Mittwoch, 26. April 2017

Wer zum Teufel bin ich?





Gestern wurde ich von der Versicherung, für die ich acht Jahre gearbeitet habe, gefeuert. Aber okay, ich sehe es als einen Neuanfang! Diese Arbeit hat mich schon ewig gelangweilt. Jetzt ist es an der Zeit für etwas Spannung in meinem Leben.

Heute habe ich ein Vorstellungsgespräch. Es ist ein cooles, junges Unternehmen am anderen Ende der Stadt. „Erzählen Sie uns etwas über sich“, fordert mich der Personaler auf. Er trägt einen etwas zu großen dunkelblauen Anzug und wirkt damit sehr einschüchternd. „Also…“, ich räuspere mich, „Ich bin ungefähr ein Meter sechzig groß, breit gebaut, habe irgendwie braun-graue Haare…“ „Ja, danke. Das können wir sehen“, unterbricht mich mein Gegenüber pikiert, während es die Mundwinkel zu einem verkrampften Lächeln hochzieht. „Unglaublich wie viel Kälte ein Lächeln ausdrücken kann“, denke ich. Er durchbohrt mich mit seinen zweifelnden Blicken, augenscheinlich fassungslos über meine Dummheit. Ich laufe knallrot an und schnaube mit der Nase, wie man es tut, wenn etwas lustig ist, aber nicht lustig genug, um richtig zu lachen. Oder eben, wenn etwas sehr, sehr peinlich ist. „Entschuldigung, ich bin etwas aus der Übung was solche Gespräche angeht, hatte wohl zu lange einen Job…“, versuche ich mich rauszureden. Meine Nervosität wird immer schlimmer. „Okay. Wir beginnen noch einmal von vorne. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wie würden Sie Ihre Persönlichkeit beschreiben?“ Wir starren uns sekundenlang in die Augen. Ich kann beobachten, wie sich die Augenbrauen des Anzugträgers aufeinander zubewegen, wobei sie in der Mitte immer tiefere Fältchen bilden, als würden zwei sehr kleine, sehr haarige Kontinentalplatten aufeinander zugleiten und bei der Kollision ein Faltengebirge zwischen sich aufbauen.
Darauf hatte ich einfach keine Antwort!“ Mit einem Schrei der Verzweiflung stürze ich durch die Hintertür meines Elternhauses und bleibe schwer atmend mitten im Wohnzimmer stehen. Ich brauche eine ganze Weile bis ich mich etwas beruhigt habe. Dann erzähle ich, hier und da von jähen Zornesausbrüchen unterbrochen, was passiert ist. Meine Mutter bleibt seelenruhig strickend auf dem schwarzen Wohnzimmersofa sitzen, völlig ungerührt von meinem dramatischen Auftritt. „Deine Persönlichkeit also. So schwer ist die Frage nun auch wieder nicht“, antwortet sie trocken. „Für mich ist sie das aber! Ich bin zweiunddreißig und weiß nicht, wer ich bin!“ Ich versuche ruhig zu atmen. „Okay. Mama. Wie würdest du meine Persönlichkeit beschreiben?“ „Du bist egoistisch“, schaltet sich da mein Vater ein, der mich und meine Aufregung, sicher hinter seiner Zeitung versteckt, bisher völlig ignoriert hatte. „Ich bin dein Sohn!“, empöre ich mich und spüre, wie der Zorn wieder in mir hochzukochen beginnt. Meine Mutter versucht einzulenken: „Blödsinn. Weißt du noch, wie er damals seiner Schwester sein ganzes restliches Taschengeld gegeben hat, damit sie sich ihren Roller kaufen konnte?“ Schwelgend in der Erinnerung wendet sie sich mit einem liebevollen Lächeln wieder mir zu. „Du bist großzügig!“ Gekonnt sehe ich über diese unpassende alte Lamelle hinweg und frage sie stattdessen: „Also bin ich egoistisch UND großzügig?“ „Du bist impulsiv!“, ruft mein Vater, als hätte er soeben ein neues physikalisches Gesetz entdeckt, das den Sinn des Lebens und die Entstehung des Universums zugleich erklärt. „Nein, er ist eher zurückhaltend.