Montag, 21. August 2017

„Wir bringen Leute zusammen, die sich gar nicht so unähnlich sind“

 
Ein Interview mit Teresa Bertram, Mitgründerin von MindLinks





Die wöchentlichen Treffen von MindLinks finden im Institut für Soziologie der LMU statt. Die Konradstraße 6 ist ein schönes Haus, ein altes Haus. Es gibt einen sehr grünen Innenhof. Das dunkle Holz der Treppenstufen ächzt angestrengt, wenn man im Treppenhaus hinaufsteigt. Der Seminarraum, in dem sich alle treffen, hat Stuck an der Decke – aber auch eine Tafel und die typischen Uni-Seminarraumtische. Immer montags um 18 Uhr findet hier die „Sprich mit! Gemeinsam Deutsch lernen“-Konversationsrunde statt. Es kommen Deutsch-Muttersprachler und Deutsch-Lernende zusammen, um – genau: Deutsch zu sprechen. Alle Sprachlevel sind willkommen, und ganz verschiedene Nationen sind vertreten: Syrien, Türkei, China, Russland. Man unterhält sich ungezwungen über verschiedene Themen, in kleinen Gruppen oder Paaren. Alle sind entspannt, lachen, erzählen Geschichten.

Viele bleiben danach noch zum Discussion Seminar, in dem in trauter Runde von etwa 15 Leuten auf Englisch gesellschaftlich relevante Themen besprochen und diskutiert werden. Diese Woche geht es um den G20-Gipfel in Hamburg und um die eskalierte Gewalt bei den Protesten. Eine der Diskussionsfragen: „Wie wäre die Polizei in deinem Land mit solchen Demonstrationen umgegangen?“ Die drei Syrer im Raum werfen sich Blicke zu und lachen auf, ironisch-bitter. Jemand erzählt von den Protesten im Gezi-Park in Istanbul. Im Allgemeinen ist die Atmosphäre aber locker. Zwischen den Veranstaltungen isst man Kekse und trinkt Saft aus Findet-Nemo-Bechern, unterhält sich übers Studium oder über sonst irgendwas. Viel Gelächter. In etwa die Hälfte der Anwesenden sind deutsche Studenten, die andere Hälfte Geflüchtete. Die Sprache wechselt zwischen Deutsch und Englisch.

MindLinks ist eine von Studenten gegründete Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund oder Interesse und deutsche Studierende zusammenzubringen. Die grundlegende Idee: auf Augenhöhe, auf einer Ebene. Es geht nicht darum, dass die eine Gruppe der anderen etwas beibringen oder beim Zurechtfinden im neuen Land helfen soll. Es geht um ein Zusammensein völlig jenseits dieser Gruppenzugehörigkeiten „deutsch“ und „geflüchtet“. Hier kommen Menschen zusammen, die einen ähnlichen Hintergrund haben und ähnliche Studienrichtungen, Hobbies und Interessen teilen, in ähnlichem Alter und ähnlichen Lebenssituationen sind. Gegründet wurde MindLinks 2016 von Mallissa Watts, Mahmoud Bahaa und Teresa Bertram. Mittlerweile wird sie von Münchner Studenten und Flüchtlingen zusammen geleitet und organisiert. Teresa Betram hat mit uns über die Bedeutung, Arbeit und Probleme ihrer Initiative gesprochen. Über kulturelle Differenzen, über Arbeit im Team und Gruppendynamik. Und darüber, dass es viele Probleme, an die man so denkt, eigentlich gar nicht gibt.

Teresa – ihr habt die Initiative 2016 erst selbst gegründet. Die ursprüngliche Idee war, die Kluft zwischen Studenten aus Deutschland und Flüchtlingen in ähnlichem Alter und mit ähnlichem akademischem Hintergrund zu überwinden. Wie kam es zur Gründung?

