Dienstag, 18. April 2017

Memento vivere



Ich möchte dir heute von einer seltenen Krankheit erzählen.
Was wäre, wenn du eines Tages aufwachst und bemerkst, dass du langsam verschwindest? Nicht von einen Tag auf den anderen, nicht plötzlich, sondern du lebst dein normales Leben jeden Tag, ohne das es den Anschein hätte, etwas würde mit dir geschehen. Nein, meist kommt es dir vor, als würdest du dir das alles nur einbilden. Manchmal, da vergisst du es auch. Jedoch ist dir im Grunde bewusst, dass du irgendwann einfach nicht mehr da sein wirst. Du bist 20 Jahre alt.

Dann tauchen schließlich auch die ersten Symptome auf. Du bist meist müde und willst schlafen. Du hast oft keinen Hunger mehr. Du verbringst deine Zeit damit über das Leben nachzudenken, es zu zerdenken, bis die losen Scherben in deinem Kopf stecken. Du merkst, dass du krank bist.

Nach einer Weile gehst du zum Arzt. Dieser untersucht dich dann gründlich, macht alle möglichen medizinischen Tests mit dir. Gespannt wartest du auf die Diagnose, ach wenn du doch nur nicht so müde wärst. Nun sitzt er vor dir, der Mann im weißen Kittel, er spricht über allerlei medizinische Befunde. Du kannst nicht folgen. Dann spricht er von einer seltenen Krankheit namens PLATZHALTER, die unheilbar ist und immer tödlich verläuft. Du fragst ihn, wie lange dir noch bleibt. Er erzählt, dass dies nicht absehbar sei und dass der Tod jeden Moment eintreten könne. Von der Umwelt gehe eine große Gefahr aus. Er sagt, du sollst versuchen damit zurechtzukommen. Er gibt dir einige Broschüren für Selbsthilfegruppen und schickt dich Nachhause.

Du bist allein.
Du weißt nicht was du machen sollst, du bist so müde.

Die Zeit vergeht und du gehst kaum noch aus dem Haus. Den Kontakt zu deinen Freunden hast du abgebrochen und wenn sie dich doch mal herauslocken wollen, erfindest du Ausreden. Du darfst das, du bist schließlich krank.

Du hast Angst vor allem, das außerhalb deiner Mauern lauert. Die Außenwelt könnte deinen Zustand verschlechtern. Das würde jeder verstehen. Du führst ein Leben in einem gläsernen Käfig. Und dieses Leben führst du gut. Die Jahre ziehen vorbei und die Krankheit ist übermächtig. Du bist oft zu müde zum Schlafen. Sie bestimmt deinen Tag, deine Nacht und deine Träume. Nur selten sind die Momente, in denen du zurück denkst, zurück wie es war, als du noch nicht wusstest, dass du krank bist. Ein kleiner Funken Sehnsucht erwacht in dir. Aber du musst dich schützen, darfst nicht rausgehen, darfst nichts ändern, denn du bist nun mal krank.

Die Müdigkeit ist allgegenwärtig. Langsam wird es dunkel, sehr dunkel um dich. Du weißt, dass die Krankheit dich eingeholt hat, dass sie gesiegt hat. Heute ist also der Tag an dem du verschwindest. Du bist 85 Jahre alt geworden und hast dennoch kurz gelebt, du warst ja krank.

Nun was wäre, wenn ich dir sage, dass wir alle krank sind?

von Iris Wallnöfer  
Illustration: Ivette Schmidt 

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