“ Meine Mutter muss eben immer das letzte Wort haben. „Er ist schüchtern. „Ach! Wenn er nicht ständig sagt was er denkt, platzt er doch!“ „Engstirnig!“ „Nein, er ist immer offen für Neues! Weißt du noch damals, als…“ Meine Eltern hören nicht auf, über meinen Kopf hinweg völlig widersprüchliche Eigenschaften aufzuzählen. „Hallo! Ich bin noch da!“, schreie ich genervt dazwischen. „Und er ist ein bisschen empfindlich“, murmelt meine Mutter. Sie fordert mich mit einem Winken auf, mich zu ihr aufs Sofa zu setzten. „Hast du den Job denn jetzt bekommen?“ „NEIN! Natürlich NICHT!“ Sie schaut mich an wie ein versehentlich überfahrenes Tier auf der Straße. Dann legt sie mir den Arm um die Schultern und tätschelt meine Hand. Mein Leben ist ein voller Erfolg.
Ich bin so froh, dass Sie mich das fragen!“, rufe ich etwas zu euphorisch mit einem künstlichen Lächeln im Gesicht. Eine weniger coole Firma, ein neues Vorstellungsgespräch und immer dieselbe Frage. „Meine Persönlichkeit. Darüber habe ich lange nachgedacht. Das Interessante ist…“ Ich mache eine gut einstudierte dramaturgische Kunstpause. „Ich bin ein Paradoxon!“ Vor mir sehe ich drei graue Anzüge mit je einem grauen Gesicht oben drauf und in jedem Gesicht einen völlig verständnislosen Ausdruck. „So ist es! Ich bin manchmal egoistisch, aber manchmal eben auch großzügig. Mal bin ich impulsiv, mal zurückhaltend. Engstirnig, aber auch weltoffen“, zähle ich auf. „Ich bin der personifizierte Gegensatz! Ein komplexes Netzwerk aus Charakteristika. Diese Eigenschaften scheinen zwar zusammen keinen Sinn zu machen, aber im Grunde definieren sie meine Einzigartigkeit!“ Und mit vor Selbstüberzeugung hochgezogener Augenbraue ende ich mit dem Satz, den ich mir in unzähligen schlaflosen Nächten Wort für Wort so zurechtgelegt habe: „Wenn Sie mich nehmen, bekommen Sie nicht irgendeinen angepassten Typen. Sie bekommen einen echten Menschen.“
Arschlöcher!“ Ich sitze mit meiner großen Schwester in einem überfüllten Café, mache meinem Ärger Luft und verhalte mich dabei so diskret wie der rosarote Panther bei seiner Mission im Tower von London. „Und da wunderst du dich, dass sie dich nicht nehmen?“ Meine Schwester lacht höhnisch auf. „Die wollen nicht die Wahrheit wissen! Deine innere Zerrissenheit interessiert die genauso wenig wie dein verkorkster Selbstfindungstrip. Erzähl denen was sie hören wollen!“ Verschwörerisch winkt sie mich näher zu sich heran und beginnt, mich mit gesenkter Stimme und gönnerhafter Miene in ihre Kunst der Selbstdarstellung einzuweihen.
Vier Tage später und ich sitze erneut zwischen zwei traurigen Zimmerpflanzen auf einem Polsterstuhl. Diesmal ist es ein bedrückendes Sechziger-Jahre-Büro in düsteren Brauntönen. Auf tristen Blechregalen türmen sich dicke Aktenordner bis unter die niedrige Decke. Der dicke Chef hat eng stehende Augen und eine riesige Kartoffelnase. „Warum glauben Sie, dass Sie der Richtige für uns sind?“, will er wissen. Ich bin kaum aufgeregt. Unglaublich an was man sich alles gewöhnen kann. „Ich liebe Versicherungen!“, beginne ich. „Ich bin ehrgeizig, sehr motiviert und aufgeregt angesichts der unglaublichen Modernisierungen, die uns in der unterschätzen Welt der Versicherungen bevorstehen.“ Erwartungsvoll blicke ich mein Gegenüber an. Es entsteht eine unangenehme Pause. Dann endlich meldet er sich zu Wort. „Wann können Sie anfangen?“
Und in diesem Augenblick erkenne ich endlich, wer ich wirklich bin. Ein verdammt guter Lügner.

von Sophie Vondung
Illustration: Ivette Schmidt

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