Eigentlich ist unsere Initiative schon ein bisschen älter. Gegen Ende 2015 haben wir uns als Ableger des Frankfurter Vereins „Academic Experience Worldwide“ gegründet, der grundlegend denselben Ansatz hat wie MindLinks heute. Mit der Zeit haben wir uns inhaltlich jedoch etwas anders entwickelt und auch gemerkt, wie wichtig ein lokales Netzwerk in der Aufbauphase ist. Ende 2016 haben wir uns deshalb als MindLinks von aeWorldwide gelöst und sind Commit, einem Münchner Verein, beigetreten, um trotzdem eine Vereinsstruktur und eine lokale Gemeinschaft zur Verfügung zu haben. Die grundlegende Idee, Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Beheimateten und Geflüchteten zu schaffen, haben wir beibehalten. Andere Dinge sind neu dazugekommen, wie zum Beispiel die „Sprich mit!“-Deutschstunde. Diese Konversationsrunde widerspricht zwar eigentlich dem Gedanken, dass sich Geflüchtete und Studenten auf Augenhöhe begegnen sollen, denn da gibt es ja wieder ein Lernen und ein Beibringen. Ein Angebot zum Deutschlernen haben sich aber viele unserer Mitglieder gewünscht, und dem wollten wir natürlich entsprechen. Wir verfolgen also einen etwas pragmatischeren Ansatz. Das Ideal der Begegnung auf Augenhöhe, auf einer Ebene, ist das eine, aber die verschiedenen Ressourcen unserer Mitglieder sind halt da, und denen wollen wir auch entsprechend begegnen.


Ihr seid noch eine recht junge Organisation. Was waren am Anfang die größten Schwierigkeiten, auf die ihr gestoßen seid? Und wie geht es seitdem voran?

Angefangen haben wir mit den Diskussionsseminaren, die sind auch heute noch Kern unserer Initiative. Am Anfang war es vor allem schwer, Leute zu finden, die teilnehmen wollen – zum ersten Seminar kam zum Beispiel gar keiner. Ich weiß noch, dass Mallissa tatsächlich selber in die Flüchtlingsheime und Camps gegangen ist, um mit Geflüchteten zu sprechen und ein paar zum Mitmachen zu animieren. Dann kamen schließlich einige, aber es war schwierig, die Teilnehmer zur aktiven Mitgestaltung der Seminare zu motivieren – also zum Beispiel auch selber mal einen Vortrag zu halten. Irgendwann hat sich dann aber eine eigene Dynamik entwickelt, wir bekamen reguläre Mitglieder, die zum festen Kern der Gruppe wurden. Das waren vor allem diese typischen Networking-Menschen mit entsprechend extrovertierter, offener Persönlichkeit, die sie mitgebracht haben und damit ganz entschieden das Klima und die Dynamik der Gruppe prägen konnten.

Von da an wurde das Ganze ein Selbstläufer. Vor allem der soziale Aspekt hält die Gruppe zusammen, viele kommen her, um ihre Freunde zu treffen. Natürlich ist aber auch das akademische Interesse an den Themen, die wir diskutieren, immer noch wichtig. Interessanterweise haben wir seit einiger Zeit auch ungefähr ein Drittel internationale Teilnehmer, Nicht-Deutsch-Muttersprachler ohne Fluchthintergrund, die regelmäßig zu unseren Veranstaltungen kommen. Im Laufe der Zeit ist unser Organisationsteam auch größer geworden. Am Anfang haben Mahmoud, Mallissa und ich noch alles selber auf die Beine gestellt, aber mittlerweile haben wir Teams gebildet, zum Beispiel für PR, für die Deutschstunde, die Organisation der Seminare… Seitdem läuft alles etwas geplanter ab. Besonders froh bin ich, dass wir auch viele Flüchtlinge zur Mitarbeit in den Organisationsteams motivieren konnten und dass viele Geflüchtete auch von selbst auf uns zukamen und mithelfen wollten.


Euer Programm baut auf eine Kombination aus verschiedenen Komponenten: der „Sprich mit“-Deutschstunde, den Diskussionsseminaren über verschiedene Themen, einem Peer Partner Programm, Projekten und Socialising Events. Wie laufen die verschiedenen Angebote?

Die Seminare sind ganz klar der „Kern der Gruppe“, in denen alle regulären Mitglieder zusammenkommen. Lange hatten wir da einige Stolpersteine, alles war etwas unorganisiert, aber mittlerweile wird das System immer stabiler und die Organisation immer besser. Wir legen auch sehr viel Wert auf die sozialen Events, die wir regelmäßig veranstalten, wie Picknicks an der Isar oder gemeinsame Abendessen. Das ist natürlich schön, um Freundschaften zu schließen und für die Gruppendynamik, aber auch für die Seminare finde ich das sehr wichtig. Bei den sozialen Events entsteht ein gewisses Vertrauen in der Gruppe, das essentiell notwendig ist, wenn man über sensible Themen diskutieren möchte.
Ein anderes Thema sind die Projekte, die wir auch im Rahmen von MindLinks fördern wollen. Das ist ein bisschen schwieriger. Die Idee dahinter ist, dass jeder, der eine Idee hat und sie umsetzen möchte, die Ressourcen dafür bekommen soll, um etwas eigenes zu kreieren. Unser Fotoblog Occlusions ist ein Beispiel dafür. Wir sind sehr offen, was Ideen für Projekte angeht. Kürzlich kam der Gedanke auf, eventuell etwas mit Programmieren zu machen oder sogar Hardware selber herzustellen – in der Theorie klingt das toll, aber das ist sehr schwer umsetzbar. Natürlich muss erst mal jemand die Zeit und Motivation mitbringen, sowas zu machen.


