Mittwoch, 20. September 2017

„Die Korrupten haben jeden Depp reingelassen“ - mit Münchens Nachtwächterin durch die Altstadt



Willkommen im Mittelalter. Ich bin Katharina Bichlmayrin, Münchens erste weibliche Nachtwächterin, geboren im 15. Jahrhundert.“ Es ist Samstagabend. 21 Uhr. Mitten auf dem Münchner Marienplatz. Die Sommerhitze ist immer noch drückend. Die Altstadt ist gut gefüllt mit sommerlich gekleideten Menschen, die in kurzen Kleidern, Shorts und Tops durch die Straßen flanieren. Ein lärmender Junggesellenabschied veranstaltet Trinkspiele und ist damit über den ganzen Marktplatz hörbar. Die drei Gestalten an der Mariensäule mit schwarzen Umhängen, großem schwarzen Hut mit einer Goldfasanfeder, einem Trinkhorn an der kleinen ledernen Umhängetasche, einer Laterne mit Kerze und einer langen Hellebarde stechen da deutlich hervor. Sie erscheinen wie Figuren aus einer anderen Zeit. Und das sind sie auch: Sie sind Nachtwächter.


Jeden Abend findet durch die Münchner Altstadt die Führung „Mit dem Nachtwächter durch München“ des „Weis(s)en Stadtvogels“ statt, der seit 19 Jahren Veranstalter für Stadtführungen in der bayerischen Landeshauptstadt ist. An diesem schwülen Samstagabend ist die Stadtführung gut besucht. Gleich mehrere Nachtwächter sammeln ihre Teilnehmer ein und ziehen los. Eine davon schlüpft in die Rolle der fiktiven Nachtwächterin Katharina Bichl-mayrin: „Schee, dass kemma seids“, begrüßt die mittelgroße Frau die gespannt wartenden Menschen. Sie sammelt noch schnell das Geld in ihrer kleinen Umhängetasche ein: Die Veranstaltung kostet für Kinder acht Euro, für Rentner und Studenten 15 Euro und für Erwachsene 16 Euro. Und schon geht`s los. Die Stadtführerin schildert gut gelaunt ihre Aufgaben vor der Rathaus-Apotheke am Marienplatz. Anschaulich demonstriert Katharina Bichlmayrin an den Teilnehmern, dass die Hellebarde, die eigentlich dazu da ist, „dass man schee ausschaut“ auch zur Verteidigung verwendet werden kann. Die Spitze setzt sie als „Darmwickler“ an den Bauchnabel eines jungen Mannes und die breite Klinge als „Scheitelzieher“ auf den Kopf eines älteren Herrn.
Etwa 20 Menschen hören gebannt zu. Eine bunt gemischte Gruppe: Familien, Pärchen, Freunde, jung und alt, Männer und Frauen. Die vorbeigehenden Leute sehen immer wieder staunend auf diese Gruppe und die Figur aus dem Mittelalter. Manche bleiben kurz stehen und hören zu. Dann heißt es auch schon: „Folgt mir.“

Die erste Station ist das östliche Stadttor. Bevor die Gruppe hindurchgeht, lenkt die Nachtwächterin die Aufmerksamkeit auf das Bild des heiligen Onuphrius an der Fassade des Hauses Nummer 17 am Marienplatz, dem Patron der Reisenden. Daraufhin geht die Gruppe durch das Talburgtor, eines der Stadttore von Münchens alter Stadtmauer. Hier zeigt Katharina auf den handgroßen Schlüssel, der an ihrer Tasche hängt. Der Nachtwächter im Mittelalter hatte die Aufgabe, abends die Stadttore zu schließen und bis zum Ende der Nacht für Ruhe und Ordnung zu sorgen. „Heute müsst ihr mit mir noch bis fünf Uhr mitgehen“, verkündet Katharina den Teilnehmern. Der Jüngste schaut sie etwas überrascht an: „Hod dir des koaner gsogt?“, fragt sie ihn und schaut ihn dabei eindringlich an, während sie mit einer Hand die Krempe ihres Hutes anhebt.

