Mittwoch, 24. Mai 2017

InteGREATer – Ein Interview mit der Leiterin der Münchner Regionalgruppe: Merve Navruz






Das seit 2010 existierende Projekt InteGREATer hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland Mut zu machen, indem es ihnen ihre Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft aufzeigen. Die Mitglieder sind selbst Studierende mit Migrationshintergrund aus den verschiedensten Ländern – allein in München sind zehn verschiedene Nationen vertreten – und können den Jugendlichen so von ihren persönlichen Bildungsgeschichten berichten. Die InteGREATer-Mitarbeiter stellen sich insbesondere an Mittelschulen vor und lassen die Jugendlichen von ihren Erfahrungen profitieren, sowohl von den Erfolgserlebnissen, als auch von den Hürden und Hindernissen auf ihren unterschiedlichen Laufbahnen. Ziel ist es, die Jugendlichen zu motivieren, sie über verschiedene Bildungswege zu informieren und ihnen als Vorbild zu dienen. Merve Navruz ist eine 23-jährige Lehramtsstudentin und Leiterin der Münchner Regionalgruppe des Projekts. Sie ist ganz in ihrem Element, als sie mit Begeisterung und Expertise über InteGREATer und ihre ehrenamtliche Tätigkeit berichtet:

Campuszeitung: Wie läuft denn ein Besuch der InteGREATer-Mitglieder in einer Mittelschule genau ab?

Wir schreiben bewusst die Schulsozialarbeiter an, die dann entsprechende Klassen organisieren. Sinnvoll ist es für die siebte, achte, neunte und zehnte Klasse, davor macht es noch wenig Sinn. Eine Veranstaltung dauert circa anderthalb Stunden. Zunächst stellen wir den Verein und unsere ganz persönlichen Bildungsgeschichten vor. Wir sind immer drei bis vier InteGREATer in einer Klasse. Wir sitzen alle im Stuhlkreis und ein Vortrag dauert fünf Minuten. Das läuft aber sehr interaktiv ab, damit die Kiddies nicht einschlafen. Die Schüler können also jederzeit Fragen stellen und auch persönliche Erfahrungen mit uns teilen. Dann gibt es Kleingruppengespräche zu verschiedenen Themen, zum Beispiel zur Rolle der Eltern, oder wenn die Schüler besondere Interessen haben. Wenn drei InteGREATer dabei sind, studiert zum Beispiel einer Elektrotechnik, eine andere Kunst und ich Lehramt und die Schüler können sich zu den entsprechenden InteGREATern setzen. Unser Team ist nicht nur kulturell, sondern auch bezüglich der Studienrichtungen facettenreich. Danach kommen wir nochmal in diesen Sitzkreis, analysieren in einem Brainstorming, was Erfolg ist, und es gibt eine kurze Abschlussrunde.

CaZe: Was für Aufgaben gibt es bei InteGREATer noch neben den Schulbesuchen?

Wir gehen zum Beispiel auch auf Elternabende und stellen vor den Eltern unsere ganz persönlichen Geschichten vor. Außerdem wollen wir uns jetzt auch außerschulisch etablieren. Wir haben mit verschiedenen Bildungslokalen, Kulturzentren und Freizeitstätten in München organisiert, dass wir auch diese besuchen können und auch vor Schulleitern reden können. Jetzt haben wir eine Anfrage von der europäischen Schule. Es sind also auch ganz verschiedene Schulen: nicht nur Mittelschulen, sondern auch Schulen, wo Kinder aus gut situierten Familien kommen, die überhaupt keinen Bezug zu Migrantenkindern und deren Lebens- und Bildungswegen haben – hierbei findet Sensibilisierung für interkulturelle Unterschiede statt.

CaZe: Was für Feedback bekommt ihr während oder nach euren Schulbesuchen?

