenhafter Aufstieg seit der Bandgründung 2013 absolut berechtigt ist. Während Hanno das letzte bisschen aus seiner Gitarre schreddert, drischt Drummer Erinç wie ein Berserker auf sein Schlagzeug ein. Von Beginn an tobt das Publikum zu den harten Klängen der Hanseaten, es wird gesprungen, geschrien, gemosht und gewütet. Mantar haut einen Kracher nach dem anderen raus. Neben altbekannten Kandidaten wie "Astral Kannibal" aus ihrem Debüt "Death by Burning" oder "Cross the Cross" aus ihrem aktuellen Album "Ode to the Flame", geben sie auch den titelgebenden Track aus ihrer am Vortag erschienenen EP "The Spell" zum Besten. Bei "Era Borealis" brüllt der Großteil der Zuhörerschaft den einprägsamen Refrain mit aller Kraft mit als gäbe kein Morgen. Nach einer knappen Stunde ist der Zauber vorbei. Dass das Backstage noch steht, grenzt an ein Wunder.

Mit Vollgas durch die Nacht

Noch teilweise benebelt von dem intensiven Set des norddeutschen Duos, stürzt sich die Menge schon in das nächste Live-Erlebnis. Denn mit 1000mods gastiert ein richtiges Party-Feuerwerk in der Halle. Die vierköpfige Stoner-Crew stammt nicht nur aus einem griechischen Dorf mit dem klanghaften Namen Chiliomodi, sie lassen mit ihrem groovigen Fuzz-Sound die Halle im wahrsten Sinne des Wortes erbeben. Bereits die ersten Takte des Openers "Above179" lösen einen unglaublichen Freudentaumel im Publikum aus um den eine Vielzahl namenhafterer Bands ihre griechischen Kollegen beneiden würden. Während die ersten Reihen ohne Rücksicht auf Verluste auf und ab springen, bildet sich dahinter ein ausgelassener Moshpit. Egal welchen Song 1000mods an diesen Abend anstimmt, jeder Festivalbesucher lässt sich von der kraftvollen Performance mitreißen, sei es die schwer stampfende, fast zehnminütige Hymne "Road to Burn" oder der virtuos nach vorne preschende Knaller "Claws". Den krönenden Abschluss macht "Super Van Vacation" vom gleichnamigen Debütalbum. Allerspätestens jetzt gibt es kein Halten mehr. Der Schweiß tropft von der Decke und sowohl vor als auch auf der Bühne entflammt das Gefühl feuriger Ekstase. Erst als die letzten verzerrten Riffs verklingen, bemerken die Anwesenden die Verausgabung der letzten Stunde. Die Griechen haben Vollgas gegeben und sich mit diesem Kraftakt definitiv in der Under the Black Moon-Historie verewigt. Für die ganz guten Freunde gibt es eben nicht den Ouzo, sondern eine gehörige Portion feinsten Stoner-Rock!

Der schwarze Mond scheint finster

Der Erschöpfung zum Trotz schleppt sich die Menge ein letztes Mal an diesem Abend ins Werk, schließlich wartet dort mit Electric Wizard der würdige Headliner des Festivals. Die Doom-Metal-Pioniere aus Dorset haben in der Szene schon beinahe Legendenstatus und so ist es wenig verwunderlich, dass die Konzerthalle brechend voll ist. Während Sänger und Gitarrist Jus Oborn mit dem düster-brummenden "Witchcult Today" die Doom-Messe eröffnet, flimmert hinter dem beeindruckenden Drum-Kit von Simon Poole eine okkult anmutende Video-Montage, die den schweren Sound der Engländer perfekt untermalt. Die dickflüssigen Riffs, das scheppernde Drumming und die schwerfällige Bassline verschmelzen zu einem schleppenden Sound, der die Masse zum tranceartigen Headbangen animiert. Der vergleichsweise rockig-fließende Klang von "Black Mass" hingegen bringt die Stimmung zum Kochen. "Satanic Rites of Drugula" verbreitet live eine schaurige und beinahe übernatürliche Stimmung, während "Dopethrone" vom gleichnamigen Album an atmosphärischer Dunkelheit kaum zu überbieten ist. Dass die Band neben ihrer Liebe zum Okkultismus auch den Cannabiskonsum besingt und diesem regelmäßig fröhnt, sollte auf solch einem Festival niemanden stören. Nach "Return Trip", "Incense of the Damned" und "The Chosen Few" folgt mit "Funeralopolis" zum Abschluss ein wahrhaftiger Klassiker des Genres. Als um halb eins nachts die spärliche Beleuchtung des Konzerts den Lichtern der Halle weichen muss, hat der Großteil das schwerfällige Set der Engländer noch nicht wirklich verdaut. Dennoch findet das Under the Black Moon 2017 mit Electric Wizard das bestmögliche Ende, das ein solcher Festivaltag haben kann.

von Jonas Erbas




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen