Mittwoch, 31. Mai 2017

Was bringt das Beten wirklich?





Beten bildet die Basis des religiösen Lebens vieler Menschen. Eine Frage bleibt offen: Hört mein Gott mir überhaupt zu? Als Psychologe stelle ich mir eine andere Frage: Was bringt es mir zu beten, falls niemand zuhört? Meine Hypothese: Erstaunlich viel, wenn ich’s richtig mache.

Viele Gebetsformen sind psychologisch durchaus sinnvoll. Allen voran eine: Der Dank. Ich sage einfach mal danke – und erkenne, dass das Leben schön ist. Ich führe mir vor Augen, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich weiß es zu schätzen. Dank ist Bescheidenheit. Dank ist Optimismus. Dank ist Zufriedenheit.

Ebenso wichtig ist das Bitten. Ich brauche natürlich nicht zu erflehen, dass ich im Lotto gewinne oder meine Katze wiederaufersteht. Genauso wenig bringt es mir, nach dem Motto „Bring‘ du das in Ordnung“, meine eigene Verantwortung an Gott abzugeben. Beim Beten sollte es darum gehen, Ziele greifbarer zu machen. Ich habe den Plan, eine gute Leistung zu erbringen. Was mir fehlt: Durchhaltevermögen, Zuversicht, Enthusiasmus. Ich bitte Gott, dass er mir beisteht. Ob er nun da ist, oder nicht, habe ich die Kraft, mein Bestes zu geben.

Ein bedeutender Bestandteil des Gebets ist das Rezitieren und Wiederholen. Was stupide klingt, ist im Grunde das reinste Mentaltraining! Sätze, die wir uns immer wieder vorsagen, verinnerlichen wir. Sie werden zu unseren Überzeugungen. Überlege dir gut, was du betest. Wiederhole morgens und abends 20 Mal „Ich schaffe alles, denn Gott hat mich perfekt geschaffen“, und in ein paar Monaten kennst du keine Selbstzweifel mehr.

Besonders in der Gemeinschaft sei das Gebet eine Bereicherung. Auch diese Aussage macht Sinn. Zugehörigkeit und soziale Unterstützung sind zwei der wichtigsten Faktoren für ein zufriedenes Leben. Sich auf einer spirituellen Ebene zu begegnen, kann eine ideale Basis von Vertrauen und Verständnis sein. Das Gefühl: Wir sitzen in einem Boot.

Offen ist bis dahin: Warum bete ich überhaupt zu einer Person? Warum will ich ein Gegenüber? Ob ich an Gott glaube oder nicht: Das Konzept eines Kommunikationspartners im Gebet macht Sinn. Ich rede nicht nur mit mir selber - Ich habe jemand, der mir zuhört. Meine Worte bekommen Bedeutung. Mein Gebet hat emotional Tiefe. Ich stelle mir vor, ich bin mit jemandem einen Deal eingegangen - ein Commitment, regelmäßig zu beten. Damit ist es wahrscheinlicher, dass ich mir diese Zeit nehme. Ich stelle mir Gott als persönlichen Mentor vor.

Du musst natürlich schauen, ob das für dich Sinn macht, so ein Gott als Person. Wenn ja, dann kann diese Vorstellung alleine dein Leben bereichern. Vor allem unter folgenden Voraussetzungen: Gott ist verständnisvoll und gütig, er respektiert deine Autonomie und Eigenverantwortung, er begegnet dir auf Augenhöhe.

Auf diesen fünf Pfeilern kann das Gebet eine mächtige psychologische Grundlage sein für ein Leben in einer unüberschaubaren Welt, wie der unseren.

von Johannes Stark
Illustration: Ivette Schmidt

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