Montag, 10. Juli 2017

Pizza Stück - In drei Tischen



Tisch 1, Funghi und Prosciutto

Hasst du das nicht auch?“
Was hab ich?“
Ob du das nicht auch hasst. Hasst. Wie Hassen.“
Was hassen?“
Was der da drüben macht.“
Was macht der denn?“
Er isst die Ränder von seiner Pizza nicht. Der mit der Pizza Hawaii.“
Na und?“
Na, ich denke, wenn du neun Euro für eine Pizza hinlegst, solltest du sie auch aufessen. Gerade wenn du dabei eh schon die Pizzabäckerehre unserer Vorfahren verrätst und unsere Gastgeber zwingst, ihre Pizza mit Ananas zu ruinieren. Der Rand, das sind zwanzig Prozent deiner Pizza, zwanzig gute Prozent Lebensmittel werden einfach weggeschmissen, während unsere Obdachlosen verhungern. Einen Euro achtzig lässt du jedes Mal dem Teufel als Anteil, ganz zu schweigen vom Staat, dem du die Umsatzsteuer einfach so in den Rachen schmeißt. Der verbrennt sein Geld, unser Geld, und das ohne Scham und in aller Öffentlichkeit. Wer so was macht, der hat mit respektvollem Umgang ungefähr so viel am Hut wie dieses furchtbare kanadische Kunstprodukt mit Hawaii, der ist für mich asozial.“
Vielleicht macht er das ja aus Diätgründen. So ein dicker Rand hat die meisten Kohlenhydrate.“
Aus Diätgründen? Diätgründen? Wir hocken hier und essen Pizza. Pizza! Zweihundertfünfzig Kilokalorien pro hundert Gramm! Triefendes, tropfendes Fett, belegt, auf mehr Fett. Und wir finden's großartig. Zurecht! Aber komm mir nicht mit Diäten. Schau', seine Begleitung: trinkt Coca-Cola Zero. Er ein alkoholfreies Weißbier, was ist das? Verleiben sich eine Jumbo-Pizza ein, fressen und fressen, danach wahrscheinlich noch Nachspeise, warum nicht, aber die Cola Zero soll das Gewissen beruhigen. 'Ich achte auf meine Ernährung.' Heuchler! Entweder du isst schön deinen glutenfreien, veganen Salat mit deinem Glas Eiweißshake. ODER du kommst zu Luigi und bestellst Pizza und Bier. Aber wie der da sitzt und den Rand wegfieselt, das macht mich krank. Hasst du das nicht auch?“
Du, ich find's ja gut, dass du mir hier keine falsche Persönlichkeit vorspielst, aber ich glaube, das wird nichts. Belassen wir's lieber dabei. Danke für die Pizza.“

Tisch 2, Hawaii und Vegetale

Entschuldige, Schatzerl, ich hab's gleich. Ich mag den Rand einfach nicht.“
Ich weiß. Du musst mir das nicht jedes Mal sagen.“
Weißt du noch? Als wir das erste Mal hier waren, hatten wir das gleiche: Du Vegetale, ich Hawaii.“
Ich weiß.“
Und ich weiß noch genau, wie wir hier saßen, vierundzwanzigster August Zweitausendzwölf und du mir gesagt hast, du hast dich ein bisschen in mich verliebt. Und ich war so unglaublich glücklich danach, ich hätte das nie für möglich gehalten, hab alle meine Freunde angerufen. Und dann waren wir bei mir in meiner alten Wohnung, Unterer Anger siebzehn. Weißt du noch, mit dem schrecklichen Mitbewohner, der jeden Tag gestaubsaugt hat, und als du weg warst, hat mein Bett noch tagelang nach dir gerochen. Der beste Sommer aller Zeiten war das.“
Wow, ist ja toll, dass meine Pizza so positiv besetzt ist.“
Klar ist sie das!“
Ich finde 'Weißt du noch'-Gespräche sind die einfallsloseste Art, wie sich zwei Menschen miteinander unterhalten können. Der Philipp Lahm der Konversation. Langweilig, langweilig, langweilig.“
Na schön, aber erinnerst du dich, wie wir hier mal um vier Uhr nachts völlig besoffen bei Luigi sturmgeklingelt haben, weil wir unbedingt noch seine Pizza wollten? Und er uns in Boxer-Shorts noch eine Margherita gebacken hat, während du auf die Straße gereiert hast? Wie wir ihm als Entschädigung all unser Geld dalassen wollten, aber beide komplett pleite waren? Und wir dann aus Angst vor den Mafia-Kontakten, auf die er immer anspielt, weggerannt sind – ohne die Pizza?“
Ich finde, wir sollten uns trennen.“


Tisch 3, Salami und Salami

Siehst du den Mann da drüben? Auf zwei Uhr?“
Der weint ja! Der Arme.“
Vielleicht weil er alkoholfreies Weißbier trinken muss.“
Du kannst erkennen, dass das alkoholfrei ist?“
Du, wenn du so viel Bier gesehen hast in deinem Leben wie ich, dann siehst du den Unterschied. Oder spürst ihn: das ist jedenfalls ein alkoholfreies.“
Und woher habt Ihr diese Gabe, Master Luke?“
Mein Vater war Alkoholiker.“
Oh, das tut mir leid.“
Muss es nicht. Ist schon ewig her, dass er sich zu Tode gesoffen hat. Bier hat's irgendwann nicht mehr getan, da musste Stärkeres her. So hat er es doch noch zum Weltrum gebracht, hat er immer gesagt. Warum gerade immer Rum, das hab ich nie verstanden. Vielleicht wirklich nur weil er das Wortspiel so mochte.“
Ich hatte immer eine Devise im Leben: nie so zu werden wie mein Vater. Ein besseres Negativbeispiel hätte mir keiner geben können.“
Das dachte ich auch. Und jetzt schau mich an. Sitze hier und saufe schon mein drittes Bier zum auch nicht gerade gesündesten Essen, das man hier so kriegen kann.“
Übrigens, wenn du deinen Rand nicht essen willst: Ich würd' ihn nehmen.“
Aber erst lass mich mit dir rumknutschen.“

von Thomas Empl
Illustration: Ivette Schmidt 






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