Wie ist das Klima bei euren Gruppenveranstaltungen? Gibt es manchmal Probleme?

Grundsätzlich gehen hier alle sehr respektvoll miteinander um. Die Leute, die zu solchen Initiativen wie unserer kommen, sind alle einfach so. Vor allem in den Seminaren gibt es natürlich schon manchmal unterschiedliche Meinungen, die kollidieren, vor allem bei politischen Themen. Die sprachliche Hürde spielt auch noch mit rein, man missversteht sich viel leichter. Wir diskutieren schon über sensible Themen, aber das ist nie eskaliert. Vor allem, weil auch jeder die Chance hat, sich zurückzuziehen und einfach mal nichts zu sagen. Wir achten bei der Auswahl der Themen auch auf die Gegebenheiten der Gruppe – nicht in dem Sinne, dass wir vorsichtig sind und sensible Themen dann gar nicht diskutieren, aber indem wir sie im Hinterkopf behalten.



Das Projekt hat sich ja anscheinend sehr positiv entwickelt. Welches Feedback erhaltet ihr von den Teilnehmern der „Deutschstunde“, der Diskussionsrunde und Co?

Wir haben noch keine formelle Evaluation oder sowas durchgeführt, auch wenn wir da Pläne im Hinterkopf haben zurzeit. Aber wir bekommen auf jeden Fall informelles Feedback von den Mitgliedern – gerade auch, weil viele Mitglieder in die verschiedenen Organisationsteams eingestiegen sind. Die Gruppe organisiert sich dadurch quasi selbst und kann das Feedback direkt bei der Planung der nächsten Events mit einbringen. Grundsätzlich haben viele den Wunsch geäußert, mehr praktische, nicht-akademische Themen in den Seminaren zu diskutieren. Auch hätten einige gerne Zertifikate für ihre Teilnahme an den MindLinks-Events oder für ihre Mitarbeit im Team. Daran arbeiten wir gerade in Zusammenarbeit mit der LMU und dem DAAD. Viele Geflüchtete hätten sowas gerne, um bei ihrer Bewerbung fürs Studium oder ähnliches zeigen zu können, dass sie sich in Deutschland zum Beispiel während des noch laufenden Asylverfahrens schon engagiert haben. Wir geben uns viel Mühe, das mit offiziellen Zertifikaten zu unterstützen. Ich finde es persönlich toll, dass sich so viele Geflüchtete hier engagieren, obwohl sie so schon so viele andere Probleme haben.

Wie erfahren Flüchtlinge, Studenten oder andere Interessierte in der Regel von eurem Projekt? Arbeitet ihr zu Werbezwecken zum Beispiel mit anderen Flüchtlingsorganisationen in München zusammen?

Die meisten werden mündlich von unseren Mitgliedern angeworben. Manche bringen Freunde mit, die sie zum Beispiel aus dem Flüchtlingsheim kennen und die in die Gruppe passen würden. Das hat sich tatsächlich als am produktivsten herausgestellt. Natürlich sind wir auch auf diversen Veranstaltungen präsent, haben zum Beispiel einen Stand am „Tag der Initiativen“ der TUM, und posten auch unsere Veranstaltungen gezielt in verschiedenen Facebook-Gruppen. Selten gehen wir auch mal in Vorlesungen oder Einführungsveranstaltungen, um uns vorzustellen. Aber allgemein ist der direkte, persönliche Weg der erfolgreichste. Wir sind derzeit immer so ca. 17 Leute pro Woche, das ist eine gute Zahl, denke ich. Natürlich freuen wir uns immer über neue Leute, das bringt wieder frischen Wind.


Ihr arbeitet eng mit der non-profit-organization Commit zusammen, werdet aber auch zum Beispiel von der LMU und vom DAAD unterstützt. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden? Und wie genau sieht sie aus?

