Mittwoch, 14. Juni 2017

Musik Review: Fleet Foxes - Crack-Up


Was tut man, wenn man in den frühen Zwanzigern ist und mit seiner Band, mit gerade einmal zwei Alben ein Genre wiederbelebt hat? Robin Pecknold, Frontmann der Fleet Foxes hat diese Frage in eine Sinnkrise gestürzt.

Nachdem die Band 2008 ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlicht hatte, wurde schnell klar, dass sie mit ihrem klassischem Folk-Sound einen Nerv getroffen haben. Indie-Folk oder auch Freak-Folk war das neue Ding und plötzlich gab es unzählige Projekte, die auf den Zug aufspringen wollten. Dabei ist sehr viel gute und natürlich auch weniger gute Musik herausgekommen. Letztere hat es in Form von Bands wie Mumford & Sons oder den Lumineers sogar ins Mainstream-Radio geschafft. Die Bewegung war da - und die Fleet Foxes waren das Epizentrum. Nachdem 2011 dann die zweite LP Helplessness Blues erschienen ist, wurde es still um die Fleet Foxes. Einzig Drummer Josh Tillman, der die Band nach der letzten Tour verlassen hat, machte als die Karikatur Father John Misty das Internet unsicher. Von Pecknold erfuhr man nach drei Jahren nur, dass er das College nachhole und dass an neuer Musik schon gearbeitet würde - allerdings hat es weitere drei Jahre gebraucht, bevor die Welt endlich Crack-Up, das dritte Fleet Foxes Album, hören durfte und so abgedroschen diese Phrase auch klingt - das Warten hat sich tatsächlich gelohnt.

Pecknold hat in New York Musik und Literatur studiert und auch wenn dieses Studium letztendlich nicht die Fragen seiner Sinnsuche beantworten konnte, so merkt man dem neuen Album durchaus an, dass er etwas dabei gelernt hat. Angefangen mit dem offensichtlichen Literatureinschlag: Crack-Up ist nach einem gleichnamigen Essay von F. Scott Fitzgerald betitelt und beschäftigt sich auch textlich mit den darin enthaltenen Themen. Sogar Spuren des Beowulf-Epos sind beim Song Mearcstapa anzutreffen, denn mearcstapa ist eine altenglische Bezeichnung für eine Art Schwellenwesen, in diesem Fall das Ungeheuer Grendel. Zugegeben, das mag für den ein oder anderen ein wenig prätentiös klingen, aber man braucht sicher kein abgeschlossenes Literaturstudium, um etwas von den Lyrics auf Crack-Up zu haben.

Auch musikalisch scheint Pecknold einiges dazugelernt zu haben. Seien es zarte Miniaturen auf dem Klavier, die einen ansonsten bloß von einer Akustikgitarre begleiteten Song verzieren oder seien es imposant orchestrierte Höhepunkte, die in Sachen Schönheit kaum noch zu überbieten sind, es ist einfach erfrischend ein klanglich so aufregendes und abwechslungsreiches Album zu hören, dass zum größten Teil von akustischen Instrumenten getragen wird. Schon die beiden Vorgängeralben haben in dieser Hinsicht einiges vorgelegt, im Vergleich zum detailverliebten Crack-Up wirkt deren Instrumentierung jedoch geradezu schlicht. Ein bisschen Elektronik hat sich auf dem neuen Album tatsächlich auch noch eingeschlichen - ein Novum für die Fleet Foxes. So ist auf dem Song Cassius, - (Die Interpunktion gehört zum Titel) ein analoger Synthesizer zu hören, der Song "Mearcstapa" beginnt mit einer Stimme, die digital verfremdet klingt und immer wieder stößt man auch auf Samples von Hintergrundgeräuschen. Das sind im Grunde nur Kleinigkeiten, aber der Effekt ist nicht zu unterschätzen: Es fühlt sich modern an. Obwohl Indie-Folk es leicht schaffen kann, in eine Nostalgie-Schublade gesteckt zu werden, klingt Crack-Up trotz vieler Anleihen nie wie ein Album, das auch in den 70ern hätte aufgenommen werden können.

Die LP ist mit 55 Minuten Spielzeit nicht gerade kurz, die Länge merkt man jedoch durch die Struktur der Songs kaum. Man bekommt den Eindruck, dass es sich um eine perfekt abgestimmte Aneinanderreihung untersschiedlichster Elemente handelt. Diese Elemente füllen manchmal einen einzelnen Song (If You Need To, Keep Time On Me; Fool's Errand) oder werden zu monumentalen Suiten zusammengefasst (I Am All That I Need / Arroyo Seco / Thumbprint Scar). Im Ganzen hat man bei Crack-Up das (bei diesem Titel höchstwahrscheinlich beabsichtigte) Gefühl von etwas Zerbrochenem, das wieder neu zusammengesetzt wurde.

Die Erwartungen, die nach zwei prägenden Alben und sechs Jahren Wartezeit sowohl von Fans als auch von Kritikern an diese Platte gestellt werden, sind verständlicherweise riesig. Aber Crack-Up ist ein wunderbar ambitioniertes und gelungenes Album geworden, welches tatsächlich noch ein richtiges Ereignis im Indie-Kosmos darstellt und diese ganze Aufmerksamkeit hat es sich redlich verdient. 

Von Bruno Wolf 

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