Das Feedback ist vor allem positiv, aber auch emotional. Wir bekommen es vor allem durch die Evaluationsbögen von den Kiddies und durch eine kurze Blitzlichtrunde am Schluss. Man merkt die positive Resonanz auch während den Gesprächen: Die Lehrer meinen zum Beispiel, die Schüler wären noch nie so ruhig gewesen und hätten so aufmerksam zugehört. Wichtig ist auch, dass die Geschlechter ausgeglichen sind. Meistens sind wir ein bis zwei weibliche und ein bis zwei männliche InteGREATer in einer Klasse. Das kommt bei den Schülern immer gut an, wenn zum Beispiel ein ausländisch aussehender Junge, praktisch einer von ihnen, dabei ist und so eine Identifikation entsteht. Die Jugendlichen finden es cool, wenn der InteGREATer eine ähnliche Geschichte, Herkunft und eventuell auch zu Beginn einen ähnlichen Bildungsverlauf hatte. Das motiviert die Schüler natürlich ungemein. Und von den Lehrern ist die Resonanz auch sehr hoch: Sie vernetzen sich auch schon untereinander und leiten das an andere Schulen weiter.


CaZe: Du hast schon erzählt, wer bei euch mitmacht, hat auch einen Migrationshintergrund. Wie ist da das Verhältnis: Sind meist die Eltern immigriert oder die Studierenden selbst? Oder ganz gemischt?

Ganz, ganz gemischt. Ich bin zum Beispiel hier geboren, habe aber die ersten sechs Jahre in der Türkei verbracht. So eine Geschichte haben die meisten von uns, aber wir haben zum Beispiel auch syrische Kommilitonen, die sind erst seit fünf Jahren hier, aber haben ein unglaublich gutes Studium mit einem Einserschnitt hingelegt. Also ganz unterschiedlich, sowohl kulturell als auch sozial.

CaZe: Wie viele Leute sind denn im Moment im Münchener Team?

Im Moment sind wir 20 wirklich aktive InteGREATer. Wir haben Studierende aus Bosnien, Syrien, Russland, dem Kososvo, der Türkei – das sind im Moment die ersten, die mir einfallen, aber es sind eben über zehn verschiedene Nationen. Das macht auch uns sehr viel Spaß. Auch ich lerne so viel von meinen Kommilitonen und den anderen Kulturen.

CaZe: Und wie bist du dazugekommen, wie hast du von dem Projekt erfahren?

Mein Ziel ist es, als Lehrerin türkischer Herkunft Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ein Vorbild zu sein und eine gewisse Vertrauensbasis zu ihnen aufzubauen. Ich gehe davon aus, dass Lehrer mit Migrationshintergrund dazu in der Lage sind, vermeintlich benachteiligte Schüler zu einer Ausbildung oder sogar zu einem Studium zu motivieren. Ich finde, junge Lehrer mit Migrationshintergrund stellen einen wichtigen Baustein für eine gelungene Integration dar. Daher habe ich schon an verschiedensten Bildungsprojekten mitgewirkt. InteGREATer ist allerdings ein Herzensprojekt.

CaZe: Seit wann leitest du dann das Münchner Team?

Ich bin seit einem Jahr in dem Team und die Leitung habe ich im November 2016 übernommen.

CaZe: Was sind deine Aufgaben? Und wie viel Zeit investierst du circa? Ich weiß, das ist immer schwer zu sagen...

Ja genau! Das kann man pauschal gar nicht sagen, sehr unterschiedlich. Jetzt hatten wir zwei Wochen Osterferien. Da habe ich verschiedene Bildungslokale besucht, um mögliche Kooperationen im Sommer zu besprechen, oder eure Studentenzeitung angeschrieben und auch die Stiftung München – hauptsächlich repräsentative Aufgaben. Die Münchener Regionalgruppe existiert seit 2015 und soll nun mehr Bekanntheit erlangen. Neben den Schulveranstaltungen findet auch einmal im Monat ein Regionalmeeting statt, das ich für unser Team organisiere. Dort besprechen wir bevorstehende Veranstaltungen, aber evaluieren auch die bisherigen.