Weiter geht es, immer an der alten Stadtmauer entlang. Daher sind die Straßen um den Marienplatz auch alle gekrümmt, da die mittelalterliche Stadtmauer Münchens rund war. Die Stadtmauer und der Burggraben sind nicht mehr zu sehen. Aber Katharina Bichlmayrin sieht in der Baustelle in der Sparkassenstraße ein Zeichen dafür, dass der Burggraben wieder ausgehoben wird. Wer denkt, dass die Stadtmauer lückenlos die ganze Stadtmauer umschlossen hat, wird kurz darauf eines besseren belehrt: „Natürlich hatte jede Stadtmauer Löcher, durch die die zu spät Kommenden durchschlüpfen konnten.“ Die Nachtwächter wussten allerdings von diesen Löchern und haben die Trödler abgefangen, aber mit ein bisschen Geld war dies auch schnell erledigt: „Die Nachtwächter waren hoch korrupt. Die haben jeden Depp rein gelassen.“

Und schon geht es weiter zur Burgstraße und in den Alten Hof. Hier ist der nächste Junggesellenabschied des Abends. „Man darf Männer nicht so lange allein lassen“, kommentiert die Stadtführerin die vorbeiziehenden, sichtbar angetrunkenen Männer. Dann informiert sie die Teilnehmer über den Bau des Alten Hofes und die Wittelsbacher, auf die die Münchner aber „saugrantig“ waren. So hätte der Herzog seine Burg nur am Stadtrand bauen können, die die Münchner dann auch noch dreimal in Brand gesetzt hätten, sagt die Nachtwächterin, der es sichtlich Spaß macht, diese Geschichte zu erzählen.

Während Katharina Bichlmayrin mit ihrer Gruppe im Alten Hof steht, kommen noch zwei Nachtwächter mit jeweils etwa 30 Teilnehmern. Aber Katharina zieht schon weiter, raus aus dem Alten Hof und rein in den Marienhof. „Is des ned schee?“, fragt sie mit Blick auf die dortige Großbaustelle, bei der ihrer Meinung nach auch der alte Burggraben wieder ausgegraben wird. Hier braucht sie die Hilfe eines mitgehenden Mannes, um die Kerze ihrer Laterne anzuzünden, da es inzwischen dunkel geworden ist.
Die nächste Station ist die Theatinerstraße, an der früher das Nordstadttor war. Dieses steht heute nicht mehr, aber dadurch, dass Straßennamen an der Stadtmauer aufgehört haben, ist die Lage des alten Tors zu erkennen: Die Theatinerstraße geht dort in die Weinstraße über. Von hier aus geht Katharina in die Schäfflerstraße: „Hier war im 15. Jahrhundert nia a Rua“, weiß sie zu berichten. An jeder Station bekommt die Gruppe neue Informationen über das historische München – Stadtgeschichte bayerisch-lustig, informativer und unterhaltsamer als jedes Schulbuch. Es erstaunt, dass die Stadtführerin keine ausgebildete Schauspielerin ist. Wie viele andere Münchner Stadtführer ist sie Laienschauspielerin und kommt eigentlich aus den Geisteswissenschaften. Sie hat Kommunikationswissenschaft studiert, und interessiert sich sehr für Geschichte. Die Münchner Nachtwächter des „Weis(s)en Stadtvogels“ stammen aus allen beruflichen Ecken, auch Lehrer sind darunter, die die Führungen nebenberuflich machen. Alle haben sie eine Stadtführerausbildung gemacht und arbeiten so, wie der „Weis(s)e Stadtvogel“ sie braucht. Im Sommer haben die touristischen Nachtwächter mehr zu tun, im Winter weniger. Die Stadtführerin weiß ihre Gruppe zu unterhalten, auch abseits der Münchner Stadtgeschichte. „Ihr könnt gehen, denn ich bin jetzt da“, neckt sie zwei vorbeigehende Polizisten, die sich sichtlich darüber amüsieren: „Dann gehen wir jetzt heim“, freuen sie sich.

Und heim gehen müssen bald auch die Gefährten der Nachtwächterin. Es ist bereits 23 Uhr. Zuerst führt Katharina Bichlmayrin sie aber noch zum Dom, der heutigen Frauenkirche: „An ihm haben hauptsächlich Schwaben und Franken gebaut, da der Bayer nicht schwindelfrei war.“ Über die Augustinerstraße und Fürstenfelderstraße erreicht die Gruppe schließlich das Südeck des mittelalterlichen Münchens an der Ecke Sendlingerstraße/Rosenstraße. „Jetzt habt ihrs gschafft. Jetzt sind wir einmal um die Stadt rumglatscht.“ Und das stimmt. Die Nachtwächtertour führte ziemlich genau rings um den Marienplatz an der alten Stadtmauer entlang. Auch wenn die Teilnehmer der Stadtführung sich nun auf den Heimweg machen, Katharina Bichlmayrin muss noch bleiben: „Ich halte noch Wach“, sagt sie zum Abschied.

Von Michaela Sanktjohanser

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