Die Zusammenarbeit mit der LMU ist tatsächlich über eine Studentin entstanden, die Prof. Dr. Paula-Irene Villa (Soziologie) kennt und den Kontakt hergestellt hat. Prof. Villa hat uns vor allem die Räumlichkeiten hier im Institut für Soziologie ermöglicht, dafür sind wir natürlich sehr dankbar. Der DAAD fördert im Rahmen des „Welcome Program“ studentische Hilfskraftstellen an Instituten der LMU, und dadurch erhalten auch wir einige geförderte Hilfskraftstellen. Da wir vom MindLinks-Team ansonsten ehrenamtlich arbeiten, ist es schon sehr hilfreich, wenn es Leute gibt, die tatsächlich zehn Stunden die Woche in die Organisation stecken können und dafür auch bezahlt werden. Commit haben wir uns als neuen Verein ausgesucht, nachdem wir uns vom Frankfurter aeWorldwide losgelöst haben. Commit besteht überwiegend aus sehr jungen, motivierten Leuten, die Zusammenarbeit funktioniert daher sehr gut. Wir sind immer noch unsere eigene, freie Initiative, gehören aber offiziell zum Verein Commit, das heißt es gibt gemeinsame Organisationstreffen und wir arbeiten bei machen Projekten zusammen. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung fördert uns, davon und durch den DAAD erhalten wir vor allem finanzielle Unterstützung. Die reicht uns derzeit auch völlig aus, aber auch von Commit könnten wir theoretisch bei finanziellen Engpässen unterstützt werden.


Ihr habt vor kurzem auch ein neues Projekt im Rahmen von Mindlinks ins Leben gerufen, den Foto Blog Occlusions. Was genau ist die Idee dahinter, und wie gehen die Arbeiten voran?

Die Projekte sind ein kleineres Thema. Wir haben momentan keine Kapazitäten, groß eigene Projekte hochzuziehen. Aber wir freuen uns, wenn jemand zu uns kommt und ein Projekt umsetzen möchte. Wir können mit finanzieller Unterstützung helfen und auch Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Die Ideen kommen idealerweise natürlich aus der MindLinks-Gruppe, die etwas Neues selbst einbringen will.


Um abschließend einen Rahmen zum Anfang unseres Gesprächs zu schlagen: Habt ihr jetzt, wo MindLinks ja doch schon einige Zeit aktiv ist, das Gefühl, dass eure Projekte und Treffen die Kluft zwischen den Flüchtlingen und den hier in München Studierenden gut überwinden können? Oder bleiben doch noch Barrieren übrig, wie der vielfach bemühte und kritisierte Klischeebegriff der kulturellen Differenzen?

Auf der einen Seite – ja, ich denke schon, dass wir einiges erreichen. Tatsächlich wurden meine Erwartungen in vielerlei Hinsicht sogar übertroffen. Zum Beispiel sind richtige, feste Freundschaften entstanden, die auch halten würden, wenn es MindLinks und die wöchentlichen Treffen gar nicht mehr gäbe. In der Gruppe sind kulturelle Differenzen tatsächlich nicht so das Thema. Manchmal sind soziale Differenzen das wichtigere, trennende Moment, vor allem, was Finanzielles angeht – aber auch das ist unter Studenten nicht so gravierend, wir kommen alle aus ähnlichen Milieus und haben ähnliche Interessen.
Aber wir haben natürlich das Problem, das eigentlich jede Initiative wie unsere hat: Man spricht naturgemäß nur die Leute an, die sowieso schon interessiert und weltoffen sind. Wirklich Andersdenkende erreicht man gar nicht, die würden einfach nicht kommen. Man fördert also, was eh schon läuft. Die Geflüchteten, die hierher kommen, sind ohnehin schon diejenigen, die hier in Deutschland die besten Chancen haben. Immerhin werden hier Leute zusammengebracht, die sich auch nicht so unähnlich sind. Da gibt es also keine so große Kluft, die man überwinden müsste. Trotzdem habe ich schon das Gefühl, dass man auch als weltoffener, toleranter deutscher Student typische Bilder von Flüchtlingen im Kopf hat, und diese Bilder können hier sehr gut abgebaut werden. Man nimmt die Flüchtlinge als Menschen wahr, die vor ihrer Flucht genau das gleiche Leben hatten wie man selbst. Das ist schon ein Schritt, den man macht, eine neue Erfahrung.


Vielen lieben Dank für das Interview und den interessanten Einblick in eure Arbeit. Wir von der CampusZeitung wünschen euch weiterhin noch viel Erfolg!


von Fenya Kirst

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