CaZe: Würde dir spontan das schönste oder ein besonders schönes Erlebnis bei InteGREATer einfallen?

Ach, es gibt immer wieder tolle Momente! Vor allem bei den Schulveranstaltungen. Man sieht einfach das Leuchten in den Augen der Schüler. Wenn der Lehrer sagt, dass die Schüler noch nie so ruhig waren, ist das natürlich schön. Und auch wenn die Kiddies sagen „Das sollten wir öfter machen!“ und bei der Blitzlichtrunde am Ende Sätze fallen wie „Es gibt also noch mehr Menschen, die zeigen, dass man sein Ziel erreichen kann, wenn man daran glaubt“, dann fühlen wir uns auch in unserer Arbeit bestätigt. Vor allem weil das von 13 bis 15-jährigen Schülern kommt und dann eben authentisch ist.

CaZe: Hast du schon mal etwas Trauriges erlebt seit du bei InteGREATer dabei bist?

Gott sei Dank noch nichts wirklich trauriges, aber es ist so, dass die Schüler in den Kleingruppengesprächen sehr offen sind. Sie erzählen auch teilweise von Schicksalsschlägen oder Hürden auf ihren bisherigen Lebenswegen. Aber das freut mich natürlich auch, weil sie uns InteGREATern vertrauen und die Courage haben, uns davon zu erzählen.

CaZe: Wie wird das Projekt finanziert? Ich habe bei euch auf der Website einen Spendenaufruf gesehen.

Genau, wir werden über Spenden finanziert und vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, weil das Projekt in Frankfurt gegründet wurde, und vor allem von privaten Förderern.

CaZe: Da ihr alle auf ehrenamtlicher Basis arbeitet, wird ja vermutlich auch gar nicht extrem viel Geld benötigt, denn die Schulbesuche an sich sind kostenlos. Das ist natürlich ein großer Vorteil des Projekts.

Genau!

CaZe: Wie sehen denn die Pläne für die Zukunft aus?

Die Schulveranstaltungen sind und bleiben natürlich der Kern unserer Arbeit. Der Erfolg einer Veranstaltung ist nicht unmittelbar messbar. Wenn wir aber die Schüler und auch die Eltern auf Elternabenden mit unseren Geschichten für das Bildungsbewusstsein sensibilisieren können, ist schon viel erreicht. Wir wollen uns nun auch außerschulisch etablieren und mit Bildungslokalen, Freizeitstätten und Kulturzentren zusammenarbeiten. Außerdem wollen wir am Ende des Schuljahres interkulturelle Workshops an Schulen anbieten. Diese sollen auf Themen basieren wie „Motivation“, „Leben zwischen zwei Kulturen“, „Bildung“ und „Herkunft“.

CaZe: Weißt du zufällig, wie es damals bei der Gründung zu dem Namen InteGREATer gekommen ist?

Der Begriff Integration ist in den Medien und der Gesellschaft meistens negativ konnotiert. Wir wollen das verhindern, indem wir die positive Seite der Integration beleuchten, wofür das großgeschriebene GREAT steht. Wir wollen die positiven Bildungsgeschichten erläutern und in den Schulen vorstellen.

CaZe: Gibt es noch etwas, das du unbedingt gerne über das Projekt loswerden möchtest?

Wir sind natürlich ständig auf der Suche nach interessanten Persönlichkeiten mit Migrationshintergrund. Das können Studierende sein, aber auch bereits Berufstätige, die ihre Geschichten präsentieren wollen. Besonders „exotische“ Studienrichtungen wie Kunst, Photographie, Theater oder Sport kommen in den Schulveranstaltungen gut an.

CaZe: Also seid ihr noch fleißig auf der Suche nach neuen Studierenden, die mitmachen möchten?

Auf jeden Fall!


von Magdalena Specht

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